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Politik

Wie Kairo, nur in Thailand

Jeden Sommer belagern Touristen aus den Golfstaaten Bangkok, und Jahr für Jahr werden es mehr. Die Tourismusbranche ist entzückt – und dankt dem internationalen Terror für volle Kassen.

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Auch Bangkok hat ein "Chinatown", wie jede Groβstadt auf der Welt. Daneben gibt es Viertel für Japaner, für Koreaner, für Inder, für Israelis. Doch verlässt man den Skytrain – Bangkoks Hochbahn – an der Nana-Station, findet man sich in einem bazaar-ähnlichen Gassen-Wirrwarr, das einen an Kairo erinnert.

Vor Kebabständen reihen sich Hungrige in die Schlange, in atmosphärischen Freiluft-Teestuben ist jeder Platz besetzt. Man nuckelt an Wasserpfeifen. Jeder Schneider hat Angestellte, die Arabisch sprechen. Der beturbante Besitzer des kleinen Reisebüros an der Ecke verkauft an Touristen, die im Sahara Hotel absteigen, gern Tagesausflüge. Zeitungen aus alllen Golfstaaten kaufen sich die Touristen in ihren wallenden Gewändern. Selbst die Prostituierten sind entweder importiert oder zumindest multilingual.

Obwohl von Einheimischen belächelnd "Klein-Afrika" genannt, ist das Nana-Viertel fest in arabischer Hand. Ein Hotel offeriert sogar eine kleine Moschee auf dessem Gelände. Jetzt im Sommer, während der Regenzeit, wird Bangkok von Touristen aus dem Nahen und Mittleren Osten gestürmt – dank der billigen Pauschalreisen, den kurzen Flugzeiten und auch dem Wetter. 35 Grad sind noch immer besser als 50. Viele Hotels sind komplett ausgebucht. Im JW Marriott spricht fast jeder dritte Gast Arabisch, die meisten im Saudi-Dialekt. Das Hotel hat für die Sommermonate einen Chef aus Kairo einfliegen lassen.

Die arabische Touristeninvasion

Im Süden Thailands ist die Lage garstig. Phuket ist übersät mit Plakaten, die über den Verkauf von Restaurants und auch ganzen Hotelanlagen informieren. Fast 40.000 Angestellte musste die Hotelbranche feuern. Rund 180 Unternehmen sind geschlossen worden, darunter der Autovermieter Avis. In abgelegeneren Gebieten gibt es immer noch nur halbtagsweise Strom.

Doch Bangkok boomt, der Touristen aus den Golfstaaten wegen. Schon überlegt sich das Ministerium für Sport und Tourismus, "Klein-Afrika" offiziell in "Arabische Straβe" umzutaufen, um noch mehr Araber anzulocken. Immerhin lassen arabische Touristen viel mehr Geld in Thailand als Europäer. Immerhin ist die Kaufkraft ersterer beim Shoppen unschlagbar.

Ressentiments sind unbekannt

Dies ist sicherlich ein Grund für Thailands Tourismubranche, die Werbetrommel im Mittleren Osten anzukurbeln. 2004 stieg die Zahl der Ankünfte aus den Golfstaaten um fast 50 Prozent. Doch viele arabische Touristen verschweigen gern, warum sie bevorzugt nach Bangkok kommen. Seit den Terrorwelle, die 2001 in New York ihren Anfang nahm, mögen viele Araber nicht mehr ihren Urlaub im Westen verbringen. Ressentiments auf den Strassen europäischer Metropolen und Badeorte sind nicht unbekannt. Sharm El-Sheikh, bis vor kurzem auch für Araber ein beliebtes Urlaubsziel, ist seit den Anschlägen im Juni für sie tabu, ebenso wie der Libanon. Visaanträge brauchen schon mal Monate für die EU. In Thailand dagegen bekommen viele ihr Visum automatisch bei der Ankunft.

Die Thais in den Hotels und auf den Straβen Bangkoks sind auch weiterhin freundlich und hilfsbereit gegenüber den Golfstaatlern. Nun will der Verband der Thailändischen Reisebüros konkret Araber ins Land locken; einem ihrer Mitglieder zufolge kann durch die arabische Touristeninvasion Bangkoks die Branche nur gewinnen. Er sagte vor kurzem, dass man den Terroristen "eigentlich dankbar" sein könne. Schlieβlich bringen deren Anschläge Geld in die Kassen Thailands. Geld bringt Freude – scheinbar um jeden Preis.

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