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Wirtschaft

Wie grün ist die deutsche Industrie?

Die deutsche Wirtschaft ist stolz auf ihre grüne Technologie. In einem weltweiten Vergleich rangiert sie auf Platz drei. Aber ist sie auch fit für Exporte in Entwicklungs- und Schwellenländer?

Stromstecker grün auf der Hannover Messe (Foto: Deutsche Messe AG)

Der Umsatz mit grünen Technologien steigt ständig

Die diesjährige Hannover-Messe stand unter dem Motto "Effizienter - Innovativer - Nachhaltiger". Das passt zum Selbstbild der deutschen Maschinenbauindustrie, die sich in Sachen Umweltschutz gern als Vorreiterin sieht und darstellt. Der Anspruch besteht nicht ganz zu Unrecht, denn im Jahr 2007 kam fast jede dritte Solarzelle weltweit aus Deutschland; bei Windrädern war es beinah jedes zweite. Auch die Beschäftigtenzahlen im Bereich erneuerbare Energien und Umwelttechnik steigen kontinuierlich; im Jahr 2008 waren es fast 1,5 Millionen, bei jährlichen Wachstumsraten von knapp über 15 Prozent zwischen 2004 und 2008. Der Markt wächst: Bereits heute ist der Weltmarkt für Umwelttechnologien größer als der Markt für pharmazeutische Produkte und soll bis 2020 zu einem der größten Industriesektoren wachsen, mit einem erwarteten Jahresumsatz von 1600 Milliarden Euro.

Im November 2009 sorgte eine Studie von Roland Berger in Zusammenarbeit mit dem Worldwide Fund for Nature (WWF) für Aufsehen. Es war die erste große Ländervergleichsstudie, die sich dem Thema Grüne Technologie gewidmet hatte. Insgesamt wurden 44 Länder untersucht. Dies waren die 27 Mitgliederstaaten der EU, die vier BRIC-Länder sowie weitere große Herstellernationen, u.a. USA, Schweiz, Taiwan, Australien, Kanada, Norwegen, Japan, Süd-Korea, Türkei, Israel, Mexiko, Malaysien, Neuseeland.

Deutschland auf Platz drei

Martin Kupp, Fakultätsmitglied der ESMT European School of Management and Technology in Berlin (Foto: ESMT)

Martin Kupp, Fakultätsmitglied der ESMT European School of Management and Technology in Berlin

Dabei wurde der Gesamtumsatz mit grünen Technologien ins Verhältnis zum jeweiligen Bruttoinlandprodukt gesetzt. Das daraus resultierende Ranking wurde von Dänemark angeführt, mit Brasilien auf dem zweiten und Deutschland auf dem dritten Platz. Dänemark profitierte dabei vor allem von den starken Weltmarktpositionen seiner Unternehmen im Bereich Windenergie. So hat der Turbinenhersteller Vestas Wind Systems A/S einen Weltmarktanteil von 20 Prozent, doch auch Komponentenhersteller wie LM Wind Power A/S sind international führend. Im Falle von Brasilien liegt die sehr gute Platzierung vornehmlich an den gigantischen Bioethanolproduktionskapazitäten.

Deutschland ist im Gegensatz zu diesen beiden Ländern sehr breit aufgestellt, wobei der Schwerpunkt im Maschinen- und Anlagenbau liegt: Unternehmen wie Siemens AG und Enercon GmbH sind insbesondere in Windtechnologien stark, Qcells SE bei Solarzellen, und die Knauf Gips KG ist Europas größter Dämmmaterialhersteller. Siemens allein hat nach Aussage seines Vorstandsvorsitzenden Peter Löscher im Jahr 2008 bereits 19 Milliarden Euro Umsatz mit seinem Umweltportfolio erwirtschaftet und plant diesen Umsatz bis 2011 auf 25 Milliarden Euro zu erhöhen.

Forschung oder Markt fördern?

Olaf Plötner, Geschäftsführer der ESMT Customized Solutions (Foto: ESMT)

Olaf Plötner, Geschäftsführer der ESMT Customized Solutions

Als wesentliche Erfolgsfaktoren der führenden Nationen wurden frühe und konsistente Industrieförderung, hohe Investitionen in spezifische Sektoren mit bereits guter technologischer Basis sowie ein starker Heimatmarkt für grüne Technologien definiert. Und genau hier beginnen auch die Fragen nach der Zukunft für die zurzeit starke deutsche Industrie: Wie soll die Industrieförderung ausgestaltet und wie können technologische Kompetenzen ausgebaut werden? Sowohl Politiker als auch Industrie- und Verbraucherlobbyisten beschäftigt die Frage, ob in Deutschland eher der Kauf grüner Produkte (z.B. Dämmmaterialien, Elektroautos oder Kraftwerkstechnologie) subventioniert oder aber die Forschung über diese Technologien unterstützt werden soll. Die Antwort ist nicht einfach, denn zum einen soll in Deutschland mittels Forschungsförderung eine gute technologische Basis geschaffen werden, zum anderen aber auch der Heimatmarkt mithilfe von Kaufsubventionen angekurbelt werden.

Das zweite große Thema ist das überproportionale Wachstum in Ländern wie China und Indien, aber auch Brasilien und den rohstoffreichen Staaten im nahen Osten. In der Rankingliste der Roland Berger/WWF-Studie finden sich neben Brasilien (Platz 2) und Deutschland (Platz 3), China auf dem sechsten und Indien auf dem dreizehnten Platz. Allerdings hat die chinesische Regierung Energieeffizienz bereits in ihrem elften Fünfjahresplan (2006–2010) zum Staatsziel erhoben. So soll bis Ende 2010 die Energie, die für eine Einheit des Bruttoinlandprodukts aufgewendet werden muss, um 20 Prozent reduziert werden. China und Indien bauen ihre Stromnetze massiv aus und verwenden hierfür bislang noch deutsche Technologie zum Hochspannungsgleich und zur Stromübertragung, um elektrische Energie möglichst verlustarm über weite Strecken transportieren zu können.

High Tech zu günstigen Preisen

Aber nicht immer folgen diese Länder unseren Entwicklungspfaden, sondern versuchen auch sogenanntes Technologie-Leapfrogging, also das Überspringen einzelner Entwicklungsstufen. So produziert das indische Unternehmen Vihaan Networks Limited (VNL) solargetriebene Mobilfunknetze, um ländliche Kunden profitabal erreichen zu können, ohne zunächst in feste Kabelinfrastrukturen investieren zu müssen. In Bezug auf das rasante Wachstum in Entwicklungsländern gibt es also gleich eine Reihe strategischer Herausforderungen für deutsche Unternehmen: Wie sichere ich den zurzeit noch bestehenden Technologievorsprung? Und wie kann ich gleichzeitig ein speziell für Schwellenländer entwickeltes Produkt- und Serviceportfolio aufbauen, das in der Regel gute Technologie mit sehr günstigen Preisen verbindet? Gerade die Entwicklung von High-tech-Produkten für Low-frills- oder frugale Märkte stellt deutsche Unternehmen vor große strategische und organisationale Herausforderungen.

Auch wenn die nachhaltigen Technologien im Vordergrund der Hannover-Messe und ihrer neun Leitmessen standen, wird es zahlreiche Gespräche und Expertenrunden geben, die sich gerade jetzt auf die zukünftigen strategischen Herausforderungen konzentrieren. Und diese liegen vor allem im Bereich der konkreten Ausgestaltung der Industrieförderung und in der Fähigkeit deutscher Unternehmen, die Herausforderungen Chinas, Indiens, ebenso wie der anderen schnell wachsenden Länder und Regionen anzugehen.

Autoren: Olaf Plötner und Martin Kupp
Redaktion: Rolf Wenkel

Olaf Plötner ist Fakultätsmitglied der ESMT European School of Management and Technology in Berlin und Geschäftsführer der ESMT Customized Solutions

Martin Kupp ist Fakultätsmitglied der ESMT

Wie können wir gleichzeitig unseren Planeten, unseren Lebensstandard und unsere Wettbewerbsfähigkeit erhalten? Diese und andere Fragen diskutiert das 3. ESMT Annual Forum am 16. und 17. Juni 2010 in Berlin. Zu den Rednern gehören Jean-Louis Beffa (Saint-Gobain), Mel Horwitch (New York University), Wolfgang Mayrhuber (Lufthansa), Peter Löscher (Siemens), Alexander I. Medvedev (Gazprom), René Obermann (Deutsche Telekom) und Norbert Röttgen (Bundesumweltminister). Das ESMT Annual Forum ist jedes Jahr internationale Dialog-Plattform für 300 Gäste und über 30 hochrangige, internationale Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik.

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