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Wirtschaft

Wie Lady Gaga das US-BIP steigert

Es klingt wie ein Wunder: Die amerikanische Wirtschaft wächst auf einen Schlag um rund drei Prozent - das sogenannte Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird anders berechnet als bisher.

US-Popqueen Lady Gaga hat weltweit rund 90 Millionen Tonträger verkauft. Mit den Erlösen hat sie einen ordentlichen Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt der USA geleistet. Auch der Verkauf von Lady Gaga T-Shirts oder Konzerttickets trug zum Wirtschaftswachstum bei. Künftig werden jedoch auch Titel, die sich kaum verkaufen, mehr Gewicht haben im BIP. Sogar wenn Lady Gaga im Tonstudio stundenlang über neue Songs grübelt, steigert sie in Zukunft das US-Wachstum.

Dieser "Prozess der Wertschöpfung" gilt in den USA künftig als Investition, die ins BIP fliest, genauso wie andere Investitionen. "Der gesamte Bereich Forschung und Entwicklung wurde bisher als Zwischenerzeugnis gewertet. Ein Gut, das während der Produktion genutzt wird, wie beispielsweise Energie", sagt Kim Schoenholtz, Ökonom an der New York University, im Gespräch mit der DW.

Wenn ein Unternehmen Energie einkaufe, um damit etwas zu produzieren, dann fließe nicht dieser Kauf in die BIP-Erhebung mit ein, sondern nur das Endprodukt. Sonst wäre das eine Doppelberechnung. "Aber bei diesem Ansatz, der Forschung und Entwicklung nur als Zwischenprodukt sieht, wird nicht berücksichtigt, dass Wissen Kapital ist", meint Schoenholtz.

Wer international vergleicht, vergleicht Äpfel mit Birnen

Kim Schoeholtz, Ökonom an der New York University Copyright: DW/M. Braun

Kim Schoeholtz, Ökonom an der New York University

Das Bureau of Economic Analysis, das in Washington für die Buchhaltung zuständig ist, wird Kunst und "kreative Werke" ab jetzt als "immaterielle Vermögensgegenstände" betrachten und nicht mehr nur die damit erwirtschafteten Umsätze. Das gilt auch für Bücher und Filme und eben auch für den Bereich Forschung und Entwicklung. Wurde bisher das iPad nur als Endprodukt im BIP berücksichtigt, fließt künftig auch der gesamte Entwicklungs-Prozess des Tablets mit ein.

Die Revision in den USA passt sich an das System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung an, das von den UN, der EU-Kommission und dem IWF im Jahr 2008 beschlossen wurde. "Diese Standards müssen alle angeschlossenen Länder bis 2014 umsetzen", sagt Schoenholtz. Die USA sind die Ersten, die diese Neuordnung vornehmen. Deutschland wird im September 2014 nachziehen.

Wer international vergleichen will, vergleicht ab August also sozusagen Äpfel mit Birnen. Auch die Gewichtung der US-Staaten untereinander wird verschoben. Das BIP von New Mexico beispielsweise wird um rund zehn Prozent wachsen - dort sitzen viele Forschungseinrichtungen der Rüstungsindustrie - das von Louisana nur rund 0,6 Prozent.

Schuldenlast und Staatsausgaben erscheinen kleiner

"Die nationale Aufmerksamkeit wird das schon ein paar Tage in Atem halten", sagt Ökonom Schoenholtz. Denn schließlich werden sich auch die Bezugsgröße für viele volkswirtschaftlichen Kennzahlen verändern.

Die Schuldenlast im Verhältnis zum BIP wird dadurch kleiner, genauso wie die Staatsausgaben. Die Auswirkungen auf die Berechnung der Inflationsrate, sind noch nicht klar ersichtlich.

Und auch die Aktienindizes orientieren sich am BIP. Ein nationaler Aktienmarkt gilt als überbewertet, wenn der Wert aller Aktien rund 90 bis 115 Prozent des BIP erreicht. Dieser Wert wird leicht sinken, was die Höhenflüge an den Märkten also weiter vorantreiben dürfte.

Glücklicher als gedacht

Schoenholtz befürchtet keine großen Verwerfungen: Das BIP werde regelmäßig angepasst, Neuerungen gebe es alle paar Jahre. "Zwar nicht immer so umfangreich wie in diesem Fall, aber man macht das ja, um ein besseres Bild von der Vergangenheit und der Gegenwart zu bekommen, und das ist ja nichts Schlechtes."

Drei Prozent mehr Wirtschaftswachstum werden also durch die Neuberechnung generiert. Und das BIP ist der wichtigste Maßstab für die wirtschaftliche Leistung eines Landes, an der sich Politiker, Investoren und Zentralbanker orientieren. Das ist ein bisschen so, als wenn jemand sagt: Du bist glücklicher, als du dachtest. Die Freude darüber bleibt jedoch verhalten, denn weder werden Löhne rückwirkend erhöht noch neue Jobs geschaffen.

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