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Kultur

Wie Künstler politisch plakatieren

Protest muss nicht künstlerisch gestaltet sein. Schon Brüllen kann ja reichen, um gehört zu werden. Aber politische Künstlerplakate entfalten eine faszinierend starke Wirkung, ganz ohne laut zu werden.

Plakat von Marie-Jo Lafontaine 1993. Darauf: Ein Kind, das mit einer Pistole auf den Betrachter zielt. Daneben der Schriftzug: Als das Kind noch Kind war (Foto: MKG Hamburg)

Litfaßsäulen sind im Stadtbild deutscher Großstädte zur Rarität geworden. Sie wirken wie kleine behäbige Ausgaben von Industrieschornsteinen, sollen jedoch keinen Rauch, sondern Botschaften ausstoßen. Genau genommen sollen die Litfaßsäulen nur mit Botschaften angereichert werden, beispielsweise mit drastischen politischen Plakaten.

Plakat von Hans Erni. Darauf zu sehen ein Atompilz mit Totenkopf. Darunter der Schriftzug: Atomkrieg. Nein (Foto: MKG Hamburg)

Plakat von Hans Erni für die schweizerische Friedensbewegung 1954

Die Ausstellung "Phantasie an die Macht – Politik im Künstlerplakat" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zeigt jetzt über 180 Plakate internationaler Künstler, um politische Protestbewegungen der vergangenen 60 Jahre darzustellen. Die Schau will das Spannungsfeld zwischen Utopie, dem Wunsch nach Mitbestimmung und politischer Geschichte nachzeichnen. Sie ist in sechs Bereiche unterteilt: Revolution, Frieden, Freiheit, Umweltbewegungen, Menschenrechte, sowie Diskriminierung und Globalisierung. Picassos Friedenstaube ist zu sehen, ebenso wie Käthe Kollwitz "Nie wieder Krieg" oder Klaus Staecks Plakat "Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen", das Anfang der 1970er Jahre viel Aufsehen erregte in der Bundesrepublik.

Eine junge Protestform

Das älteste Plakat, das in der Ausstellung zu sehen ist, entwarf der französische Maler Théophile Alexandre Steinlen (1859-1923), der darauf Freiheit für das Volk forderte. Ursprünglich war Shepard Faireys Werk "HOPE", das im Wahlkampf während der US-Präsidentschaftswahlen 2008 einige Berühmtheit erlangte, das jüngste Plakat der Ausstellung. Doch die Ereignisse um das Atomkraftwerk Fukushima in Japan veranlassten den israelischen Designer Yossi Lemel zu seinem Werk "Fukushima mon Amour", das er dem Kurator Jürgen Döring initiativ mailte. Es zeigt die japanische Sonne, die am Horizont untergeht. Im Bereich unterhalb der Horizontlinie zerfließt die Sonne in ein wucherndes Gebilde, das den Eindruck eines umgedrehten Atompilzes erweckt. "11.3.11" steht als eine Art Signatur im unteren Bereich. Ein Bild mit enormer Wirkung vor dem Hintergrund der atomaren Katastrophe in Japan.

Plakat von Keith Haring. Darauf: Comicmännchen, die sich Augen, Ohren und Mund zuhalten. Drum herum der Schriftzug: Ignorance=Fear. Silence= Death. Fight Aids. Act up (Foto: MKG Hamburg)

Plakat des amerikanischen Pop-Art Künstlers Keith Haring

"Sie kritisieren, sie prangern an oder sie entwerfen das gute Gegenbild", erklärt Kurator Jürgen Döring. Dabei ist das politische Plakat eine vergleichsweise junge Protestform, denn es kam, abgesehen von wenigen Ausnahmen, erst nach dem ersten Weltkrieg auf. Vorher wurde das Plakat vor allem kulturell und zu Werbezwecken benutzt. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren Künstlerplakate eher eine Ausnahme, eher wurde das Plakat als Mittel zur Propaganda genutzt, wie beispielsweise in Russland nach der Revolution oder in der Deutschen Weimarer Republik.

Kunst- nicht Wahlplakate

Erst nachdem Picasso in Paris das Plakat mit der Friedenstaube veröffentlichte, entwickelten sich die politischen Künstlerplakate zu einer regelrechten Mode, so Döring. Ab dem Protestjahr 1968 spielten politische Künstlerplakate in der politisierten Gesellschaft der Bundesrepublik eine bedeutendere Rolle. Obwohl Friedrich Arnold schon 1972 in seinem Bildband "Anschläge" schrieb: "Die große Zeit der politischen Plakate ist vorbei". Er sollte Unrecht haben, wie nicht zuletzt die Ausstellung des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe eindrücklich zeigt.

Plakat von Wolf Vostell von 1969. Darauf zu sehen eine Hand mit einer Pistole, die einem Mann in den Kopf schießt (Foto: MKG Hamburg)

"Umfunktionierungen" von Wolf Vostell 1969

Die Ausstellung will deutlich machen, dass sich politische Plakate von bildenden Künstlern anders als Wahl- oder Propagandaplakate nicht an realistische Ziele halten müssen. Sie müssen niemanden verherrlichen und nichts beschönigen, da sie unabhängig von kommerziellen oder politischen Erwägungen Partei ergreifen können. Plakate, entworfen von bildenden Künstlern fallen durch ihre individuelle Bildsprache auf, die nicht auf schnelle Lesbarkeit oder allgemeine Verständlichkeit ausgerichtet ist. Eindeutigkeit liefern Künstlerplakate daher nur im Ausnahmefall. Viel häufiger irritieren sie, regen an, schaffen Neugier.

Das Plakat – ein stehendes Bild ohne Zukunft?

Ihre Uneindeutigkeit führt dazu, dass sie auch als unverständlich und unattraktiv wahrgenommen werden können. Das bekam Joseph Beuys zu spüren, der als Gründungsmitglied der Partei "Die Grünen" das Wahlplakat "Der Unbesiegbare" entwarf. Es zeigt einen großen Hasen aus Ton, der einem kleinen Soldaten gegenübersteht, dessen Gewehr auf den Hasen gerichtet ist. Die Mehrheit der Partei lehnte es ab. "Was das Plakat betrifft, so mussten wir schnell feststellen, dass die meisten anderen Grünen ganz andere Plakate bevorzugten. Unseres war ihnen zu 'abgehoben', zu 'unpolitisch' zu sehr 'Kunst' und nach ihrer Meinung eher Wähler abschreckend“, erinnert sich der Künstler und Autor Johannes Stüttgen in einem 1988 von ihm verfassten Buch über den erweiterten Kunstbegriff von Beuys. Die junge Partei entschied sich dann für das Motiv einer Sonnenblume, das scheinbar von Kinderhand gezeichnet wurde. Ein Motiv, das sich bis heute gehalten hat. Ob Beuys abgehobenes künstlerisches Plakat eine ähnlich große Resonanz erzeugt hätte und heute so bekannt wäre, lässt sich bezweifeln.

Plakat der Guerilla Girls. Darauf: Ein nackter Frauenkörper, auf einem Diwan, der dem Betrachter den Rücken zudreht. Am Hinterkopf ein Affenkopf. Daneben die Aufrschift: Do women have to be nacked to get into the Met.Museum? (Foto: MKG Hamburg)

Ein Aktions-Plakat der Guerilla Girls

Seit 15 bis 20 Jahren seien politische Künstlerplakate aus der Mode gekommen, resümiert Klaus Döring. Nichtsdestotrotz weist der Kurator der Ausstellung darauf hin, dass es international weiterhin viele Künstler gibt, die politisch plakatierten, nur seien diese selten bekannt und deren Wirkungsmacht somit beschränkt. "Solange ich Plakate mache, wird das Plakat tot gesagt!" entrüstet sich der ebenfalls in der Ausstellung mit mehreren Plakaten vertretene Klaus Staeck, einer der bekanntesten deutschen Plakatkünstler. Doch zweifeln beide nicht am Fortbestehen dieses Formats.

Die Litfaßsäule wird aus den Städten verschwinden. Das politische Künstlerplakat vielleicht mit. Aber während die Litfaßsäule in die Annalen eingeht, wird das Plakat im Internet versuchen Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit zu erhaschen. Es muss das Gleiche können wie vorher: Ohne zu wissen wen genau, muss es ihn in jedem Falle neugierig machen

Autor: Jan Hecker (mit dpa)

Redaktion: Marlis Schaum

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