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Geschichte

Wie ein Stasi-Opfer seine Haft verarbeitet

Der Berliner Künstler Harry Santos führt Besucher durch das ehemalige Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen. Im Jahr 1983 war er hier inhaftiert. Sein Sohn hat darüber nun einen Dokumentarfilm gedreht.

Wachturm im ehemaligen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen in Berlin - heute ist dort eine Gedenkstätte untergebracht (Foto: DW)

Gut bewacht: Das Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen

Das ehemalige Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit der DDR ist ein weitläufiger Gebäudekomplex mit hohen Mauern, Stahltüren und vergitterten Fenstern. Heute beherbergt der Bau im Berliner Stadtteil Hohenschönhausen eine Gedenkstätte. Harry Santos führt eine Besuchergruppe durch die Anlage, die er schon 1983 von innen kennenlernte, denn er saß hier als Häftling ein. Nur kurze Zeit, aber er erinnert sich noch lebhaft daran: an die Einzelzelle, an die Angst, die Verhöre.

Der Berliner Künstler Harry Santos bei einer Führung im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen (Foto: DW)

Harry Santos bei einer Führung durch die Gedenkstätte

"Ich habe über den Tod nachgedacht", berichtet er, als er den Besuchern die Zellen zeigt, in denen die Untersuchungshäftlinge eingesperrt waren. Eine hölzerne Pritsche stand darin, mit einer dünnen Schaumstoffmatratze, ein kleiner Tisch mit Stuhl, eine Toilette und ein Waschbecken. Direkt nach Ende des Krieges, noch unter sowjetischer Besatzung und direkt danach, wurden die Gefangenen hier in den Keller gesperrt; in stockdunkle, enge und kalte Zellen. Damals wurde auch noch gefoltert und geschlagen.

"Zu meiner Zeit gab es das nicht mehr", stellt Santos klar. Trotzdem war die Zeit in der Untersuchungshaft beängstigend. Die Gefangenen wussten nicht, wo sie waren und was ihnen bevorstand. Stunden- oder tagelang wurden sie verhört, Rechtsanwälte gab es nicht.

Ein Ausreiseantrag und die Folgen

Eine Zelle im ehemaligen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen mit Pritsche, Tisch, Hocker und Waschbecken (Foto: DW)

Triste Stasi-Zelle

Den Besuchern in Hohenschönhausen, die ihm durch die Gebäude und Höfe des ehemaligen Gefängnisses folgen, erzählt Santos seine Geschichte. Alles fing damit an, dass er die DDR verlassen und in den Westen übersiedeln wollte. Seine Freundin war schon dort, er sollte nachkommen. Er stellte mehrere Ausreiseanträge. Als diese abgelehnt wurden, plante er mit einem Freund die Flucht. Doch die beiden jungen Männer wurden verraten und landeten im Gefängnis.

Santos wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt. Doch die Strafe musste er nicht absitzen, denn er wurde vorzeitig entlassen - die Bundesregierung hatte ihn freigekauft. Am 4. August 1983 verließ er die DDR und zog nach Westberlin. Doch zunächst fiel es ihm nicht leicht, sich im Westen einzuleben. Mit seiner kritischen Haltung zur DDR habe er wenig Verständnis gefunden. Gerade im linken Milieu habe man Sympathie für den Arbeiter- und Bauernstaat gehabt.

Als sechs Jahre nach seiner Ausreise die Mauer fiel, konnte sich Santos erst nicht so richtig freuen. "Ich hatte für meine Freiheit kämpfen müssen, die anderen bekamen sie umsonst", so beschreibt er sein Gefühl von damals. Doch schon bald wich das Unbehagen der Freude und dem Gefühl des Triumphs. "Wir hatten Recht behalten", erklärt er heute. "Wir hatten schon immer gesagt, dass man nicht in Unfreiheit leben kann. Wir waren die Sieger."

Ein Atelier in Berlin

Der Berliner Künstler Harry Santos vor einem seiner Bilder in seinem Atelier (Foto: DW)

Im Atelier

Heute arbeitet Santos als freischaffender Künstler in Berlin. Im Zentrum der Stadt hat er ein kleines Atelier, in dem er seine Bilder malt und seine Kunstobjekte entwirft. Zweimal in der Woche führt er Besucher durch das ehemalige Stasi-Gefängnis. Aber, so sagt er, die Erinnerung bestimme nicht sein ganzes Leben. Wenn er von Hohenschönhausen mit der Straßenbahn nach Hause fahre, dann beschäftige er sich im Kopf schon wieder mit anderen Themen: mit seiner Kunst, die er als unpolitisch bezeichnet, und mit dem Alltag.

Trotzdem, ganz lässt ihn das Thema auch dann nicht los. Gemeinsam mit seinem Sohn Paul hat er in Hohenschönhausen nun einen Film gedreht. Drei ehemalige Häftlinge erzählen ihre Schicksale. Dazwischen sind Spielszenen, in denen Santos selbst den Gefangenen spielt.

Der Berliner Künstler Harry Santos mit Sohn Paul beim Schneiden eines Filmes in seinem Atelier (Foto: DW)

Vater und Sohn beim Filmschnitt

Zwei Wochen lang haben die beiden das umfangreiche Material, das sie in nur drei Tagen gedreht hatten, geschnitten und bearbeitet. Herausgekommen ist ein kleines Meisterwerk, ein halbstündiger intensiver und bewegender Dokumentarfilm, von dem Vater und Sohn hoffen, dass er den Weg ins deutsche Fernsehen findet.

Santos Sohn Paul, ein hoch gewachsener junger Mann mit offenem Blick, ist so alt wie das wiedervereinigte Deutschland. Die DDR und die Stasi kennt er nur noch aus den Geschichten seines Vaters. Freiheit ist für ihn etwas Selbstverständliches. Im nächsten Jahr will er sich für die Filmhochschule in Potsdam bewerben, jenseits der ehemaligen Mauer, die seine Heimatstadt Berlin vor seiner Geburt geteilt hat.

Autorin: Bettina Marx

Redaktion: Manfred Böhm

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