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Politik & Gesellschaft

Wie die Polizei Ausländer umwirbt

Die Polizei wirbt um Bürger mit Migrationshintergrund. Denn in Deutschland, wo der Ausländeranteil knapp neun Prozent beträgt, spielt interkulturelle Kompetenz längst auch im Polizeialltag eine große Rolle.

Vereidigung von Polizeianwärtern in Nordrhein-Westfalen (Foto: Polizei NRW)

Vereidigung von Polizeianwärtern in Nordrhein-Westfalen

Wenn Özlem Tekin mit dem Streifenwagen durch Köln fährt, kommt es vor, dass irgendwo anders in der Stadt ein Polizist an seine sprachlichen Grenzen stößt. Dann kommt wieder einmal der Funkruf: "Ist ein türkischsprachiger Kollege im Dienst?" - und Tekin muss zu dem Beamten fahren, um zu dolmetschen.

Der Funkraum der Polizeiinspektion Mitte in Köln (Foto: DW)

Funkraum der Polizeiinspektion Mitte in Köln

Dank ihrer türkischen Eltern kann die Polizeianwärterin jedoch nicht nur als Übersetzerin tätig werden; auch bei Einsätzen ist ihre Mehrsprachigkeit zuweilen von Nutzen. "Der klassische Fall: Ehemann schlägt Ehefrau", sagt die 24-Jährige. "Man kommt herein und die Frau spricht nicht mit einem, obwohl der Ehemann schon weg ist." In solchen Fällen helfe es oft, wenn man die Betroffenen in der Muttersprache ansprechen könne. "Die Leute reden dann; gewisse Ängste werden abgebaut."

"Die Dinge mit anderen Augen sehen"

Situationen wie diese gehören längst zum Polizeialltag, denn knapp neun Prozent der Bevölkerung sind Ausländer; Menschen mit Migrationshintergrund machen gar ein Fünftel der Bevölkerung aus. Es sei daher selbstverständlich, dass diese Gruppe auch in der Polizei vertreten sein müsse, sagt Heike Wächterowitz von der Personalwerbung der Kölner Polizei. Dies verändere die Polizei insgesamt, glaubt die Hauptkommissarin: "Die Kolleginnen und Kollegen können uns auch als Deutsche dabei unterstützen, fremde Kulturen zu verstehen und vielleicht auch gewisse Dinge mit anderen Augen zu sehen."

Heike Wächterowitz von der Personalwerbung der Kölner Polizei (Foto: DW)

Heike Wächterowitz von der Personalwerbung der Kölner Polizei

Doch die Rekrutierung ist alles andere als einfach. Zwar gibt es keine genauen Daten, doch dach Schätzung der Gewerkschaft der Polizei liegt der Anteil von Polizisten mit Migrationshintergrund noch immer deutlich unter den sieben Prozent, die vor einigen Jahren von den Innenministern der Länder als Zielmarke formuliert wurden. Die Bundesländer bieten dabei ein uneinheitliches Bild: In Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Land, hatten in diesem Jahr mehr als elf Prozent der 1100 Berufsanfänger ausländische Wurzeln; in den Vorjahren waren es jeweils um sieben Prozent. Im ostdeutschen Mecklenburg-Vorpommern stellen diese Beamten nach Angaben des dortigen Innenministeriums lediglich 0,2 Prozent der Polizeikräfte – in dem dünn besiedelten Land beträgt der Ausländeranteil an der Bevölkerung nur rund zwei Prozent. Besonders ehrgeizig sind die Ziele in Hamburg: Hier strebt man eine Quote von 20 Prozent an. Noch liege man jedoch "weit unter 10 Prozent", so die Innenbehörde.

Personalwerbung in ausländischen Vereinen

Eine Hürde sind die anspruchsvollen Sprachtests, die Bewerber bewältigen müssen. Zudem braucht man in einigen Bundesländern das Abitur. Doch den höchsten Schulabschluss haben nur beispielsweise 14 Prozent der türkischstämmigen Bürger – in der deutschen Bevölkerung ist die Quote mehr als doppelt so hoch. Um die Zahl möglicher Bewerber zu erhöhen, werden die Einstellungsvoraussetzungen zum Teil gelockert. In Nordrhein-Westfalen etwa kann man auch dann Beamter werden, wenn man kein EU-Bürger ist – sofern man Türke ist oder einer anderen großen Einwanderergruppe angehört. Zudem geht man bei der Personalsuche ganz gezielt vor. "Wir gehen zum Beispiel in Vereine, in denen vermehrt ausländische Mitbürger aktiv sind", erklärt Miriam Mielke, Einstellungsberaterin der Kölner Polizei. "Da versuchen wir, Kontakte zu knüpfen und die Leute für den Polizeiberuf zu begeistern."

Die Polizeianwärterinnen Shahwar Dogar, Özlem Tekin und Ima Schulte (v.l.) (Foto: DW)

Die Polizeianwärterinnen Shahwar Dogar, Özlem Tekin und Ima Schulte (v.l.)

Noch vor wenigen Jahren war die Polizei eine fast rein deutsche Institution. Dass sich dies verändert, hat nach Einschätzung der Polizeigewerkschaft zu keinen größeren Spannungen geführt. "Nach unserer Erfahrung werden die Kollegen sehr gut aufgenommen und gliedern sich auch sehr gut ein", sagt Rüdiger Holecek, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei. Persönlichkeitstests bei der Einstellung und klare Regeln innerhalb der Behörden hätten dazu geführt, dass Rassismus innerhalb der Polizei keine Rolle mehr spiele.

Das unberechenbare "polizeiliche Gegenüber"

Diese Erfahrung haben auch Kölner Polizeianwärter mit ausländischen Wurzeln gemacht. Sie fühle sich bei der Polizei sehr gut aufgenommen, sagt etwa die 22-Jährige Shahwar Dogar. Bei ihren Kommilitonen klingt das ähnlich. Doch Dogar fügt hinzu: "Ich weiß auch, dass vielleicht Schwierigkeiten auf mich zukommen werden, weil jedes polizeiliche Gegenüber anders ist."

Denn bei Einsätzen weht ein anderer Wind als auf der Wache, erzählt die Polizeianwärterin Özlem Tekin. Im Dienst bekomme sie bisweilen auch Sprüche der Sorte "Geh doch in Deinem eigenen Land arbeiten" zu hören. Doch ernst könne sie das nicht nehmen: "Dann lache ich einfach nur."

Autor: Dеnnis Stutе

Redaktion: Pia Gram