1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Geschichte

Wie die Wende Torgau verändert hat

Ostdeutschland ist reich an historischen Stadtkernen. In deren Sanierung ist in den letzten 20 Jahren viel Geld geflossen. Profitiert hat auch das sächsische Torgau. Doch die Stadt steht vor neuen Herausforderungen.

Straße in der Altstadt (Foto: Silke Bartlick, DW)

Zwischen bogenförmigen Schaufenstern baumelt ein schmiedeeisernes Innungszeichen. Der kleine Kerl, der darauf auf einem Schaukelpferd reitet, verrät Passanten schon von Ferne, dass sich in diesem Haus die Werkstatt eines Drechslers befindet und dass hier Spielzeug gehandelt wird. Das Spielwarengeschäft Carl Loebner ist sogar das älteste in Deutschland: 1685 wurde das Familienunternehmen gegründet, heute betreibt Jörg Loebner es in der elften Generation - mit einem zeitgemäßen Vollsortiment und in jenem Haus in Torgaus Bäckerstraße, das einer seiner Vorfahren im Jahre 1780 erworben hat. Er werde es mit Sicherheit einmal erben, sagt Jörg Loebner. "Aber noch ist mein Vater Hausbesitzer. Und er hat schon zu DDR-Zeiten und auch jetzt sehr, sehr viel investiert, beziehungsweise renoviert. Es ist ein richtig schickes Bürgerhaus geworden".

Wohnungsbaupolitik in der DDR

Die meisten ostdeutschen Altstädte waren 1990 in einem bedauernswerten Zustand, denn die Wohnungsbaupolitik der DDR förderte vor allem die Plattenbauweise. Ganze Stadtteile für bis zu 100.000 Einwohner wurden landesweit im Schnellverfahren errichtet. Das Nachsehen hatten die alten Stadtzentren mit ihren oft geschichtsträchtigen Gebäuden. Wegen festgeschriebener niedriger Mieten konnten sie nicht das Geld erwirtschaften, das zur Modernisierung nötig gewesen wäre. Überdies repräsentierten historische Wohn- und Geschäftshäuser in den Augen der sozialistischen Stadtplaner überkommene kapitalistische Verhältnisse. Die Bauten waren deshalb sich selbst überlassen worden und hatten wegen ihrer Außen-WCs und fehlenden Bäder, wegen der Kohleöfen und des oft feuchten Mauerwerks deutlich an Attraktivität verloren.

Torgaus Marktplatz (Foto: Silke Bartlick, DW)

Torgaus prächtiger Marktplatz


Torgau, sagt Karin Hahn vom Planungsamt der Stadt, sei es aber vergleichsweise gut ergangen. Hier hätten sich auch vor 1990 viele Häuser in der Altstadt in Privateigentum befunden. Deshalb habe man sich der Bausubstanz wohl besonders verbunden gefühlt. Außerdem stand die Stadt schon seit 1973, also schon zu DDR-Zeiten, als Flächendenkmal unter Schutz. "Auch deshalb gab es ein großes Interesse, die Altstadt zu erhalten und instand zu setzen."

Bewegte Vergangenheit

Eine Altstadt, die mit giebelgeschmückten Bürgerhäusern, einem stolzen Renaissance-Rathaus und dem prachtvollen Schloss Hartenfels davon kündet, dass hier, am Ufer der Elbe, einst Kurfürsten residierten und gute Geschäfte gemacht wurden. Liebevoll restauriert sind Wohn- und Zweckbauten aus vergangenen Jahrhunderten, ihre Fassaden leuchten ockergelb, frisch geweißelt oder ochsenblutrot. Kleine Geschäfte, Cafés und kulturgeschichtliche Museen laden ein zum Besuch, in Fenstergauben blüht es sommerlich und in den Fußgängerzonen reckt sich junges Grün in den Himmel. In den Jahren vor der Wiedervereinigung hätte hier alles etwas grauer ausgesehen als heute, erinnert sich Wolfgang Wehner, Schuhhändler und Vorsitzender des Altstadtvereins Torgau. Aber Leerstand habe es nicht gegeben: "Wir hatten 1989 wesentlich mehr Einzelhandelsgeschäfte in der Altstadt, denn wir hatten ja nichts vor den Toren der Stadt. Der ganze Handel passierte also hier in der Stadt."

Neue Regeln

Schloss Hartenfels in Torgau (Foto: Silke Bartlick, DW)

Schloss Hartenfels

Der Umbruch kam mit der deutschen Einheit, in Torgau wie überall im Osten Deutschlands. Mit der Wiedervereinigung begann man in den neuen Bundesländern, das Volkseigentum zu privatisieren; von der DDR enteignete Alteigentümer erhielten ihre Immobilien zurück oder wurden nachträglich entschädigt. Gleichzeitig schränkte man die Planungsmöglichkeiten der öffentlichen Instanzen ein. Fortan galten die Regeln des freien Marktes. Die katapultierten nicht nur zahllose Menschen in die Arbeitslosigkeit, sondern veränderten in kürzester Zeit auch die Strukturen der Stadtzentren: Verkaufsstellen aus DDR-Zeiten mussten weichen, Immobilien wechselten den Eigentümer und vielerorts sanken die Einwohnerzahlen, weil Arbeitssuchende nach Westdeutschland abwanderten. Und während die von den Zeitläufen gezeichneten Gebäude noch umgebaut oder abgerissen wurden, entstanden an den Stadträndern moderne Einkaufszentren.

Erneuerung und Denkmalschutz

In Torgau, sagt Karin Hahn, sei es dennoch immer darum gegangen, die Entwicklung der Altstadt voranzutreiben. Schon bald nach der Wende sei die Stadt in Programme zur Förderung der städtebaulichen Erneuerung und des Denkmalschutzes aufgenommen worden. "In dem Zusammenhang haben wir versucht, die Altstadt auch weiter zu entwickeln und die Instandsetzung und Modernisierung voranzutreiben."

Straße in der Altstadt (Foto: Silke Bartlick, DW)

Straße in der Altstadt

Die sächsische Kreisstadt war eine von mehr als 100 Städten, die von diesem breiten, von Bund und Ländern gemeinsam aufgelegten Förderprogramm zum städtebaulichen Denkmalschutz in den neuen Ländern erheblich profitiert hat. Kaum eine Fassade in der Altstadt, die man nicht restauriert hat, kaum ein Objekt, in dem Heizung, Wasser- und Stromzufuhr nicht erneuert wurden. Hinzu kamen öffentliche Baumaßnahmen wie die Sanierung des Schlosshofes, ein soziokulturelles Zentrum und, für Touristen, die Anlage eines Museumspfades zu historisch besonders wertvollen Gebäuden. Dennoch blickt der Spielwarenhändler Jörg Loebner sorgenvoll in die Zukunft. "Uns fehlt hier in Torgau die Kundenfrequenz", sagt er. "Nur von den Touristen können wir nicht leben. Und solange die Kunden fehlen, geht ein Geschäft nach dem anderen, in Anführungsstrichen, ‚den Bach 'runter‘".

Bevölkerungsschwund und Leerstand

Wo aber kein Mieter ist, fehlen die Einnahmen. Rund 120 Geschäfte stehen in Torgau derzeit leer. Das Einkaufszentrum am Stadtrand bindet viele Kunden. So sei das eben in der Marktwirtschaft, heißt es aus dem Rathaus. Dennoch fürchtet man auch hier um die Substanz und Attraktivität der Altstadt. Denn dort warten nicht nur Ladengeschäfte, sondern auch 17 Prozent der Wohnungen auf neue Mieter. "Und wenn ein Hauseigentümer jetzt sein Objekt saniert und in Ordnung gebracht hat", gibt Karin Hahn zu bedenken, "ist natürlich die nächste Frage: Wie hoch ist die Miete? Ist überhaupt eine Klientel da, die diese Miete finanzieren kann? Und wie kriegen wir solche Bevölkerungsgruppen dann auch in die Altstadt?"

Herausforderungen der Zukunft

Ein Schild mit der Aufschrift Zu vermieten an einer Tür (Foto: Silke Bartlick, DW)

Torgau hat mit Leerstand zu kämpfen

Zur Wende hatte Torgau knapp 23.000 Einwohner, heute sind es etwa 5000 weniger. Vor allem die Jungen sind gegangen, der Arbeit hinterher. Ein Schicksal, das Torgau mit vielen Städten Ostdeutschlands teilt. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung liegt hier mittlerweile bei 44 Jahren, und unbedingt reicher würden die Leute auch nicht, sagt Karin Hahn. Damit die Altstadt für sie attraktiv bleibt, bräuchte man, so die Städtebauförderin, mehr Grünflächen, Ruhezonen, barrierefreie Zugänge und Mietzuschüsse. Und wohl auch einen Supermarkt. Denn Lebensmittel kann man in der Altstadt nicht mehr kaufen. Jörg Loebner aber behält sein Spielwarengeschäft am angestammten Platz. Aus Tradition. 2017 will er es seinem Sohn übergeben. Ein Viertel seines Umsatzes aber macht er schon heute im Internet.

Autorin: Silke Bartlick

Redaktion: Dеnnis Stutе