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Sprachbar

Wie empörend!

Zunächst bleibt einem die Spucke weg, die Worte fehlen. Überfallartig bahnt sie sich dann den Weg: die Empörung. Sie bringt einen auf die Palme, man reitet auf ihr wie auf einer Welle. Irgendwann aber ebbt sie ab.

„Das gibt’s doch…!“ – „Ich glaub’, …!“ – „Hat man so was…?“ – „Das ist ja wohl...!“ So klingt es, wenn einem die Worte fehlen. Würden sie einem nicht fehlen, dann würde sich das so anhören: „Das gibt es doch – wohl nicht!“ – „Ich glaube, ich spinne!!“ – „Hat man so was – schon gesehen??!!“ – „Das ist ja wohl – der Gipfel!“

Da fehlen einem die Worte!

Ein entsetzt schauender Politiker, hier Kurt Beck, hält seine linke Hand vor den Mund

Auch Politikern fehlen manchmal einfach die Worte

Es hat natürlich einen Grund, warum einem die Worte fehlen. Es ist die Überraschung – über das Verhalten eines anderen und über die eigene Aufregung. Die Empörung will sich, nein, muss sich Luft verschaffen. Da die Empörung einen überfällt wie ein Gauner, den man nicht erwartet hat, können die Worte, die ja den Umweg über das Sprachzentrum nehmen müssen, gar nicht so schnell gebildet werden, wie sie ihren Weg nach draußen eigentlich finden müssten.

Ähnlich geht es dem, der einen großen plötzlichen Schmerz erlebt: Diesem Schmerz folgt oft kein Aufschrei, sondern das sogenannte blanke Entsetzen. Schmerz beiseite. Fest steht: Es fehlen einer oder einem Empörten die Worte. Oder, um es mit einer Redensart zu formulieren: „Da bleibt mir ja die Spucke weg!“

Aufruhr und Empörung liegen nah beieinander

Sieben sehr hohe Kokospalmen

Die Empörung bringt einen schon mal auf die Palme

„Empörung“ ist ein Gefühl, eine negative Reaktion auf eine – nach eigenem Urteil – schlechte Handlung oder Aussage einer anderen Person. Die Empörung ist eine Art moralischer Aufruhr. Das Wort „Aufruhr“ hat mit dem Wort „Empörung“ etwas gemeinsam: die Richtung, denn „auf“ und „empor“ weisen nach oben.

Bestätigt wird diese Tendenz durch Gefühle und Verhaltensweisen, die der Empörung ähneln: Aufregung, Aufbegehren, Auflehnung. Empörung und Ärger steigen in einem hoch. Empörung bringt einen auf die Palme, man geht in die Luft, man reitet auf einer Welle der Empörung. Das Wort „empören“ ist vom mittelhochdeutschen „enbœren“ abgeleitet, was „sich erheben“ bedeutete.

Nichts empört mehr als Ungerechtigkeit

Starke Welle mit überschäumender Gischt

Manche Empörungswellen schäumen über

Die Welle der Empörung, der Sturm oder die Wogen der Empörung bezeichnen trefflich sowohl das plötzliche Hochkommen, das sich Erheben, als auch das allmähliche Zurückgehen der Empörung. Die Beschwichtigung „Komm erst mal wieder runter“ kann der Beruhigung des Empörten förderlich sein. Kann. Weiß man vorher nicht. Das ist Temperamentssache.

Da sie auf ein – vermeintliches – Fehlverhalten eines anderen reagiert, hat die Empörung neben der vertikalen auch eine horizontale Richtung: Sie richtet sich gegen jemanden. Sie opponiert, protestiert, rebelliert, sie stellt sich entgegen, sie widersetzt sich. „Niemals“, so schrieb der Philosoph Immanuel Kant, „empört etwas mehr als Ungerechtigkeit. Alle anderen Übel, die wir ausstehen, sind nichts dagegen.“

Nach der Empörung

Ein Mann steht mit ausgebreiteten Armen auf einem Berggipfel

„Wunderbar! Ein nicht zu überbietender Ausblick!“

Die Empörung muss jemanden redensartlich nicht immer in die Luft gehen lassen. Neben den empörenden Ausrufen „Das ist ja wohl die Höhe!“, oder „Das ist der Gipfel!“, gibt es auch das gleichfalls entrüstete „Das ist ja wohl das Letzte“, „Das ist unterste Schublade!“ oder „Das setzt dem Ganzen die Krone auf!“.

Empörung ist ein extremes Gefühl. Und – wie jedes Extrem – schließt es alles andere aus und ist von kurzer Dauer. Sich lange zu empören, ist genauso unmöglich wie lange in Ekstase zu sein oder einen unerträglichen Schmerz zu ertragen. Oder um im Bild der Empörungswelle zu bleiben: Sie ebbt irgendwann ab, läuft aus wie eine Welle im Wasser. Und manche heutzutage empörende Formulierung wie „Das ist ja wohl die Höhe!“ wurde ursprünglich gar nicht negativ benutzt. Friedrich Schiller verwendete sie ganz emotionsfrei im positiven Sinne von „Das ist ja besonders gut, nicht zu überbieten“. Es kommt halt drauf an, wie man’s sagt.

Empörendes über Emporkömmlinge

Warum sollte das nicht auch eines Tages für den „Emporkömmling“ gelten? Der deutsche Erzähler Otto Ernst schrieb einst über einen Aufsteiger und Karrieristen:

„Er stieg von Amt zu Amt mit stetem Glück,
verkehrte höflich selbst mit Erzhalunken,
wich freundlich hier und freundlich dort zurück,
und so ist er gemach emporgesunken.“

Und dieses letzte Wort – „emporgesunken“ – ist für mich der Gipfel der Wortschöpfung, die Höhe der Sprachlust. Empörend ist es nicht. Empörend ist bloß, was es beschreibt…


Fragen zum Text

Empörung ist nicht vergleichbar mit dem Gefühl von …
1. Erregung.
2. Bewegung.
3. Aufregung.

Ist etwas Negatives nicht mehr zu überbieten, kann man sagen: …
1. „Das bringt einen ja wirklich auf die Palme!“
2. „Die Wogen der Empörung sind geglättet!“
3. „Das setzt dem Ganzen die Krone auf!“

Was stimmt nicht? Der Emporkömmling in dem Vierzeiler von Otto Ernst …
1. passte sich Situationen an.
2. kam gut mit Gaunern zurecht.
3. ist durch seine angepasste Haltung beruflich bis an die Spitze gekommen.


Arbeitsauftrag
Empörungswellen drücken sich im Internetzeitalter in sogenannten shitstorms aus. Recherchiert im Internet und findet ein Beispiel eines shitstorms. Diskutiert in eurer Lerngruppe darüber, ob die Empörung gerechtfertigt war oder nicht.

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