Wie ein harter Brexit Deutschland treffen würde | Europa | DW | 29.12.2017
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Brexit

Wie ein harter Brexit Deutschland treffen würde

Rare, medium oder well-done? Wie Theresa May den Brexit servieren darf, steht nicht einmal ansatzweise fest. Nach einem Jahr Verhandlungen sind immer noch alle Optionen offen - auch die Möglichkeit eines harten Brexits.

Für die deutsche Wirtschaft könnte es einen dramatischen Einschnitt geben, wenn Großbritannien die europäische Zollunion ohne "Deal" verlässt. Die größte Volkswirtschaft der Europäischen Union und die zweitgrößte sind in den letzten Jahrzehnten eng miteinander verwachsen. Eine Trennung ist schwer vorstellbar und scheint doch unausweichlich zu sein. Deutsche Wirtschaftsbosse, Ökonomen, Gewerkschafter und Vertreter von Branchenverbänden müssen dieser Situation ins Auge blicken.

"So langsam beginnt man die Komplexität der ganzen Diskussion zu verstehen", sagt der Brite Ian Robertson, langjähriges Vorstandsmitglied der BMW AG, im Gespräch mit der DW. "Bis zum ersten Quartal dieses Jahres, glaube ich, gab es noch die Vorstellung, es sei ein relativ einfaches Problem - aber wir wussten immer, dass es das nicht ist."

Mit gutem Grund beginnen die meisten Analysen über die Auswirkungen eines "harten" Brexit mit der Automobilindustrie. Mit elf Prozent Anteil am deutschen Export (126 Milliarden Euro) sind Autos so wichtig wie kein anderes Produkt. Die Autoexporte ins Vereinigte Königreich machen davon 15 Prozent aus - mit einem Exportwert von 19 Milliarden Euro.

 Ian Robertson, Mitglied des Vorstands der BMW AG (imago/J.Huebner)

Ian Robertson, Mitglied des Vorstands der BMW AG

BMW hat ein besonderes Interesse daran, einen chaotischen Brexit abzuwenden. Das Vereinigte Königreich ist der viertgrößte Absatzmarkt der bayerischen Autobauer und gleichzeitig ein wichtiger Produktionsstandort: Die Marken Rolls-Royce und Mini gehören zum Konzern, werden aber weiter auf der Insel montiert.

Vor einigen Wochen war Robertson Mitglied einer Delegation, die sich mit der britischen Premierministerin Theresa May getroffen hat. Nach ihren "ermutigenden" Worte halte er einen harten Brexit für weniger wahrscheinlich als noch zu Beginn des Jahres: "Aber", sagt er, "die Arbeit muss noch erledigt werden."

Aufbau von Barrieren

Die Automobilindustrie in der EU ist massiv auf den freien Güteraustausch angewiesen, und es gibt keine zwei Länder, die das stärker betrifft als Deutschland und Großbritannien.

"Es gibt eine vollkommen integrierte Lieferkette von Komponenten ins Vereinigte Königreich und eine Lieferkette fertiger Produkte wieder heraus", sagt Robertson. Was ein ungeregelter Brexit mit Grenzkontrollen bedeuten könnte, illustriert der Manager am Beispiel des Grenzübergangs Dover-Calais: "10.000 LKW fahren da jeden Tag durch, 1500 bis 1700 davon im Auftrag der Automobilindustrie. Ich habe eine Studie gesehen, die eine Verzögerung von drei Minuten pro LKW auf beiden Seiten des Ärmelkanals angenommen hat. Das ergäbe einen Rückstau von 17 Kilometern."

Würde das Vereinigte Königreich der Rhetorik der Brexiteers folgen, die eigene Regulierungen und Sicherheitsstandards propagiert, kämen weitere immense Kosten auf Unternehmen zu, die dort ihre Ware verkaufen wollen.

Ein Jahr des nicht sehr magischen Denkens

Ulrich Ackermann, Außenhandelsspezialist beim Verband der deutschen Maschinenbauindustrie (VDMA), ist bestürzt über das, was er bisher von der britischen Seite gesehen hat. "Wir erwarten, dass wir beide das gleiche Zollsystem entwickeln werden, wenn sie die EU verlassen. Zwischen der EU und anderen Ländern liegen die Zölle zwischen Null und 4,5 Prozent. Das ist nicht viel", sagt er gegenüber der DW.

Ulrich Ackermann, VDMA Leiter Außenwirtschaft (VDMA)

Bestürzt: Ulrich Ackermann

"Aber die technischen Fragen gleicher Normen und Sicherheitsregeln in der Produktion könnten viel teurer werden als Zölle. Noch vor zwei Wochen stellte ich während einer Diskussion mit Vertretern der britischen Regierung eben genau diese Frage: 'Was werden Sie tun?' Deren Antwort war: 'Wir werden sehen, was sich als positiv für Großbritannien herausstellen wird, und wenn es möglich sein sollte, unsere eigenen Regularien zu vereinbaren, dann werden wir das auch machen.'"  Mit einer solchen Antwort könne man nichts anfangen, meint ein konsternierter Ackermann.

Im Zusammenhang mit den potenziellen Kosten, die entstehen, wenn das Vereinigte Königreich in der Automobilbranche andere Vorschriften und Normen als die EU anwendet, verweist Ackermann auf den Handel mit den USA, wo unterschiedliche Standards zusätzliche Kosten von fünf bis 18 Prozent verursachen. "Das würde bedeuten, falls deutsche oder Unternehmen aus der EU ihre Maschinen nach Großbritannien exportieren wollten, dass sie ihre Maschinen an das britische System anpassen müssen, und umgekehrt ebenso."

Er sieht diese Denkweise auch woanders, insbesondere wenn es um künftige Abkommen zwischen der EU und Großbritannien geht. "Die britische Seite erwartet, im März 2019 ein Freihandelsabkommens abschließen zu können", sagt er. "Ich habe so etwas noch nie gehört und ich bin schon seit 20 Jahren in diesem Geschäft. Wir waren noch nie in der Lage, ein Freihandelsabkommen innerhalb eines Jahres zu verhandeln. Es hat nie funktioniert und es wird auch nicht funktionieren."

Eine pragmatische Stimme verschwindet

Branchenspezialisten haben ihre eigenen, branchenspezifischen Schwerpunkte. Als Vorsitzender des Sachverständigenrates der deutschen Wirtschaft dagegen beobachtet Christoph Schmidt die volkswirtschaftliche Seite sehr genau. Er zeichnet ein scharfes Bild von den Fallstricken eines harten Brexits, sowohl in Deutschland als auch darüber hinaus. "Die negativen Konsequenzen wären für Großbritannien selbst am gravierendsten", sagt er der DW. "Aber für die deutsche Wirtschaft, einen der wichtigsten Handelspartner der Briten, wären die negativen Auswirkungen auch erheblich."

Prof Dr Christoph M Schmidt Präsident des RWI und Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Imago/IPON)

Christoph Schmidt: "Erhebliche negative Auswirkungen"

Es sind die langfristigen Auswirkungen, die ihn am meisten beunruhigen, insbesondere die Art und Weise, wie sich ein harter Brexit auf die "intensivierte Arbeitsteilung" auswirken würde. Die gemeinsame EU-Mitgliedschaft hat den europäischen Ländern ermöglicht, davon zu profitieren. "Am wichtigsten ist, dass die pragmatische, marktorientierte britische Stimme im zukünftigen Prozess der europäischen Integration sehr fehlen wird", fügt er hinzu.

Unsichere Angelegenheiten 

Keine der von den Experten angeführten Konsequenzen muss letztlich zutreffen; schließlich ist noch nicht abzusehen, wie der Brexit tatsächlich stattfinden wird. Im "harten" Szenario, in dem das Vereinigte Königreich die EU, die Zollunion und den Binnenmarkt entweder ganz ohne oder mit einem unvorteilhaften Handelsabkommen verlässt, werden die kurz- und langfristigen wirtschaftlichen Folgen in einer Vielzahl von Bereichen schwerwiegend sein. Deutschland und andere EU-Länder werden einen hohen Preis zahlen, aber das Vereinigte Königreich wird es - so sieht es aus - am härtesten treffen.

Für Menschen wie Robertson und Ackermann, deren Berufsleben ohne die tiefe wirtschaftliche Integration der EU ganz anders verlaufen wäre, ist die Aussicht auf einen harten Brexit ebenso schwer vorzustellen wie zu ertragen. Ihn als Möglichkeit zu ignorieren, wäre töricht.

Das Szenario erinnert an William Shakespeare, dessen literarisches Werk von Ereignissen in Europa wie von denen auf seiner Heimatinsel bestimmt wurde. In "Julius Caesar" lässt er Cassius, den Mitverschwörer des Brutus sagen: "Da die Angelegenheiten der Menschen immer unsicher sind, lasst uns mit dem Schlimmsten rechnen, das passieren könnte."

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