1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Fokus Südosteuropa

"Wie ich Srebrenica überlebte"

Im Juli 1995 brachte die bosnisch-serbische Armee 8.000 Männer und Jungen in Srebrenica um. Nezir Dzozic überlebte das Massaker, versteckt in Wäldern. Heute lebt er wieder in seinem Heimatdorf nahe Srebrenica.

Srebrenica-Überlebender Nezir Dzozic (Quelle: DW)

Nezir Dzozic entkam dem Massaker in Srebrenica

An die Tage im Juli 1995, als die Soldaten des bosnisch-serbischen Generals Ratko Mladic die Enklave Srebrenica besetzten, erinnert sich Nezir Dzozic noch sehr gut: "Es wurde geschossen, tagelang, und wir haben uns versteckt. Wir sind immer zum Bach geflüchtet, um Schutz vor den Granaten zu suchen." Sein Dorf habe er erst dann verlassen, als er sah, dass serbische Soldaten vorrückten, erzählt der Rentner heute.

Nezir Dzozic musste alles zurücklassen, was er hatte. Er war Mechaniker in einem Sägewerk, arbeitete dort jahrelang. Mit dem Geld, das er verdiente, baute er sein Haus. Von seinem Heimatdorf ging er fort - nur mit einer kleinen Ledertasche und etwas Brot darin. Mehr Lebensmittel gab es nicht.

Eine Reise ins Ungewisse

Frau in der Gedenkstätte Potocari (AP Photo/Marko Drobnjakovic)

Immer noch werden Opfer des Massakers beigesetzt

Nach Potocari, ein Dorf in der Nähe von Srebrenica, wollte Nezir Dzozic nicht. Da befand sich zwar das niederländische Bataillon der UN-Friedenstruppen, aber der alte Mann traute ihm nicht. "Ehrlich gesagt, hatte ich einfach Angst dorthin zu gehen." Zusammen mit vielen anderen Menschen aus der Region entschied er sich, in die andere Richtung zu gehen. "Man hat uns gesagt, wir sollen in die Berge gehen, und dann weiter bis zum ostbosnischen Berg Udrc. Ich hatte von dem Berg gehört, wusste aber gar nicht, wo er war."

Der Weg dorthin sei lang und sehr gefährlich gewesen, erzählt Nazir Dzozic: "Wir sind durch die Wälder in einer Kolonne gegangen." Plötzlich gerieten sie in Maschinengewehrfeuer, erinnert sich der alte Mann: "Es war ein Hinterhalt. Ich habe mich hinter einem Baum versteckt, um mich herum fielen die Menschen - manche waren verwundet, andere tot."

Bilder des Grauens

Dann hörte das Schießen auf und eine Stimme meldete sich über einen Megafon, erinnert sich Nezir Dzozic: "Kommt raus, ergebt euch, hier ist das Internationale Rote Kreuz, ihr seid in Sicherheit." Er habe der Ansage aber kein Glauben geschenkt und sei zunächst liegen geblieben. Später habe er beschlossen, zurückzukehren.

Was er an dem Tag sah, hat Dzozic bis heute nicht vergessen: "Das waren Bilder des Grauens. Ich erinnere mich immer noch an einem Mann, der beide Unterschenkel verloren hatte. Der Mann schrie: Brüder, lasst mich nicht zurück! Er wurde von einer Granate getroffen. Ein Auge fehlte, er war ganz blutig und beide Beine waren bis zum Knie zerfetzt. Er blutete sehr stark und kroch in Richtung eines Baches."

Angst und Hunger

Tagelang irrte Nezir Dzozic in den Wäldern herum. Dort traf er einen Verwandten und zwei seiner Nachbarn. Zusammen versuchten sie dann, sich bis zur nordbosnischen Stadt Tuzla durchzuschlagen. Die kleine Gruppe schaffte es, einige serbische Hinterhalte zu umgehen. Auch durch den Berg Udrc hatte sie einen Weg gefunden.

Der Schädel eines Opfers von Srebrenica (AP Photo/Staton R. Winter, File)

Tausende Opfer des Massakers wurden bisher gefunden und identifiziert

Sie aßen die ganze Zeit nur das, was sie unterwegs fanden: einige Beeren, manchmal wilde Früchte. Dann trafen sie aber auf die Minenfelder in der Nähe des Dorfes Snagovo, diese zu überqueren, trauten sich Nezir Dzozic und die anderen nicht: "Hungrig und völlig erschöpft haben wir uns entschieden, zurückzukehren", sagt Dzozic. Also gingen sie zurück ins Dorf, aus dem sie geflüchtet waren. Dort kannten sie sich aus. Sie hofften, in den verlassenen Häusern vielleicht noch Nahrung zu finden.

Nach über einem Monat erreichten sie ihr Dorf. In einem nah gelegenen Waldstück bauten sie eine Unterkunft aus Ästen, in der sie sich versteckten. Manchmal gingen sie zum Waldrand. Auf den Feldern sahen sie dann ihre früheren Nachbarn - die Serben. "Bei einigen wollte ich mich melden, aber ich habe mich nicht getraut. Mit denen waren auch unbekannte Menschen, es gab schon viele serbische Flüchtlinge, die Srebrenica besetzt hatten", erzählt Dzozic. Schließlich wollte er nicht verraten werden.

Die Rückkehr

Grabsteine in der Gedenkstätte Potocari (Marinko Sekulic DW)

Die Grabsteine in der Gedenkstätte Potocari werden immer mehr

Im Wald hatten sich Nezir Dzozic und seine Freunde bis zum 18. Oktober 1995 versteckt: "Irgendwie haben uns die Polizisten und die Soldaten entdeckt und umzingelt. Wir hatten keine Waffen und haben uns sofort ergeben. Den Kommandanten und einige Polizisten kannte ich. Sie haben uns nicht misshandelt, sondern nur verhaftet und dann ins Gefängnis nach Foca gebracht."

Drei Monate später wurden die vier Männer gegen andere Gefangene ausgetauscht. So kam Nezir Dzozic am 3. Februar 1996 frei. Kurze Zeit später traf er einige Verwandte, die das Massaker in Srebrenica auch überlebt hatten. Zunächst blieb er in Srebrenik bei Tuzla. Dann wollte er aber doch in sein Heimatdorf zurück - und war einer der ersten Rückkehrer. Jedes Jahr am 11. Juli geht Nezir Dzozic nach Potocari – zur Gedenkstätte der Opfer von Srebrenica. Dort wohnt er Jahr für Jahr der Beisetzung der jüngst identifizierten Opfer bei. Und betet für sie.

Autor: Marinko Sekulic/Zoran Arbutina

Redakteur: Blagorodna Grigorova

Die Redaktion empfiehlt