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Kultur

Wie die Regenbogenpresse arbeitet

Rund 20 Titel erscheinen jede Woche mit Auflagen bis zu einer Million: Die Regenbogenpresse in Deutschland. Jürgen Worlitz kennt das Geschäft der Journaille mit den Blaublütern seit über dreißig Jahren.

Jürgen Worlitz und seine gute Freundin Gräfin Gunilla von Bismarck

Jürgen Worlitz und seine gute Freundin Gräfin Gunilla von Bismarck

DW-WORLD.DE: Herr Worlitz, warum muss immer ein bisschen Adel in der Regenbogenpresse sein?

Jürgen Worlitz: Adel ist eine interessante Kombination - dort treffen sich Tradition und bekannte Namen, toller Schmuck, tolle Kleider, bei den Familien, schöne Schlösser und das alles zusammen gesehen ist eine Welt aus der die Träume sind. Da guckt man gerne mal über den goldenen Tellerrand und möchte wissen, was da so los ist.

Wer liest das vor allem?

Überwiegend ältere Frauen. Die Regenbogenpresse ist Frauenpresse. Der Mann kaufte sich früher das Sportheft und brachte dann "Frau mit Herz" mit. Da las die Dame dann eben diese Geschichten, die sich meist um Frauenschicksale rankten. Das musste nicht nur Adel sein. Denken wir etwa an Romy Schneider, Liz Taylor: Das sind große Figuren, die die Welt beeinflusst haben. Das haben Frauen mehr gelesen.

Was muss die Regenbogenpresse heute bieten?

Die ganz großen Namen. Der deutsche Adel ist so gut wie tot in den Medien. Außer bei großen Ereignissen, dann wird hingeschaut. Aber was die Preußen, Bad Pyrmont oder auch die Bayern machen interessiert die Leute nicht mehr so wie früher, wenn nicht gerade geheiratet wird.

Die Berichterstattung, scheint es, ähnelt sich aber sehr: Alle haben die gleichen Bilder und erzählen ähnliche Geschichten dazu.

Es sind ja auch die selben Ereignisse. Wenn eine Kronprinzessin ein Baby bekommen hat, dann kommen die damit vors Krankenhaus, stellen sich dahin. Da kann man schlecht unterschiedliche Bilder machen. Außerdem werden ja heute nur noch winzige Ausschnitte beschrieben: Rund um die Geburt - da gibt es eben nicht groß Möglichkeiten.

Wie arbeiten denn die Journalisten, die diese Geschichten schreiben - wie kommen sie an die Bilder, wie kommen sie an ihre Geschichten?

Die Bilder sind heute mehr denn je öffentlich. Bei Hochzeiten oder Geburten werden Fototermine gemacht, das andere sind Schnappschüsse von öffentlichen Events. Paparazzi-Aufnahmen sind zwar möglich, werden aber immer öfter juristisch geahndet und entsprechend zurückgefahren. Die Texte ergeben sich quasi von selbst, weil sie eben einen Anlass haben. Und wenn nicht, wird eben auch gedeutet, philosophiert auch phantasiert, daraus wird dann eine Geschichte gestrickt. Aber der Wahrheitsgehalt ist oft doch nah getroffen.

Ist er das wirklich?

Im Moment ist eigentlich eine Phase der Ruhe. Die beliebtesten Objekte der Berichterstattung, die jungen Kronprinzen, sind alle relativ frisch verheiratet, da ist die Welt noch in Ordnung. Und es interessiert im Moment keinen so wahnsinnig, was denn die ältere Generation der Royals so macht. Die Spekulation, ob Königin Beatrix der Niederlande nun 2007 abdankt oder 2009 oder gar nicht, das bringt einfach keine Auflagen. Das kann man mal erwähnen, aber das ist nicht der Renner. Noch nicht mal bei der Queen, die ja auch schon jenseits der 80 ist. Was will man bei ihr noch schreiben, außer dass sie rüstig ist und ihren Job gut macht und erstaunlicherweise immer noch die beliebteste Britin ist?

Sie sagten bereits mehrmals, da wird "philosophiert" und "interpretiert". Unseriös!

Die Leser erwarten es. Man darf nicht glauben, die seien blöd. Sie kaufen das zur Unterhaltung, sie kaufen es, weil sie spekulieren wollen. Ich sage immer aus tiefster Überzeugung: Nirgendwo wird mehr spekuliert als übers Wetter oder über die Börse. Da ist der Wahrheitsgehalt bei den Royals mindestens genauso hoch, wenn nicht sogar noch besser.

Nun ja. Zum Beispiel wird behauptet, die Ehe von Prinz Charles und Camilla sei am Ende, weil sie auf der Yacht eines griechischen Reeders ein paar Tage Urlaub ohne ihren Gatten macht.

Charles und Camilla sind ein Sonderfall. Immer noch schwebt Prinzessin Diana über allem. Diesen Schatten werden sie nicht los und daher wird bei deren Geschichten immer etwas hineininterpretiert, was nach Skandalen riecht. Aber wenn man Charles und Camilla wirklich betrachtet, sieht man, dass von Krise keine Spur ist. Die haben schon viel härtere Fälle durchgestanden.

Erzählen Royals Ihnen auch mal was Privates, was die Leser wirklich interessiert, so dass man nichts phantasieren müsste?

Natürlich erzählen die auch mal was Privates. Aber bei diesen Geschichten ist doch nun eigentlich wirklich alles erzählt und alles durch. Es gibt höchstens mal die Fälle, dass sich eine Königin über die Berichterstattung der Regenbogenpresse aufregt und sagt, da und da hätte sie mal wieder ihre Juristen in Gang gesetzt wegen Fotomontagen oder weil einem über Monate Rückenschmerzen angedichtet wurden, die aber nicht da waren. Aber das druckt dann ja nachher keine Zeitschrift, weil sie ihr eigenes Nest nicht beschmutzen möchte.

Werden die Geschichten also nur wahrheitsgetreuer, weil die Royals klagen?

Ja, aber diese Wahrheitstreue ist wie ein Schock nach einem Unfall von kurzer Dauer. Danach wird wieder großzügiger verfahren. Es ist eben das Dilemma, dass die ganz großen interessanten Personen fehlen. Es ist eben ein Unterschied, ob heute ein Fürst Albert II auf dem Thron sitzt - ohne Glanz und Pomp mit Schwestern, die in die Jahre kommen. Es plätschert so dahin und das ist bei anderen Königshäusern genauso. Denn bei aller Liebe: Bevor Mette-Marit den norwegischen Kronprinzen geheiratet hat, wussten in Deutschland viele Leute nicht mal, dass Oslo überhaupt ein Schloss hat.

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