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Europa

Wie Europäer sexuelle Belästigung bewerten

Sind Sexwitze schon sexuelle Übergriffe? Oder erst der Griff an den Hintern? Eine Umfrage zeigt: Europäer haben unterschiedliche Toleranzgrenzen - und die EU-Länder gehen mit sexueller Belästigung unterschiedlich um.

Sexuelle Belästigung kann viele Gesichter haben: Das kann eine ungebetene Nackenmassage des Chefs sein. Der Klaps auf den Po einer Frau, der Arm um ihre Taille. Wenn ein Mann seine Kollegin nötigt, einen Porno zu schauen, mögen das viele klar als sexuelle Belästigung einstufen. Was aber ist mit dem vermeintlich netten Kompliment zu ihrem figurbetonten Kleid?

Die Weinstein-Affäre hat etliche Abgründe im Umgang von Männern mit Frauen ans Tageslicht befördert. Wie viele Frauen weltweit von Wien bis Washington schon sexuell belästigt wurden, zeigt der Hashtag #MeToo. Es bleibt jedoch unklar, was genau die Betroffenen "auch" erlebt haben, so die Kritik.

Denn was als sexuelle Belästigung bewertet wird, nehmen Frauen - und Männer - ganz unterschiedlich wahr: Was die eine als schmeichelhaft empfindet, geht der anderen zu weit. Das verdeutlicht eine aktuelle Umfrage in sieben verschiedenen Ländern in Europa. Dazu hat das Meinungsforschungsinstitut YouGov Frauen und Männer in Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Dänemark, Schweden, Finnland und Norwegen befragt. Die 8500 Befragten sollten unterschiedliche Situationen bewerten: Etwa wenn ein Mann einer Frau hinterherpfeift, sie auf einer Party mit Körperkontakt antanzt oder seine Genitalien vor ihr entblößt.

Begrapschen - in ganz Europa ein No-Go

Fast alle sind der Meinung, dass es sexuelle Belästigung ist, wenn ein Mann versucht, einer Frau unter den Rock zu fotografieren oder sie zu sexuellen Gefälligkeiten auffordert. Einer Frau an den Po zu fassen, ist ebenfalls in allen befragten westeuropäischen Ländern ein No-Go.

Infografik Umfrage sexuelle Belästigung

Was Europäer als sexuelle Belästigung empfinden - die Toleranzgrenzen sind unterschiedlich

Eine relativ hohe Toleranzgrenze scheinen die Deutschen zu haben: Sexwitze betrachtet nur jeder Dritte als sexuelle Belästigung. In Großbritannien stören sich hingegen 67 Prozent an anzüglichen Sprüchen. Auch den Blick aufs Dekolleté empfinden die meisten Britinnen als "too much". Beim Thema Zuzwinkern entpuppen sich die vermeintlichen Flirtmeister Europas, die Franzosen, als besonders streng: Jeder vierte empfindet das bereits als sexuelle Belästigung. Mehr noch: Schon die Frage nach einem Rendezvous ist für 16 Prozent in Frankreich ein Tabu - in keinem der sechs anderen Ländern sehen das Befragte so streng.

EU-weit: Jede zweite Frau schon belästigt

Wie aber sieht die Wirklichkeit aus, auch in den restlichen EU-Ländern? "Sexuelle Belästigung ist ein weit verbreitetes Problem in Europa", konstatiert Joanna Goodey, Leiterin einer groß angelegten, europaweiten Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) aus dem Jahr 2014. Daraus folgt: Jede zweite Frau in Europa war in ihrem Leben schon mal Opfer sexueller Belästigung. Mehr noch: "Jede fünfte Frau hat angegeben, dass sie allein in den letzten 12 Monaten vor der Befragung sexuell belästigt wurde", so Goodey im DW-Gespräch.

Für die Erhebung wurden insgesamt 42.000 Frauen in allen 28 EU-Mitgliedsstaaten ausführlich zu ihren Erlebnissen mit unerwünschten Übergriffen von Männern befragt. Sexuelle Belästigung wurde anhand der elf häufigsten Erfahrungen erfragt - von ungewollt berührt, umarmt oder geküsst bis zu sexuell eindeutigen E-Mails oder SMS.

Werden Frauen in Schweden häufiger belästigt als in Bulgarien?

Ausgerechnet in Skandinavien, den vermeintlichen Musterländern in Sachen Gleichberechtigung, sticht Negatives hervor: 81 Prozent der Schwedinnen gaben an, seit ihrem 15. Lebensjahr schon einmal in der einen oder anderen Form sexuell belästigt worden zu sein. In Dänemark, den Niederlanden und Finnland sind die Raten ähnlich hoch. Auch drei von vier Französinnen teilen diese Erfahrung. Am anderen Ende der Skala liegt Bulgarien: Gerade 24 Prozent der Frauen geben an, schon einmal belästigt worden zu sein. Ähnlich niedrig sind die Werte in Rumänien oder Polen.

Infografik Sexuelle Belästigung in Europa DEU

Nord-Süd-Gefälle: Schwedinnen berichten offener von sexueller Belästigung als Bulgarinnen

Auf den ersten Blick überrascht der große Unterschied: Wieso scheint sexuelle Belästigung in Süd- und Osteuropa ein kleineres Problem zu sein als etwa in Skandinavien?

In manchen EU-Mitgliedsstaaten sei es immer noch unüblich für Frauen, offen über sexuelle Gewalt zu sprechen. "Sexuelle Belästigung wird dort als Privatangelegenheit betrachtet", erklärt Joanna Goodey von der EU-Agentur für Grundrechte. Dass es in Schweden beispielsweise heute normal ist, sexuelle Übergriffe zu melden, habe mit der Geschichte zu tun. Anders als in Osteuropa werde dort seit Jahren schon über Geschlechtergerechtigkeit diskutiert.

Goodey hofft jedoch, dass sich die Kultur im Umgang mit sexueller Belästigung in ganz Europa ändert. Die jüngsten Enthüllungen, über die seit dem Weinstein-Skandal in den Medien berichtet wird, könnten dazu beitragen, dass sich mehr Menschen trauen, offen über Vorfälle zu sprechen.

Wie sexuelle Belästigung in Europa geahndet wird

Die Istanbul-Konvention von 2011, eine Übereinkunft des Europarates gegen Gewalt an Frauen, stellt sich explizit auch gegen sexuelle Belästigung. Strafrechtliche oder sonstige rechtliche Konsequenzen drohen demnach laut Artikel 40 der Konvention bei "jeder Form von ungewolltem sexuell bestimmtem verbalem, nonverbalem oder körperlichem Verhalten mit dem Zweck, die Würde einer Person zu verletzen."

Ein bahnbrechendes Regelwerk nach Ansicht vieler Experten - das aber längst nicht in allen Ländern in die Praxis umgesetzt wurde.

Deutschland Köln - Domplatte zur Silvesternacht (Foto: DW/D. Regev)

Neues Sexualstrafrecht in Deutschland nach der Kölner Silvesternacht

In Deutschland wurde sexuelle Belästigung lange als "Grapschen" verharmlost, so der Vorwurf vieler Kritiker. Es waren wohl die massenhaften sexuellen Übergriffe auf Frauen in der Kölner Silvesternacht 2015, die Fahrt in die Debatte brachten. Seither gilt, was viele Frauen- und Menschenrechtler schon lange forderten: "Nein heißt Nein". Erst durch die Reform des Sexualstrafrechts wird sexuelle Belästigung als Straftat eingestuft. Wer eine andere Person "in sexuell bestimmter Weise körperlich berührt und dadurch belästigt", muss nun mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder mit einer Geldstrafe rechnen.

In Frankreich stehen auf sexuelle Belästigung bis zu zwei Jahren Haft und ein Bußgeld von 30.000 Euro. Wenn der Täter ein Vorgesetzter ist, der damit seine Macht missbraucht, drohen ihm sogar drei Jahre. Strafbar macht sich unter anderem, wer schweren Druck auf eine andere Person ausübt, um "einen Akt sexueller Natur" zu erlangen. Künftig will Frankreich die Frage, was noch Flirtversuch ist und was schon Belästigung, sogar noch strenger regulieren. Die französische Staatssekretärin für Gleichstellung, Marlène Schiappa will ein Gesetz durchsetzen, wonach die Polizei künftig ein Bußgeld verhängen kann, wenn Frauen auf der Straße sexistisch belästigt werden.

Frankreich hat, genauso wie etwa Dänemark, Italien oder Serbien die Istanbul-Konvention bereits 2011 ratifiziert. In Deutschland war dies erst im Sommer 2017 der Fall.

Auch ein #Aufschrei der Männer ist gefragt

Letztlich, so EU-Grundrechtsexpertin Goodey, reichen Gesetze alleine nicht aus: "Wir brauchen auch ein sicheres Umfeld, in dem sich Frauen trauen, eine sexuelle Belästigung zu melden." Keine Europäerin solle befürchten müssen, durch eine Anzeige ihren Job zu verlieren oder ihre Karriere zu gefährden. Am Ende, so das Fazit von Joanna Goodey, betreffe das Thema die ganze Gesellschaft: Auch Männer müssten ihre Stimme gegen sexuelle Belästigung erheben.

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