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Wie findet man Literaturnobelpreisträger?

Kjell Espmark, der langjährige Vorsitzende des Nobelkomitees der Schwedischen Akademie äußert sich zu Hintergründen und Auswahlkriterien bei der Wahl des Nobelpreisträgers für Literatur. Wird es neue Kriterien geben?

Versammlung der Mitglieder der Schwedischen Akademie, aufgenommen 2010 in den Räumlichkeiten der Schwedischen Akademie. © Ulla Montan

Versammlung der Mitglieder der Schwedischen Akademie

Kjell Espmark ist ein ausgesprochen bescheidener und zurückhaltender Mensch. Typisch schwedisch eben. Kaum jemand weiß, dass Espmark DIE graue Eminenz Schwedens in Sachen Literatur ist. Während seiner Tätigkeit als Professor hat Espmark die schwedische Literaturwissenschaft von Grund auf erneuert. Seine vielleicht wichtigste Aufgabe tätigt er jedoch hinter verschlossenen Türen. 17 Jahre lang war Espmark der Vorsitzende des Nobelkomitees, auch heute noch ist er dessen Mitglied. Das Nobelkomitee, bestehend aus fünf Mitgliedern der Schwedischen Akademie, muss jedes Jahr aus circa 400 Nominierungen fünf potentielle Kandidaten für den Nobelpreis für Literatur herausfiltern.

Spionsystem der Schwedischen Akademie

Porträt von Kjell Espmark, 2010 © Ulla Montan

Kjell Espmark

Die Vorschläge stammen von ehemaligen Preisträgern, Schriftstellerverbänden, Akademien und anderen Institutionen. Espmark erklärt die Vor- und Nachteile dieses Verfahrens: "Die Vorteile sind, dass Experten aus der ganzen Welt, Vorschläge machen können. Von Nachteil ist, dass in mehreren Ländern prinzipiell nur die Ältesten genannt werden. Um an die jüngeren Schriftsteller heranzukommen, haben wir aber mittlerweile ein besonderes Spionsystem ausgebaut." Zum "Spionsystem" gehört, dass die Akademie regelmäßig Übersetzungen in Auftrag gibt, um sich über die Entwicklung der Literatur in den verschiedenen Sprachen und Ländern der Welt auf dem Laufenden zu halten.

Für die Vergabe des wichtigsten internationalen Literaturpreises sei es eine gute Voraussetzung, dass in dem Land, welches den Preis vergibt, auch generell viel übersetzt wird, glaubt Espmark: "In Frankreich oder England sind die Horizonte einfach nicht so weit. In einem kleinen Land wie Schweden muss man die Fenster stets offen haben. Bei uns erscheinen 50 Prozent der Literatur in Übersetzung."

Alfred Nobel und sein Kriterium für den Preis

Preisstifter Alfred Nobel (AP Photo)

Alfred Nobel (1833-1896)

Als Alfred Nobel 1896 in seinem Testament den Literaturpreis der staatlich unabhängigen Schwedischen Akademie stiftete, war die Akademie jedoch keineswegs so weltoffen. Vielmehr bestand sie aus einer nationalistisch gesonnenen Gruppe von literarisch meist wenig gebildeten Adeligen. Nobel wollte, dass mit dem Preis ein in "idealer Weise herausragendes" Werk gewürdigt werde. Die damaligen Akademiemitglieder interpretierten das Kriterium "ideal" ihrer Zeit entsprechend und wählten Preisträger nach deren Verhältnis zur Nation, zu Religion und Familie. Das habe sich in den dreißiger Jahren geändert, erzählt Espmark: "Da wählte die Akademie Autoren wie Sinclair Louis und Paul Bac, weil sie Bestsellerautoren waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg favorisierte man hingegen Vordenker wie Hermann Hesse, André Gide, T.S. Eliot und William Faulkner, und in den siebziger Jahren wollte man unbekannte Meister aus dem Dunkeln hervorheben."

Neue Kriterien?

In den achtziger Jahren dominierten die großen Literatursprachen. Seit den neunziger Jahren gibt es ein Interesse für die sogenannte Zeitzeugenliteratur mit Preisträgern wie Imre Kertész, V.S. Naipaul, Günter Grass und Herta Müller. Insofern ist die Frage, was denn Nobels Kriterium "ideal" zu bedeuten habe, offenbar auch stark vom politischen Weltklima abhängig. Allerdings lässt sich dies immer erst in Nachhinein rekonstruieren: Die Sitzungsprotokolle der Akademie bleiben 40 Jahre unter Verschluss. Ob es neue Kriterien geben wird, möchte Kjell Espmark nicht verraten: "Aber wichtig ist: Die Kriterien wechseln, so dass die Entscheidung immer unvorhersehbar ist."


Autorin: Daphne Springhorn
Redaktion: Gabriela Schaaf

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