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Hintergrund

Wie glaubwürdig ist Carsten S.?

Er ist wegen Beihilfe zum Mord angeklagt, weil er mutmaßlich die Waffe besorgt hat, mit der neun Migranten erschossen wurden. Am Ende seiner Aussage entschuldigt sich der Neonazi-Aussteiger bei den Angehörigen der Opfer.

Acht Tage hat Carsten S. im Strafverfahren gegen den "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) vor dem Oberlandesgericht (OLG) München ausgesagt, an diesem Donnerstag (20.06.2013) wurde die Befragung beendet. Auf die Schilderungen von Carsten S. waren alle Prozessbeteiligten schon deshalb sehr gespannt, weil er als einziger von fünf Angeklagten bereit war, überhaupt auf Fragen zu antworten. Die Anderen, darunter die wegen zehnfachen Mordes angeklagte Beate Zschäpe, verweigerten bislang die Aussage oder beschränkten sich wie Holger G. auf das Verlesen einer Erklärung.

Immerhin hatte sich G. in der vergangenen Woche bei den Angehörigen der Opfer entschuldigt. Carsten S. konnte sich dazu erst am vorletzten Tag seiner Vernehmung durchringen. Er könne nicht ermessen, welch "unglaubliches Leid" er den Angehörigen angetan habe, sagte der 33-Jährige. Ihm fehlten die Worte, "eine Entschuldigung wäre zu wenig", würde wie ein "sorry" klingen und dann sei es vorbei. "Aber es ist noch lange nicht vorbei", sagte S. "Ich wollte Ihnen mein tiefes Mitgefühl ausdrücken."        

S. hat wahrscheinlich die Tatwaffe besorgt

Die Anwälte der zahlreichen Nebenkläger bewerten das Geständnis höchst unterschiedlich. Detlef Kolloge, der die Familie des in Rostock ermordeten Mehmet Turgut vertritt, sprach von einer "ziemlich überzeugenden" Erklärung.  Hingegen empfand Yavuz Narin, Anwalt der Familie des in München erschossenen Theodoros Boulgarides, die Entschuldigung von Carsten S. als "nicht überzeugende Schutzbehauptung".

Wie glaubwürdig S. insgesamt ist, diese Frage stellen sich die Prozessteilnehmer und Beobachter auch angesichts seiner Aussagen im Zusammenhang mit der Mordserie, die dem NSU zur Last gelegt wird. Im Zeitraum von 2000 bis 2007 sollen die Mitglieder der mutmaßlichen rechtsextremistischen Terrorgruppe zehn Menschen ermordet haben, darunter neun mit ausländischen Wurzeln. S. behauptet, angeblich im Auftrag des Mitangeklagten Ralf Wohlleben eine Waffe vom Typ "Ceska" besorgt zu haben. Diese Waffe will er um die Jahrtausendwende an die mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos übergeben haben.

Die Angeklagten Holger G. (M, Gesicht mit Akte verdeckt) und Ralf Wohlleben (r) Foto: dpa

Die Angeklagten Holger G. (Mitte, Gesicht mit Akte verdeckt) und Ralf Wohlleben (rechts)

Verteidigung drängt auf Aufhebung des Haftbefehls

Die beiden haben sich im November 2011 das Leben genommen, um ihrer Festnahme zu entgehen. Mit einer "Ceska" wurden nach Erkenntnissen der Strafermittler neun der zehn Opfer umgebracht. Die Verteidiger Wohllebens, Nicole Schneiders und Olaf Klemke, werteten S.' Aussage vor dem OLG München als widersprüchlich. Es sei nicht bewiesen, dass die von ihm besorgte Waffe auch die Tatwaffe sei. Der Haftbefehl gegen ihren Mandanten sei aufzuheben und Wohlleben sofort freizulassen, beantragten die Verteidiger des ehemaligen Funktionärs der rechtsextremen Partei NPD.

Durch seine umfangreiche Aussage im NSU-Prozess hat Carsten S. weitere Ermittlungen ausgelöst. Seinen Angaben zufolge hätten sich Böhnhardt und Mundlos bei der  Waffenübergabe ihm gegenüber gebrüstet, in einem Laden in Nürnberg eine Taschenlampe abgestellt zu haben. Er habe nicht gewusst, was sie damit meinten. Tatsächlich explodierte im Herbst 1999 in einem Lokal ein Sprengsatz, dabei wurde ein 18-Jähriger verletzt. Betreiber des Lokals war ein türkischstämmiger Mann. Die Bundesanwaltschaft ermittelt deswegen gegen Beate Zschäpe wegen des Verdachts des versuchten Mordes. 

BKA ermittelt wegen einer möglichen weiteren Straftat

Einen möglichen NSU-Zusammenhang sieht Bundesanwalt Herbert Diemer auch wegen einer angeblichen Äußerung des Angeklagten Wohlleben, die er gegenüber S. gemacht haben soll. Demnach habe Wohlleben in einem Telefonat davon gesprochen, in Nürnberg sei jemand angeschossen worden. Nun soll das Bundeskriminalamt (BKA) ermitteln, was an der Geschichte dran ist.

Ein Straßenschild mit der Aufschrift Scheurlstraße. In dieser Nürnberger Straße ereignete sich 1999 in einem Lokal eine Explosion. (Foto: Timm Schamberger / dpa)

In einem Lokal in der Nürnberger Scheurlstraße explodierte 1999 ein Sprengsatz.

Ob sich seine Aussagen strafmildernd für Carsten S. auswirken werden, ist zu diesem frühen Zeitpunkt des Strafverfahrens schwer einzuschätzen. Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten scheint an S.' Glaubwürdigkeit zu zweifeln. Der Angeklagte behauptet, sich im Jahre 2000 aus der rechten Szene in Thüringen gelöst zu haben. Weingarten sieht einen "nicht ganz unauffälligen" zeitlichen Zusammenhang mit dem ersten mutmaßlichen NSU-Mord im September 2000. Damals wurde in Nürnberg der Blumenhändler Enver Simsek erschossen.

Carsten S. begründete den von ihm behaupteten Ausstieg vor allem mit seiner Homosexualität, die ihm Schwierigkeiten in der rechten Szene bereitet habe. Fest steht, dass S. zu Beginn des Jahrtausends seine Heimat Thüringen verließ, um in Düsseldorf Sozialpädagogik zu studieren. Bis zu seiner Festnahme Ende 2011 arbeitete er bei der AIDS-Hilfe.              

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