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Wirtschaft

Wie können neun Milliarden Menschen satt werden?

Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation hungern weltweit fast eine Milliarde Menschen. Was kann dagegen getan werden? Das ist ein Thema auf der UN-Welternährungskonferenz in Madrid.

Ein Pakistaner verliest Weizenkörner (Quelle: AP)

Weizen wird weltweit immer knapper

Miguel Angel Moratinos auf der UN-Welternährungskonferenz (Quelle: AP)

Spaniens Außenminister Miguel Angel Moratinos auf der UN-Welternährungskonferenz

Die Weltgemeinschaft hat im Kampf gegen den Hunger in letzter Zeit nur wenige Fortschritte erzielt. Darauf wies der spanische Außenminister Miguel Angel Moratinos am Montag (26.01.2009) in Madrid bei der Eröffnung der Welternährungskonferenz der Vereinten Nationen hin. Die Ursachen lägen in der Verteuerung der Lebensmittel im Jahr 2008 und in der internationalen Finanzkrise. An dem zweitägigen Treffen in der spanischen Hauptstadt nehmen Minister und Regierungsbeamte aus etwa 95 Staaten teil. Auf der Konferenz soll unter anderem ein Zeitplan für den Kampf gegen den Hunger verabschiedet werden.

Recht auf Nahrung? Nicht in jedem Staat

Nordkoreanische Arbeiter hocken am Boden und essen (Quelle: AP)

Nordkoreanische Arbeiter beim Mittagessen

Bis zum Jahr 2050 wird die Weltbevölkerung um fast ein Drittel auf neun Milliarden Menschen wachsen. Doch wer soll diese Menschen ernähren? "Das Recht auf Nahrung ist ein Menschenrecht, das verwirklicht werden muss. Jedes Land muss als oberste Priorität setzen, dass seine Bevölkerung ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt werden kann und versorgt werden muss", meint Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner.

Doch was ist, wenn ein Land die Ernährung nicht sichern kann oder sichern will? In diktatorisch regierten Ländern wie Nord-Korea oder Simbabwe kümmert es die Regierung wenig, wenn die Bevölkerung hungert. Bürgerkrieg, Unterdrückung und Korruption sind Hauptgründe für Hunger. Von den weltweit 963 Millionen hungernden Menschen sind mehr als die Hälfte Bauern und ihre Familien.

Preisanstieg der Grundnahrungsmittel

Hungernder Junge in Maradi, Niger (Quelle: AP)

Ein hungernder Junge in Maradi, Niger

Im vergangenen Jahr wurde die Lage durch die dramatischen Preissteigerungen für Grundnahrungsmittel verschärft. "Das Jahr 2008 war für uns alle ein Weckruf, dass Rohstoffe nicht unbegrenzt zu Niedrigstpreisen verfügbar sein werden", sagt der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner. "Der erneute Einbruch für Agrarrohstoffe vor allem für Getreide seit dem Herbst 2008 sollte an dieser fundamentalen Einsicht nichts ändern.“

2008 war ein herausragendes Erntejahr, schon aus diesem Grund sind die Preise im Herbst gesunken. In den letzten Jahren hat die Nachfrage das Angebot hingegen immer häufiger überstiegen. Daher sind die weltweiten Getreidevorräte auf einem historischen Tiefstand angelangt.

Es muss also in erster Linie mehr produziert werden. Doch das ist leichter gesagt als getan. "Ackerland können wir nicht beliebig vermehren", sagt Stefan Marcinowski, Vorstandsmitglied beim weltgrößten Chemiekonzern BASF. Er beschäftigt sich als Chemiker intensiv mit dem Thema. "Es hat sich seit 1960 herausgestellt, dass wir nur noch die halbe Ackerfläche haben, um einen Menschen zu ernähren. Dieser Trend wird anhalten", so seine Prognose.

Teller und Tank konkurrieren ums Getreide

Bio-Diesel-Flasche über einem leeren Teller (Quelle: dpa/AP)

Mais und Getreide für Nahrungsmittel oder Biosprit?

Gleichzeitig steigt der Fleischkonsum, das heißt, Ackerfläche geht als Weideland verloren und Getreide wird als Futtermittel verwendet. Die Bewässerung wird schwieriger, weil es durch den Klimawandel weniger Süßwasser geben wird. Nicht zu vergessen ist auch die Konkurrenz zwischen Teller und Tank, da die Produktion von Biokraftstoffen steigt. "Wir brauchen mehr Effizienz und Effektivität, um aus der limitierten Ackerfläche ein entsprechendes Angebot zur Ernährung zu erzielen", sagt Stefan Marcinowski.

Was aber ist effektiv und effizient? Die industrielle Landwirtschaft mit Monokulturen und dem intensiven Einsatz von Pestiziden? Die "grüne Gentechnik"? Oder regional angepasste Anbaumethoden bäuerlicher Landwirtschaft? Eine eindeutige Antwort gibt es bislang nicht.

Muster-Agrarland Brasilien?

Bauer mit einem Ochsen, der einen mit Zuckkerrohr beladenen Wagen zieht (Quelle: dpa)

Auf einem Feld einer Cachaca-Brennerei in der Nähe von Salvador-Bahia wird Zuckerrohr geerntet

Vieles scheint möglich, wie am Beispiel Brasilien deutlich wird. Dort ist alleine die Getreideproduktion in den vergangenen 17 Jahren um 139 Prozent erhöht worden. Dreistellige Zuwachsraten gab es auch bei der Fleischproduktion und beim Zuckerrohranbau.

Brasilien arbeitet nach Angaben von Agrarminister Roberto Rodriguez mit einer Reihe von tropischen Entwicklungsländern zusammen, die sich für die in Brasilien vor allem beim Zuckerrohr-Anbau eingesetzte Technologie interessieren. "Wenn wir schlau sind, können wir zusammen die Produktion von Ethanol in den ärmsten Ländern dieser Welt entwickeln. Damit werden Arbeitsplätze geschaffen und damit gibt es auch die Chance, Nahrungsmittel zu produzieren. Denn Zuckerrohr muss in einer Fruchtfolge mit Hülsenfrüchten, Sojabohnen, Bohnen und Erdnüssen angebaut werden, damit sich der Boden erholen kann", so Roberto Rodriguez.

Vorwürfen, der Regenwald werde abgeholzt, um Zuckerrohr anbauen zu können, widerspricht Rodriguez vehement. Brasilien werde in Zukunft mehr Bäume anpflanzen als abholzen und in Aufforstungsprojekte in entwaldeten Regionen investieren. Zusätzliches Ackerland will Brasilien vor allem dadurch gewinnen, dass Weideflächen umgewidmet werden.

Russisches Potential

Große zusätzliche Agrarflächen hält auch Russland bereit. "Wir haben eine wissenschaftliche Studie über die Potenziale unserer Landwirtschaft durchgeführt", sagt der russische Agrarminister Alexej W. Gordejew. "Daraus geht hervor, dass wir 450 Millionen Menschen ernähren können - das sind drei mal mehr, als derzeit in Russland leben. Ich persönlich fürchte mich nicht vor einer Weltbevölkerung von neun Milliarden im Jahr 2050, aber wir brauchen natürlich die richtigen Technologien."

Und das entsprechende landwirtschaftliche Management. Das können russische Landwirtschaftsstudenten in Deutschland lernen. Apollo, die Arbeitsgemeinschaft für Projekte in Ökologie, Landwirtschaft und Landesentwicklung in Osteuropa, ist ein Verein, der in Zusammenarbeit mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium entsprechende Praktikantenprogramme durchführt. Vier Monate leben und arbeiten junge russische Führungskräfte auf deutschen Bauernhöfen und werden dort aus- und weitergebildet.

Traditionelle mongolische Anbaumethoden treffen auf deutsches Know how

Ein Mähdrescher fährt über ein Feld und mäht Getreide (Quelle: dpa)

Mähdrescher-Ziel Innere Mongolei

Um die Nachfrage nach Mähdreschern oder Traktoren zu beflügeln, verfolgen die Landmaschinenhersteller Claas, Grimme und Lemken eine weitere Strategie: In Zusammenarbeit mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium soll in der Inneren Mongolei eine Demonstrations-Farm aufgebaut werden. "Wir werden in den nächsten Wochen Technik im Wert von rund einer Million Euro kostenlos dorthin liefern", sagt Wolfgang Fock, Exportmanager der Firma Lemken. "In den nächsten Jahren werden wir sie unter deutscher Leitung vor Ort einsetzen."

Die Deutschen gehen aber auch als Schüler in die Mogolei: Die maschinelle Landwirtschaft soll sich mit den traditionellen Anbaumethoden messen und vergleichen. "Daraus wird sich in den nächsten Jahren eine gemeinsame Technologie entwickeln, die für die chinesischen klimatischen und Bodenbedingungen adaptiert ist", sagt Fock. "Wir wollen voneinander lernen, aber natürlich wollen wir auch den Markt für unsere Produkte öffnen." Das entspricht der politischen Neuausrichtung der Entwicklungshilfe: weniger Nahrungsmittel, dafür mehr Know-How und Technologie.

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