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Politik

Wie man die Bruttovolksmoral misst

Kultur gehört geschützt und gefördert. Und wenn man sie noch mit Tugenden verbinden kann, dann kann nur so etwas wie eine Bruttovolksmoral dabei herauskommen. Doch, Sie haben richtig gelesen: Bruttovolksmoral.

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Man kann ja nicht im Meditieren versinken. Oder tagelang Räucherkerzen anzünden. Oder von Tempel zu Tempel pilgern. Von irgendwas muss jeder leben. Sein Brot verdienen. Ewige Vergänglichkeit mag ein fesselndes Konzept sein, sogar für Nicht-Buddhisten, aber ein Mensch ist halt auch nur menschlich. Hat Gelüste. Verlangen. Und auch Süchte.

Thailand wird auch heute noch gerne verklärt, in Mythen getaucht, mit orientalistischer Mystik betröpfelt und dann mit Exotik serviert. Dabei gibt es auch hier hässliche Satellitenstädte. Und Massenkarambolagen. Und Elend. Und stupende Bürokratie, die existiert auch.

Kultur als schlechte Tanzdarstellung

Fortschritt also, oder die Moderne oder die Gegenwart, ist schon längst angekommen im Königsreich. Das Gerangel zwischen Traditionen und Globalisierungstendenzen, dass in Thailand - wie in der gesamten Dritten Welt, und nicht nur dort - existiert, das mag niemand. Und deshalb ist das enorme Kultusministerium Thailands stets damit beschäftigt, alles Einheimische zu schützen, am Leben zu erhalten. Zu fördern. Auch wenn vieles davon direkt in den Tourismus abgleiten - also zu schlechten Tanzdarstellungen und zu unsinnigen Projekten, Kampagnen und Slogans mutiert.

Bruttovolksmoral statt Bruttosozialglück

Und die Thais sind darin auch nicht allein. In Bhutan hatten sich ein paar kreative Köpfe zusammengesetzt und wollten was für die Nationalkultur tun. Wollten etwas entwerfen, das auch bei den Einheimischen ein Wohlgefühl auslösen könnte. Das Ergebnis war das Bruttosozialglück. Dies Konzept ist eigentlich ein ganz niedliches. Wahrscheinlich gab es seitdem unter den hiesigen Kulturhütern so einige, die die Bhutaner um den medialen Glücksgriff beneideten. Wollten es ihnen gleich tun. Oder sie gar übertreffen. Thailand muss mitziehen bei so etwas. Schließlich hatte es jahrelang einen unvergesslichen Hit mit „Amazing Thailand“.

Bruttovolksmoral ist das Ergebnis vieler Brainstorming-Sitzungen und langer Diskussionen. Es soll die Tugend unter den Thais messen. Zunächst ist klingt „Bruttovolksmoral“ genauso mythisch wie das bhutanische Bruttosozialglück. Nur ist es genauso verschwommen. Und genauso verklärend.

Bescheidenheit und Barmherzigkeit

In den Schuhen des Pressesprechers des Ministeriums möchte man nun nicht stecken. Denn dieses Konzept der Welt zu erklären wird sich schwierig gestalten. Es ist geradezu unmöglich. Daher murmelte Kriengkrai Sampatchalit der Sprecher des Kultusministeriums, während einer Pressekonferenz vergangene Woche etwas von “Verantwortung, Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Barmherzigkeit”, als er nach den Faktoren für den Index gefragt wurde. Die Volkstugend zu bewerten sei eine “harte Nuss”, meinte er dann noch.

Anstatt sozialer Gerechtigkeit also bemüht sich Thailand um eine moralische. Oder so ähnlich. In den Index sollen Kriminalitäts- und Armutsstatistiken einfließen, Verbraucherbeschwerden und Zahlen aus dem Gesundheitswesen. Bei dem Brei, da dürfte auch so mancher hart gesottene Statistiker verzweifeln.

Aber der gute Wille ist ja, was zählt. Die Militärjunta, die das Land zurzeit regiert, scheint die Polizei besser unter Kontrolle zu haben als die vorige Regierung unter Thaksin Shinawatra. Bei Verkehrskontrollen zahlt man die korrekten Strafgebühren anstatt schikaniert zu werden. Polizeirazzien in den Clubs der Stadt finden nun nicht mehr täglich statt. Die derzeitige Regierung ist ein wenig mehr der politischen Korrektheit verbunden. Das wird auch der Index der Bruttovolksmoral bestätigen, wenn er demnächst veröffentlicht wird. Dafür werden die Herren Putschisten schon sorgen.