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Wissen & Umwelt

Wie frei ist die Klimaforschung?

Kolendioxid gilt als Hauptverursacher globaler Erwärmung. Einige Forscher bleiben aber skeptisch.

Prof. Werner Kirstein vom Institut für Geographie der Universität Leipzig gehört zum Lager der Klimaskeptiker. Er hält wenig von physikalischen Modellen, die beweisen, dass die globale Erwärmung vor allem auf einen Anstieg des Kohlendioxids (CO2) zurückgeht.

Es sei nicht das erste Mal, dass die Physik, als exakte Naturwissenschaft, sich auf dem Holzweg befände. So habe sich beispielsweise in den 1960er Jahren unter Wissenschaftlern die Meinung durchgesetzt, dass die Verschiebung der Kontinentalplatten auf eine Expansion der Erde zurückgehe.

"Die theoretischen Physiker haben das exakt untermauert", erinnert sich der Geologe, und sie hätten dadurch die Theorie der Kontinentaldrift des deutschen Geowissenschaftlers Alfred Wegener widerlegt. "Wegener war damit weg vom Tisch," so Kirstein.

Vermeintlich exakte Naturwissenschaft

Prof. Dr. Werner Kirstein, Geologe an der Universität Leipzig (Foto: DW/ Fabian Schmidt)

Werner Kirstein hält physikalische Modelle für fehlbar

Erst zwanzig Jahre später erkannten die Forscher dann ihren Irrtum. "Man hat gemerkt: Die Erde expandiert gar nicht, und damit war das ganze Gedankengebäude in sich zusammengebrochen, und Alfred Wegener wurde wieder rehabilitiert." Ähnliches könnte auch der Klimawissenschaft blühen, meint Kirstein, denn auch die Szenarien der etablierten Klimaforschung beruhten vorwiegend auf physikalischen Rechenmodellen.

Hans von Storch, Leiter des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht, hält Kirsteins Vision hingegen für eher unwahrscheinlich. Es gebe "kaum Wissenschaftler, die in klimarelevanten Fächern verankert, sind, die Probleme mit dem Mainstream haben." So seien sich die meisten Forscher einig, dass CO2 eine systematische globale Erwärmung bewirke, und sich diese verstärken werde, wenn die Emissionen weiterhin steigen. Aber trotzdem müsse jeder Wissenschaftler offen für andere Forschungsergebnisse sein, die auch dieser Lehrmeinung widersprechen.

Theorien mit Verfallsdatum 

Prof. Hans von Storch, Direktor des Instituts für Küstenforschung in Gesthacht (Foto: KlimaCampus, Aussenhofer)

Hans von Storch findet merkwürdige Ideen förderungswürdig

So seien die Forschungsergebnisse von Wissenschaftlern durchaus ernst zu nehmen, die sich mit dem Einfluss von Sonne und kosmischer Strahlung auf das Wetter beschäftigen. Jeder gute Wissenschaftler solle ohnehin eher Skeptiker sein. Interessant sei zum Beispiel, dass sich die globale Erwärmung verlangsamt habe.

"Die letzten zehn Jahre ist es in der Tat nicht wesentlich wärmer geworden", konstatiert er. Das liegt aber auch daran, dass frühere Klimaforscher das El Nino-Jahr 1998 "überverkauft" hätten. "Da hatte man einen sehr hohen Wert, und wenn man den jetzt als Anfang nimmt, dann fällt die spätere Klimaentwicklung weniger dramatisch aus," so von Storch.

Sollte sich aber, wider Erwarten, herausstellen, dass es auch in den nächsten zehn Jahren global kaum wärmer würde, müsste die Lehrmeinung auf den Prüfstand, so der Mathematiker. "Dann müsste man irgendwann sagen: Nee, offenbar haben wir hier nicht ganz richtig gedacht", erklärt der Forscher. Auf jeden Fall sei es legitim, die Hypothese auch weiter herauszufordern und nachzudenken, ob neue Erkenntnisse konsistent mit den bisherigen Annahmen sind. 

Nicht die Neugier treibt die Forschung

Prof. Dr. Daniela Jacob, Leiterin der Abteilung Klimasysteme am Climate Service Center, Hamburg. Jacob ist Autorin der Arbeitsgruppe 1 des Weltklimarates IPCC. Aufgenommen am 12.04.2011 auf dem Extremwetterkongreß in Hamburg (Foto: DW /Fabian Schmidt)

Daniela Jacob meint, Forscher sollen "nein" sagen lernen

Daniela Jacob, Leiterin der Abteilung Klimasystem am Climate Service Center in Hamburg, und – wie von Storch auch -  Autorin eines Sachstandsberichts für den Weltklimarat IPCC, ist davon überzeugt, dass die Mehrheit der Wissenschaftler offen für widerstreitende Meinungen ist. Allerdings sei die Forschung oft zu sehr getrieben von dem öffentlichen Verlangen, Antworten auf existentielle Fragen der Menschen zu geben.

"Das größte Problem dabei ist, dass in der Klimawissenschaft nicht mehr die Neugierde im Vordergrund steht, bestimmte Prozesse und Zusammenhänge zu verstehen, mit einem eigentlich offenen Ergebnis." Mittlerweile seien viele Bereiche in eine "nachfrageorientierte Forschung hineingedriftet" und diese sei "auch politisch besetzt".

Viele Wissenschaftler seien überfordert. Sie müssten ihre - eigentlich wertfreie - Grundlagenforschung mit der Forderung nach gesellschaftlichem Nutzen der Ergebnisse in Einklang bringen. "Es ist schwierig, Wünsche, Ansprüche, Ideen und Verlangen, die von nicht wissenschaftlichen Bereichen an einen herangetragen werden, enttäuschen zu müssen - zu sagen: 'Das wissen wir nicht genau', 'dazu kann man nichts sagen' oder 'da kommt etwas anderes heraus', als das was man sich auf der anderen Seite erhofft hat", so die Klimaforscherin.

Die Öffentlichkeit nimmt diese Politisierung der Wissenschaft dann zwar oft als Lagerbildung wahr. Im praktischen Wissenschaftsbetrieb werde jedoch trotzdem ein offener Dialog gepflegt, meint Hauke Schmidt, der sich am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie mit dem Einfluss der Sonne auf das Klima beschäftigt.

So diskutiere die Wissenschaftsgemeinschaft Erkenntnisse einzelner Wissenschaftlerteams zum Einfluss von Sonne und kosmischer Strahlung durchaus kontrovers.

Skeptiker sind sich ungern einig

Diese Theorie besagt, dass die Wolkenbildung zunimmt, wenn die Sonnenaktivität sinkt und dadurch mehr galaktische kosmische Strahlung die Erde erreicht. Zwar sei diese Theorie nicht bewiesen, erklärt Schmidt, sie klinge aber "nicht unplausibel". Umstritten sei vor allen, welchen quantitativen Effekt die es für das Klima habe. "In der Klimaforschung brauchen wir eigentlich lange Zeitreihen, um Schlüsse ziehen zu können", erklärt der Atmosphärenforscher. Und bislang gäbe es noch keine zuverlässigen langen Zeitreihen über die Wolkenbedeckung.

Dr. Hauke Schmidt arbeitet an der Abteilung für die Atmosphäre im Erdsystem in einer Forschungsgruppe zur Untersuchung der mittleren und oberen Atmosphäre am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Das Foto wurde dort am 20.12.2011 aufgenommen (Foto: DW/ Fabian Schmidt)

Hauke Schmidt betont die Wichtigkeit von Rückkopplungseffekten

Mittlerweile stehe nämlich die Frage, welche Rückkopplungseffekte es sowohl durch CO2 als auch durch Sonne, kosmische Strahlung und Wasserdampfbildung gebe, im Zentrum der Debatte. Klar sei, dass alle diese Faktoren eine Rolle spielen. Oft werde in der öffentlichen Debatte "ein Schwarz-Weiß-Gegensatz konstruiert, zwischen der sogenannten Mainstream-Wissenschaft, die behaupten würde, die Erwärmung sei vollständig auf CO2 zurückzuführen, und den sogenannten Skeptikern, die sagen, es sei komplett abhängig von der Sonnenstrahlung". Tatsächlich sei dieser Gegensatz aber nicht so eindeutig. 

Sowohl unter den sogenannten Mainstream-Wissenschaftlern als auch unter den Skeptikern gebe es nämlich eine Vielzahl widerstreitender Positionen, betont auch der Mathematiker Hans von Storch. Gerade deshalb sei es auch sinnvoll, unkonventionelle Forschung und "merkwürdige Ideen" finanziell zu unterstützen.

Storch erinnert deshalb an den Mediziner Robert Koch, der als erster erkannt hat, wie gefährlich Bakterien sind, und der anfangs auch von seinen Kollegen für die Erfindung der Krankenhaushygiene verspottet wurde.

Und vielleicht stelle sich ja auch in der Klimaforschung irgendwann heraus, dass ein wissenschaftlicher Außenseiter die richtige Idee hatte. "Das ist dann irgend so ein Idiot, der der Meinung ist, man muss sich die Hände waschen, bevor man Patienten untersucht – dass der am Ende doch Recht hat."

Autor: Fabian Schmidt
Redaktion: Tobias Oelmaier

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