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Bildung

Wie Lernen gelingt

Ohne Fleiß kein Preis: Dieses alte deutsche Sprichwort stimmt nicht, wie eine aktuelle Studie zeigt. Studenten, die viel lernen, haben nämlich nicht unbedingt die besseren Noten.

Drei Jahre lang untersuchte der Hamburger Pädagoge Rolf Schulmeister in einer international einmaligen Studie das Lernverhalten deutscher Studenten. Die jetzt vorliegenden Ergebnisse sind ernüchternd, denn Lernerfolg und Lernaufwand haben wenig miteinander zu tun. Schulmeister fordert daher eine Reform der Lehre an den Universitäten.

Deutsche Welle: Wenn es nicht der Fleiß ist, der im Studium zum Erfolg führt, was ist es dann? Etwa die Intelligenz?

Prof. Dr. Rolf Schulmeister, Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung (ZHW) der Universität Hamburg (Foto: privat)

Prof. Dr. Rolf Schulmeister

Rolf Schulmeister: Nein, um Gottes Willen! Die Intelligenz ist es nicht. Es ist auch nicht die Begabung, sondern es ist die Lernmotivation. Sie schlägt sich in unterschiedlichem Lernverhalten nieder und das kann bei einigen dazu führen, dass sie sich schnell ablenken lassen und bei schwierigen Texten, Statistik oder Mathematik, sagen: "Das mache ich lieber nächste Woche". Dazu verführt im Übrigen auch die Lehrorganisation der Studiengänge mit acht bis zwölf Lehrveranstaltungen pro Woche. Der Student weiß dann gar nicht, für welche der Veranstaltungen er richtig lernen soll.

In Ihrer Studie, für die Sie Hunderte von Studenten Lerntagebücher haben führen lassen, unterscheiden Sie fünf verschiedene Lerntypen. Welcher Lerntyp kommt besonders gut, wer eher schlecht an der Uni zurecht?

Am besten zurecht kommt der Lerntyp des sogenannten "Selbstbestimmten Lerners" zurecht, der eine hohe Konzentrationsfähigkeit aufweist und in einer Stunde sehr aufmerksam lernen kann. Dadurch schafft er mehr als andere. Das Gegenteil dazu sind Lerner, die ein "vermeidendes Lernen" aufweisen. Wenn es schwierig wird, greifen sie zu Ablenkungsmanövern, also Fernsehen oder Facebook. Und sie verschieben dann gerne Aufgaben auf später. Kurz vor der Prüfung wird dann erst gelernt.

Seit 2009 untersuchen Sie in Ihrer "Zeitlast-Studie" den Zeitaufwand und Erfolg deutscher Studenten. Dabei haben Sie festgestellt, dass Studierende pro Woche durchschnittlich nur 23 Stunden für die Uni arbeiten. Trotzdem klagen viele über Stress. Hat das mit ihrem Lernverhalten zu tun?

Das hat einerseits mit ihrem Lernverhalten zu tun, aber andererseits auch mit der Struktur der Studiengänge, wie sie ihnen angeboten wird. An deutschen Universitäten werden in einem Studienfach viel zu viele Lehrveranstaltungen pro Woche angeboten, die sich alle mit verschiedenen Themen beschäftigen. Viele Studenten wissen dann nicht, für welche dieser Themen sie arbeiten sollen. Hinzu kommt, dass vier Monate später, also jeweils im Januar oder im Juli, alle Prüfungen für die ganz verschiedenen Lehrveranstaltungen vor der Tür stehen. Das ist für viele Studenten eine echte Bedrohung.

Wie müsste das Studium denn organisiert sein, damit Studenten das Lernen leichter fällt?

Im Rahmen der Studie haben wir in einigen ingenieurwissenschaftlichen und Informatik-Studiengängen die Module, aus denen das Bachelorstudium neuerdings besteht, in geblockter Form angeboten. Die Module wurden vier Wochen lang am Stück gelehrt und nicht verteilt auf die 14 Wochen, die das Semester in der Vorlesungszeit dauert. Der Student konnte sich so auf jeweils ein Thema konzentrieren. Mit Erfolg: Die Studierenden haben plötzlich nicht mehr nur 23 Stunden, sondern 34 Stunden in ihr Studium investiert. Im Informatikstudiengang in St. Pölten konnten wir beobachten, dass die Studenten in den anschließenden Prüfungen eine bis anderthalb Noten besser waren.

Das heißt, Sie plädieren für Blockunterricht an den deutschen Universitäten. Macht das denn in allen Studienfächern Sinn?

Es gibt genügend Fächer, in denen es außer den Hauptveranstaltungen nur Wahlfächer gibt, so dass sich auch hier der Blockunterricht gut einführen ließe. Wir haben es an der Technischen Universität Ilmenau so gemacht, dass die Studenten die geblockten Module nur an drei Tagen hatten und zwei Tagen die Wahlveranstaltungen. An vielen Colleges in Kanada finden die Veranstaltungen nur halbtags in jeweils für vier bis fünf Stunden statt, auch das ist ein mögliches Modell.

Ihre "Zeitlast-Studie" schließen Sie in diesem Frühjahr ab. In Deutschland ist viel darüber diskutiert worden. Haben Ihre Untersuchungen an den Unis etwas verändert?

An der Technischen Universität Ilmenau hat man die Konsequenz gezogen und ein sogenanntes Basissemester eingeführt, in dem ähnlich gearbeitet wird. Andere Universitäten testen es noch in Pilotstudiengängen, und im österreichischen St. Pölten fand gerade ein "Tag der Lehre" statt, auf dem viele Hochschulrektoren zu Gast waren, die sich ebenfalls alle für einen Pilotversuch angemeldet haben.