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Asien

Wie ein Elefant im Porzellanladen

Über 30 Tote! Das ist die Bilanz der Proteste in Afghanistan gegen die Koranverbrennung. Die USA agieren, auch zehn Jahre nach dem Beginn der Afghanistanmission, wie ein Elefant im Porzellanladen, meint Ratbil Shamel.

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Kommentar Deutsch

Für die Afghanen waren sie Helden – die ersten US-Soldaten, die die Hauptstadt Kabul vor rund zehn Jahren erreichten. Hatten sie doch gerade der Schreckensherrschaft der Taliban ein schnelles Ende gesetzt. Viele sprachen damals vom Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen den USA und Afghanistan.

Die Frage, die sich heute aufdrängt, lautet: Was ist in den letzten zehn Jahren falsch gelaufen, dass die einstigen Helden heute als Feinde angesehen werden? Die Antwort lautet: Es sind zu viele Fehler gemacht worden. Fehler, die viele Menschen offenbar nicht mehr zu verzeihen bereit sind. Den Afghanen wurden nach dem Sturz des Taliban-Regimes Frieden, Demokratie, Wohlstand und ein würdevolles Leben versprochen. Doch davon ist das Land weit entfernt. Krieg, Armut und Demütigungen bestimmen den Alltag vieler Menschen. Vor diesem Hintergrund kann durch die Verletzung religiöser Regeln, wie die versehentliche Koranverbrennung, Enttäuschung in pure Wut und Gewalt umschlagen.

Das ist keine Entschuldigung für die vielen gewaltsamen Demonstrationen der vergangenen Woche. Doch der Fall zeigt, wie unachtsam einige US-Soldaten mit den fundamentalen Werten der Menschen in Afghanistan umgehen. Für die meisten Afghanen ist ein Leben ohne Religion sinnlos und unvorstellbar. Der Koran stellt für alle Muslime das direkte Wort Gottes dar.

Ratbil Shamel, Leiter der Afghanistan-Redaktion der DW

Ratbil Shamel, Leiter der Afghanistan-Redaktion der DW

Wie ein Elefant in einem Porzellanladen kommt vielen vor diesem Hintergrund das Agieren einiger US-Soldaten in ihrem Land vor. Scheinbar wahllos wird vieles zertrampelt, was Afghanen teuer und heilig ist. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Dummheit wird auch im Hindukusch früher oder später bestraft. Eine kluge Afghanistan-Politik sieht anders aus: Die USA müssen glaubwürdig bleiben. Wenn sie in Afghanistan von Menschenrechten, Toleranz und gegenseitigem Respekt reden, müssen sie selbst diese Werte leben.

Zudem muss den Strategen in Washington klar sein, dass die USA in Afghanistan nicht nur gegen die Taliban kämpfen. Alle mächtigen Nachbarn Afghanistans sehen ihre eigene Machtposition in der Region durch eine Dauerpräsens der USA am Hindukusch in Gefahr. Afghanistan und seine zentralasiatischen Nachbarstaaten gehören zu den rohstoffreichsten Regionen der Welt. Vor diesem Hintergrund haben Iran, Pakistan, China und Russland kein Interesse, Afghanistan allein den USA zu überlassen. Alle genannten Länder haben handfeste strategische und wirtschaftliche Interessen in Afghanistan, Interessen, die sie durch eine Partnerschaft zwischen Kabul und Washington gefährdet sehen.

Den Gegnern einer dauerhaften Bindung Afghanistans an die USA kommt natürlich jeder Fehler der Supermacht am Hindukusch sehr entgegen. Sie wissen, dass sie die religiösen Gefühle der Menschen sehr leicht mit Hilfe der konservativen Mullah-Kaste ausnutzen können. Die konservativen Geistlichen wettern gern gegen die "Gottlosen aus dem Westen“. Nichts gefährdet ihre traditionell hohe Stellung in der Gesellschaft mehr als Demokratie und aufgeklärte Massen. Die USA können eventuell den Krieg gegen die Taliban gewinnen, einen Krieg gegen das afghanische Volk werden sie auf jeden Fall verlieren.

Die gesamte Region um Afghanistan ist ein politisches Minenfeld. Wer sich auf diesem Feld nicht mit höchster Vorsicht bewegt, kann viel Schaden anrichten. Diese Lehre sollte nach den Unruhen der letzten Tage jeder ziehen, der die Afghanistan-Mission zu einem Erfolg führen will, je schneller desto besser.

Autor: Ratbil Shamel
Redaktion: Sybille Golte