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Kultur

Wie in einem anderen Leben

24 Jahre hatte Said Samimy seine Heimat nicht gesehen. Im September 2003 kehrte der Chef vom Dienst der afghanischen Deutsche-Welle-Redaktion erstmals nach Kabul zurück - und sammelte viele Eindrücke.

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Said Samimy an seinem Arbeitsplatz bei der Deutschen Welle

"Bevor ich geflüchtet bin, musste ich jeden Tag fürchten, verhaftet und getötet zu werden. Das Leben in Kabul war unerträglich", erinnert sich Said Musa Samimy. "Als ich jetzt in Kabul ankam, habe ich mich wie in einem anderen Leben gefühlt."

Orte der Vergangenheit aufgesucht

Für den Wirtschaftswissenschaftler und Journalisten war die Rückkehr in seine alte Heimatstadt im Herbst 2003 ein ergreifender Moment. Samimy: "Als ich die Orte meiner Vergangenheit jetzt wiedersah, habe ich geweint." Sein altes Haus wird nun von einer afghanischen Familie bewohnt. Die Unbekannten empfingen den Chef der afghanischen Redaktion der Deutschen Welle freundlich. "Ich habe hinter dem Fenster gestanden, durch das ich 1979 jede Nacht Ausschau gehalten habe, ob mich die Polizeischergen der Moskau-orientierten Demokratischen Volkspartei abholen." Das ehemals moderne Haus ist heruntergekommen, fast unbewohnbar.

Menschen denken individueller

Im Hörsaal der Kabuler Universität, an der er früher Wirtschaftswissenschaften gelehrt hat, stellt er sich den Studenten vor. Schnell beginnt eine rege Diskussion. "Die Menschen in Kabul haben sich verändert. Sie denken individueller. Stämme, Sprache und Familie sind noch immer wichtig, aber nicht mehr so dominant wie früher", so Samimy. "Die meisten Kabuler haben im Exil gelebt und sind mit anderen Kulturen in Kontakt gekommen. Sie haben vieles davon mitgebracht." Seine eigenen Verwandten sind in der ganzen Welt verstreut. Er ist das erste Familienmitglied, das Kabul wiedersieht.

Rückkehr hätte das Leben gekostet

Samimy fand 1979 zunächst in Bochum eine neue Heimat, wo er an der Universität lehrte. 1985 wechselte er zur Deutschen Welle. Den Kontakt zu Afghanistan hat er nie verloren. In vier Büchern und unzähligen Publikationen hat er sich immer kritisch mit dem jeweiligen Regime auseinander gesetzt. Eine Rückkehr vor dem Fall der Taliban-Milizen hätte ihn das Leben gekostet.

"Die Menschen haben ihre Ehre zurückbekommen."

Rastlos lief Samimy durch die Straßen Kabuls, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Sechs Minister empfingen ihn. Zu 20 weiteren Treffen mit Politikern und Intellektuellen wurde er eingeladen. Überall versuchte er die Stimmung zwei Jahre nach dem Sturz der Taliban zu ergründen: "Ich habe mit 43 Taxifahrern gesprochen und die haben mir erzählt, wie befreit sich die Leute in der Stadt fühlen. Es herrscht großer Optimismus. Die Menschen haben ihre Ehre zurückbekommen." Samimy sieht auch, wie sehr der westliche Einfluss in Kabul wirkt: "Man möchte möglichst schnell aus dem 15. Jahrhundert ins 21. Jahrhundert gelangen. Die Afghanen sind jetzt konsumorientiert. Der 'American Way of Life' ist keine Schande mehr." Samimy protokollierte abends im Hotel jedes Gespräch. "Ich bin nie mit Bleistift und Schreibblock losgezogen. Das wäre nicht glaubwürdig gewesen. Ich habe gut zugehört und mir alles gemerkt."

Die Radiostimme der Taliban ist jetzt DJ

Keine Religionspolizei, keine Schergen - stattdessen erlebte Samimy eine freie - dem Islam angepasste - Medienlandschaft. 170 Printmedien erscheinen in Kabul. Die meisten werden von ausländischen Organisationen finanziert. Im Fernsehen senden neben dem staatlichen Rundfunk und den internationalen Programmen auch erste Privatsender. Eine Handvoll Radiosender spielt Popmusik, meist aus Indien oder Pakistan. Samimy: "Es gibt einen Radiosprecher, der früher nur Sprüche des Propheten und Verlautbarungen der Taliban verlesen hat. Jetzt präsentiert er Popmusik. Und das macht er so glaubwürdig, als würde er es schon seit 20 Jahren tun."

Konfliktherd Verfassung

Der Islam spielt nach wie vor eine große Rolle in der Gesellschaft. Samimy: "Die Menschen sind immer noch sehr religiös, aber gemäßigt und tolerant." Trotzdem fürchtet er auch in der lang erwarteten afghanischen Verfassung einen Konfliktherd: "Einerseits wird von einem demokratischen System gesprochen, andererseits wird ein islamischer Staat angekündigt. Beides ist nur schwer miteinander zu verbinden."

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