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Kultur

Wie ein Brite deutsche Erinnerungen erklärt: Neil MacGregor in Berlin

Er ist Direktor des Londoner British Museum und Gründungsintendant des Berliner Humboldtforums: In seinem neuen Buch schreibt Neil MacGregor über deutsche Erinnerungskultur. Jetzt hat er es in Berlin vorgestellt.

"Deutschland. Erinnerungen einer Nation", heißt das Werk des britischen Historikers. Es kombiniert den Blick von außen mit großer Deutschlandkenntnis. Ein Beispiel: MacGregor steht vor dem Siegestor in München. Sogleich fühlt er sich an die großen Triumphbögen erinnert, die auch London und Paris schmücken. Doch gerade durch diesen Vergleich fällt ihm ein frappierender Unterschied auf: In München handelt es sich gar nicht um ein Tor des "Sieges" und des "Triumphes".

Neil MacGregor. Foto: Jason Bell/British Museum

Neil MacGregor: Noch Direktor des British Museum, zugleich schon Intendant des Humboldt Forums.

Die Südseite des Monuments trägt keine Reliefs mehr, die an die großen Zeiten des bayerischen Heers erinnerten. Sie wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Was MacGregor erstaunt: Die Deutschen haben das Tor nicht rekonstruiert, sondern stattdessen einen Schriftzug angebracht, der es zu einem Mahnmal macht: "Dem Sieg geweiht, vom Krieg zerstört, zum Frieden mahnend." MacGregor erkennt hierin den Hauptunterschied zwischen deutscher und der britischer Erinnerungskultur: Deutschland blickt nicht selbstvergewissernd in die eigene Geschichte zurück, sondern richtet den mahnenden Blick in die Zukunft.

"Mahnmal" – ein sehr deutsches Wort, das Briten verwirrt

"In Großbritannien gibt es für 'Mahnmal' gar kein Wort", sagt MacGregor bei der Vorstellung seines Buches "Deutschland. Erinnerungen einer Nation" im Berliner Renaissance-Theater. Großes Lachen im Saal. Für Deutsche unvorstellbar, sind sie doch gerade in der Hauptstadt im Alltag ständig von solchen umgeben, zum Beispiel dem Holocaust-Mahnmal im Zentrum der Stadt. Die große Kunst eines MacGregor liegt aber darin, dass sich die Deutschen in seinen Deutungen wiedererkennen, wenn nicht gar erstmals richtig verstanden fühlen.

Dabei hat er das Buch nicht für die Deutschen geschrieben. Es ist vielmehr ein Nebenprodukt einer großen Ausstellung mit dem gleichnamigen Titel (auf Englisch: "Germany. Memories of a Nation"), die MacGregor im vergangenen Jahr im British Museum kuratiert hat – und die zu einem riesigen Erfolg wurde.

Russland Kaliningrad. Getty Images/H. Engels

Dass eine Stadt zur festen Erinnerung einer Nation gehört, die heute nicht mehr in Deutschland liegt und nichts Deutsches mehr hat, ist für Briten unvorstellbar: Kaliningrad, einst Königsberg. Geburtsstadt Immanuel Kants.

Im Blick hatte er dabei in erster Linie ein britisches Publikum, sowie eines, das aus der ganzen Welt kam – über Deutschland aber nicht viel mehr wusste, als dass es den Zweiten Weltkrieg begonnen und im Namen Hitlers den Holocaust begangen hatte. Im Jahr des doppelten Gedenkens an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und des 25-jährigen Jubiläums der Deutschen Einheit, sei eine Erneuerung dieses verkürzten Deutschlandbilds nötig, meinte MacGregor.

Ins Zentrum der Ausstellung, in die große lichtdurchflutete Halle des Londoner Museums, hatte MacGregor einen VW-Käfer gestellt. Dieser war zwar in der Zeit des Nationalsozialismus entworfen worden, stand aber für ein anderes Deutschland und sein "Wirtschaftswunder". "Das erste deutsche Wort, das es in die englische Sprache geschafft hat und positiv konnotiert ist", wie MacGregor den Berlinern erklärt. Wieder Lachen. Und richtig: "Blitzkrieg" fand schon vorher Eingang ins Englische – und auch die "Autobahn" ist mit Hitler verbunden.

Die Welt in 100 Objekten

Seit Oktober dieses Jahres ist MacGregor einer der Gründungsintendanten des neuen Humboldtforums, das im neu aufgebauten Berliner Stadtschloss entsteht. Und natürlich wollen die Berliner wissen, wie er die großen Sammlungen präsentieren wird. Doch der Brite lässt sich nicht in die Karten schauen. Mit coolem Charme meint er einfach, man solle abwarten und sich überraschen lassen: "Wait and see."

Zu Deutschland besitzt MacGregor eine besondere Affinität. Sein Großvater war schon in den 1920er Jahren in Deutschland, später auch MacGregors Eltern.Neil MacGregor lernte Französisch und Deutsch. Als 16-jähriger Austauschschüler lebte er in einer Hamburger Familie – und entdeckte im Bett eine Daunendecke. "Ich wusste überhaupt nicht, was ich damit machen sollte." Vor allem aber erstaunte ihn, wie freundlich er als Brite aufgenommen wurde, wo doch Hamburg von den Briten bombardiert worden war – und wie die Norddeutschen über Bayern sprachen.

70. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald. Reuters/Pfaffenbach

"Die Perversion der höchsten deutschen Ideale durch die Nazis". Neil MacGregor über den Schriftzug "Jedem das Seine" am Tor von Buchenwald, auf dem Ettersberg über der einstigen Kulturstadt Weimar, wo Goethe und Schiller lebten.

Die Vielstaatlichkeit Deutschlands, der berühmte Flickenteppich, aus dem erst spät eine Nation geworden war, so wusste er noch 2011, würde die Briten am meisten überraschen. Er fand dafür im British Museum passende Exponate: Auf der einen Seite den britischen Sterling – die Münze, die bis heute existiert. Auf der anderen Seite 220 verschieden geprägte Münzen aus Deutschland – aus dem Deutschland verschiedener Fürstentümer.

Vom Dreißigjährigen Krieg über die Niederlage gegen Napoleon bis zum Nationalsozialismus findet er im Buch passende Bilder für die Traumata in der deutschen Erinnerung, die bis heute fortwirken. Auch die Grausamkeit der Nazis bringt MacGregor mit einem Beispiel auf den Punkt: Dem Schriftzug "Jedem das Seine" über dem Tor des Konzentrationslagers Buchenwald. Anders als der Zynismus von "Arbeit macht frei" am Eingang von Auschwitz, Dachau und Sachsenhausen, ist der Schriftzug in Buchenwald einst tatsächlich Leitsatz deutscher Rechtstaatlichkeit gewesen, übersetzt aus dem Lateinischen. Und: Er ist in seinem Schriftbild – so perfide das klingen mag – wunderschön. Bauhaus-Schrift. Ein Häftling musste ihn fertigen, ein ehemaliger Bauhausschüler. Ein Akt des Widerstands? "Ich denke schon", meint MacGregor. Um der Geschichte aber noch eine entscheidende Wendung zu geben: Dieser Mann, Franz Ehrlich, der sich noch in der Haft subtil gegen die Nazis zur Wehr gesetzt hatte, ging nach dem Krieg in die DDR – und wurde dort zum Stasi-Spitzel.

Zwei Diktaturen: "Was hätten wir getan?"

"Wir Briten mussten uns nie fragen, wie wir uns in einer Diktatur verhalten hätten." In der Geschichte Franz Ehrlichs sieht er zugleich die universelle menschliche Frage: "Was hätten wir getan?"

Wiedereröffnung des Lutherhauses Eisenach. picture-alliance/dpa/S. Kahnert

Einst ein Flickenteppich von Fürstentümern, ist die gemeinsame Sprache vor allem Martin Luther und seiner Bibelübersetzung zu verdanken.

Dies macht klar: Ihm geht es nicht darum, deutsche Geschichte nachzuerzählen, sondern deutsche Erinnerungen zu begreifen. Ein Porträt der deutschen Seele zu entwerfen. Deutsche Bräuche - den Karneval, oder auch die deutsche Spießigkeit - wird der Leser bei MacGregor nicht finden. Käthe Kollwitz, Albrecht Dürer und schließlich Gerhard Richter hingegen schon. Dessen Porträt der Tochter "Betty" wird bei MacGregor zum Symbol des deutschen Umgangs mit Geschichte schlechthin: Sie wendet sie sich der Vergangenheit zu, doch in ihrem Schulterblick ist schon die Bewegung angedeutet. Bald wird sie sich umdrehen und der Zukunft entgegenblicken. Großer Applaus.

Dass die Deutschen von MacGregors Interpretation ihrer Seele so begeistert sind, ist kein Wunder, versichert er ihnen doch einen vorbildhaften Umgang mit der eigenen Vergangenheit, der wichtige Impulse für Europa gebe. Deutschland, so MacGregor in Berlin, habe gerade in der Flüchtlingskrise die entscheidende Frage gestellt: Die der moralischen Verantwortung. Auch dies erwachse aus der eigenen Geschichte. Applaus.

Neil MacGregor: Deutschland. Erinnerungen einer Nation. C.H.Beck, 39,95€.

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