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Wissen & Umwelt

Wie kommt der Slum ins Internet?

Obwohl es in vielen Favelas Brasiliens oft an Infrastruktur fehlt, gehört auch dort das Internet zum Alltag dazu. Über Kampagnen auf Facebook oder Twitter machen junge Menschen auf ihre Probleme aufmerksam.

Noch bevor er morgens das Haus verlässt, greift Michel Silva nach seinem Smartphone und aktualisiert zu allererst seinen Blog. Dann guckt er noch schnell auf Twitter und lädt einige Fotos auf Facebook hoch. Anschließend geht er in die Schule. Auch wenn in der Favela immer wieder der Strom ausfällt, ist der 19-Jährige mit Hilfe seines Handys ständig online und berichtet über das Leben in dem Armenviertel.

In der größten Favela Río de Janeiros, der Rocinha, sind mehr als die Hälfte der Einwohner durch ein Mobiltelefon online - genau wie Michel. Viele junge Menschen nutzen soziale Netzwerke, um über Schießereien, Drogengangs oder kaputte Straßen und eingestürzte Häuser zu berichten. Auch Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl zogen 2009 in die Rocinha. Die Berliner Journalistinnen versuchen "aus einer anderen Perspektive über das Geschehen vor, während und nach der WM" zu berichten.

Frauen mit Smartphones in der Favela Rocinha Brasilien (Foto: Buzzingcities.net)

50 Prozent der Rocinha-Bewohner sind heute online

Durch den ständigen Austausch mit anderen Lokalreportern und Favelabewohnern auf sozialen Netzwerken erfahren sie, wo man sich gerade aufhalten kann und wo nicht. Durch Auseinandersetzungen zwischen den Drogengangs und der sogenannten "Befriedungspolizei" (UPP) komme es in den letzten Monaten nämlich immer wieder zu Schießereien.

Der Fall #Amarildo

Auslöser dafür sind Fälle wie der von Amarildo de Souza, ein Maurer aus der Rocinha, der während einer Razzia der UPP im Juli 2013 verschwand, und nie wieder auftauchte. Der Fall Amarildos löste ein niemals zuvor erlebtes Echo in der Öffentlichkeit aus. Favelabewohner und Unterstützer der internationalen Kampagne "Cadê o Amarildo?" (Wo ist Amarildo?) forderten die Aufklärung des Falles. Auf Facebook und Twitter haben sie unter dem Hashtag #Amarildo Tag und Nacht gepostet. "Eine Untersuchungskommission fand heraus, dass Amarildo zu Tode gefoltert worden war, weil die Polizei sich Informationen über den Drogenhandel in der Rocinha von ihm erhofft hatte", erklärt Jaroschewski. Die Leiche Amarildos ist bis heute nicht aufgetaucht.

Zum ersten Mal wurde das Phänomen der Verschwundenen in Brasilien breit diskutiert, 25 Polizisten wurden wegen Folter angeklagt. "Dadurch hat die Polizei einen großen Imageschaden erlitten, die Favelabewohner vertrauen ihnen kaum mehr", meint Peteranderl. Das habe auch dazu geführt, dass die Drogengangs in ihren alten Vierteln

erneut an Präsenz gewinnen und die Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Banden wieder zunehme

.

Unsichtbar auf Googlemaps

Screenshot Google Maps Favela Rio

Auf Googlemaps sind nur ein paar Hauptstraßen der Rocinha erkennbar

Politik, Wirtschaft und Medien haben die Favelas in Brasilien jahrzehntelang ignoriert. Allein in Río de Janeiro lebt jedoch ein Viertel der Bevölkerung in einer Favela. Das sind etwa 1,4 Millionen Menschen. Erst durch die Kartierung von Googlemaps wurde den Brasilianern die Ausdehnung der Favela-Gebiete bewusst. "Viele Brasilianer waren schockiert, weil die riesigen Favelas, die plötzlich auf Googlemaps angezeigt worden sind, von Sehenswürdigkeiten wie der Christusstatue oder dem Zuckerhut abgelenkt haben", erklärt Jaroschewski. Das ist kein ideales Bild für den Tourismus, gerade jetzt während der WM und auch nicht mit Blick auf die bevorstehenden Olympischen Spiele 2016.

"In Rio de Janeiro haben Tourismusverantwortliche deswegen mit Lobbyarbeit versucht, den Begriff "Favela" wieder von Googlemaps verschwinden zu lassen". So werden viele der Armenviertel zwar unter ihren Namen angezeigt, es ist über die Suchmaschine jedoch nicht erkennbar, dass es sich um eine "Favela" handelt. Auf der Karte von Rocinha werden beispielsweise nur einige der Hauptstraßen angezeigt.

Frauen mit Smartphones in der Favela Rocinha Brasilien (Foto: Buzzingcities.net)

Über ein paar Klicks in der Favela informiert bleiben

Mobile Kartierung

Die mobilen Favelabewohner haben bereits auf dieses Problem reagiert. Sie wollen sich nicht für die Armut ihrer Viertel schämen müssen. "Mit Projekten wie

'Wikimapa'

versuchen sie ihre Favela zu kartieren, um auch die schönen Seiten der Viertel zu zeigen", so Peteranderl. "Sie machen Fotos von verschiedenen Orten und laden diese auf eine virtuelle Karte hoch."

Damit verschaffen die Netzaktivisten in den Favelas allen einen Überblick über Sehenswürdigkeiten wie Kirchen, Krankenhäuser, Schulen oder Sportzentren. Die virtuellen Karten sollen nicht nur den Blick der Besucher von außen verändern, sondern wirken auch nach innen: Die Favelabewohner entdecken Orte in ihrer Gemeinschaft, die sie vorher selber nicht kannten und manche Geschäftsinhaber erhoffen sich dadurch sogar ein wenig kostenlose Werbung.

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