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Wie man aus dem Isländischen übersetzt

Die isländischen Sagas erzählen von der Besiedelung des Landes im frühen Mittelalter. Bis heute identifizieren sich die Isländer mit ihren Helden. Eine Neuübersetzung macht sie jetzt auch in Deutschland bekannt.

Manuskript einer Islandsaga © The Árni Magnússon Institute for Icelandic Studies

Manuskript einer Islandsaga

Die isländischen Sagas sind eine Mischung aus Geschichtsschreibung und Fiktion, sie gehören zur allerersten Literatur Islands überhaupt. Finanziell unterstützt von der Kunststiftung NRW ist im S.Fischer Verlag jetzt eine komplette Neuübersetzung ins Deutsche erschienen. Der deutsch-isländische Schriftsteller Kristof Magnusson hat daran als Übersetzer der "Grettis Saga" mitgearbeitet. Im Gespräch mit DW-WORLD erläutert er die Geschichte von Grettir und die besonderen Herausforderungen der Übersetzung.

DW-WORLD.DE: Kristof Magnusson, worum geht es in der Grettis Saga? Was ist der Grundkonflikt?

Kristof Magnusson: Die Saga von Grettir ist eine Saga über einen Menschen, der eigentlich alles Zeug zu einem Helden hat und doch zum Antihelden wird. Grettir ist ein Mensch, der ist stark und mutig, besiegt Berserker und rettet Bauersfrauen. Trotzdem ist ihm immer sein aufbrausendes Temperament im Weg. Er kann sich nicht beherrschen und schlägt auch einfach mal jemanden um. Außerdem ist er Muttersöhnchen und hat Angst vorm Dunkeln. Also eigentlich ist das jemand mit den größten Talenten und Fähigkeiten; intelligent ist er auch und kann sogar dichten. Aber er kriegt es nicht hin, diese ganzen Talente positiv nutzbar zu machen. Und so kommt es dazu, dass er die letzten zwanzig Jahre seines Lebens dann als geächteter und vogelfreier Mensch leben muss.

Was waren denn die größten Herausforderungen bei der Übersetzung?

Kristof Magnusson (Foto: Thomas Dashuber)

Kristof Magnusson

Bei der Übersetzung ist es eigentlich am wichtigsten, diesen Ton hinzukriegen. Einmal ist im Isländischen alles so wunderbar einfach - ganz schlicht, ganz minimalistisch und lakonisch. Da ist kein Wort zuviel, und trotzdem wirkt es sehr schön erzählt. Obwohl viele Wortwiederholungen drin sind. Die Isländer stört es nicht, wenn man sozusagen immer wieder "er sagte", "er sagte", "und er sagte" schreibt. In Deutschland lernen wir hingegen, dass man dann abwechseln muss, "er sagte", "er entgegnete", "er erwiderte" zum Beispiel. Das heißt, was im Isländischen so schön einfach klingt, kann im Deutschen schnell einfältig klingen.

Außerdem ist das Altisländische dem heutigen Isländisch noch relativ verwandt. Das heißt man kann es lesen. Wenn ich jetzt ein Deutsch aus dem 13. Jahrhundert benutzen würde, dann würden deutsche Leser kein Wort verstehen - abgesehen davon, dass ich das auch gar nicht könnte. Aber ich hatte immer ein bisschen Angst, in so einen altertümelnden Klang zu verfallen. Und das ist aber eigentlich der falsche Sound.

Kann man den Sound irgendwie beschreiben?

Dadurch, dass Island so lange als Land isoliert war, hat sich die Sprache nicht so sehr verändert. Das heißt, der Sound ist immer noch ein relativ heutiger. Und ein wirklich knapper, trockener Sound. Also zum Beispiel Grettir, der Sagaheld, den ich übersetzt habe, der bringt mit sechzehn einen Knecht um, und dann schicken sie ihn nach Norwegen. Das hat man damals so gemacht. Das war so eine Art Erlebnispädagogik, wenn man so will, die Problemjugendlichen wurden aufs Schiff gesetzt und mussten nach Norwegen für ein paar Jahre. Grettir wird also verabschiedet, und das Ganze wird kommentiert mit nur einem Satz: "Viele wünschten ihm eine gute Reise, wenige wünschten, er käme zurück."

Oder noch ein anderes Beispiel: Die größten Sagahelden waren ja auch gleichzeitig Skalden, also Dichter, die diese besondere nordische Gedichtform beherrschten. Und die zeichnet sich durch sogenannte Kenningar aus. Das sind Formen von Metaphern, mit denen man Dinge umschreibt - man sagt nicht "Blut", sondern "Speise der Raben", oder man sagt nicht "Schiff", sondern "Ross der Planken". Nicht "Himmel", sondern "Bürde der Zwerge".

Aber wie verstehe ich das denn im Deutschen? Wenn ich "Ross der Planken" lese, weiß ich doch gar nicht, was damit gemeint ist.

Manuskript einer Islandsaga © The Árni Magnússon Institute for Icelandic Studies

Für uns war es sehr wichtig, eine Ausgabe zu machen ohne Fußnoten. Also eine Ausgabe, die literarisch interessierte Leser mit Spaß lesen können, ohne dauernd irgendwie blättern zu müssen. Das heißt, in dem Prosatext haben wir gar keine Fußnoten. Aber in diesen Skaldenstrophen, die ab und zu auftauchen, da schreiben wir dann klein drunter, dass etwa "Verschwender des Goldes" "Mann" meint.

Eine andere Herausforderung war, dass die isländische Sprache die ganzen Lehnwörter aus dem Griechischen, Lateinischen und Französischen, die wir im Deutschen ja alle haben, nicht kennt. Da gibt es ein Beispiel, das mir sehr großes Kopfzerbrechen bereitet hat. Da wird der Bruder von Grettir umgebracht. Der guckt aus seinem Hof raus: 'Hat jemand geklopft?' Er macht die Tür auf, guckt. Und dann springt ihm jemand vor die Nase und rammt ihm einen Spieß in den Leib, einen sehr breiten Spieß. Und er guckt noch an sich runter, sieht, wie sozusagen der Spieß in ihm verschwindet und sagt noch 'Diese breiten Spieße kommen in letzter Zeit in Mode'. Und dann stirbt er. Nun ist die Frage, was macht man mit dem Wort Mode. Es ist natürlich ein Wort, das eigentlich nicht so in diesen Sound rein passte. Und dann habe ich letztendlich daraus gemacht, dass er diesen Speer anguckt und sagt 'Breite Spieße werden immer beliebter'.

Das Gespräch führte Gabriela Schaaf
Redaktion: Claudia Unseld

Die Isländersagas. 4 Bände und ein Begleitband. Hrsg. von Klaus Böldl, Andreas Vollmer und Julia Zernack. S. Fischer Verlag September 2011. 2676 S. 98 €

Von Kristof Magnusson erschien zuletzt:
Gebrauchsanweisung für Island. Piper Verlag. 208 Seiten. 14,95 Euro

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