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Geschichte

Wie die Nazis die Kunstvielfalt zerstörten

Kunstfeindliche Hetze: Die Nazis gängelten missliebige Künstler systematisch und bezeichneten ihre Werke als "entartete Kunst". Das hatte Folgen bis in die Gegenwart, wie eine Ausstellung in Berlin zeigt.

Anne Ratkowski Küchenstilleben mit Fisch, 1938/1940 © Andrew Duncan-Brown Foto Kai-Annett Becker Bilder für die Berichterstattung über eine Ausstellung in der Berlinischen Galerie. Die Kunstablichtungen sind der DW für die Berichterstattung über die Ausstellung überlassen worden. Kunst in Berlin 1933 - 1938 Verfemt. Verfolgt. Verboten

Deutschland Ausstellung Kunst in Berlin 1933 - 1938 Verfemt Verfolgt Verboten

Aus den Bildern der Sammlungspräsentation "Kunst in Berlin 1933-1938. Verfemt. Verfolgt. Verboten" in der Berlinischen Galerie erschließt sich zumeist nicht, welches entsetzliche Problem die Kunstfunktionäre der Nationalsozialisten mit den Werken hatten. Da ist zum Beispiel das nüchtern gehaltene "Küchenstilleben mit Fisch" von Anne Ratkowski. Mit seinen Spiegelungen und Lichtreflexen wirkt es im Stil schon fast altmeisterlich: Vier Fische liegen auf einem Holzbrettchen, man stellt sich vor, dass sie gleich geputzt und paniert werden. Das kleine Messerchen liegt bereit, ebenso die unaufgeschlagenen Eier in einer Schale.

Was störte die Nazis so sehr an dem Bild? Anne Ratkowskis Stil kann es nicht gewesen sein. Doch die Malerin war Jüdin, engagierte sich in einer linken Künstlergruppe. Deswegen fand sie nach dem Machtergreifung Hitlers 1933 immer seltener Möglichkeiten, ihr Werk zu präsentieren. Schließlich verließ sie Deutschland und - ein bitterer Triumph der Nazis - geriet als Kunstschaffende in Vergessenheit.

Die kunstfeindliche Hetze wirkte fort

Heinz Stahlhut: Leiter der Sammlung Bildende Kunst Foto von Heiner Kiesel (bin mit der Verwendung durch die DW einverstanden) Bilder für die Berichterstattung über eine Ausstellung in der Berlinischen Galerie. Die Kunstablichtungen sind der DW für die Berichterstattung über die Ausstellung überlassen worden. Kunst in Berlin 1933 - 1938 Verfemt. Verfolgt. Verboten

Kurator Heinz Stahlhut

Die Sammlungspräsentation in der Berlinischen Galerie gehört zum Berliner Themenjahr 2013 "Zerstörte Vielfalt". Die Ausstellungsmacher haben einen einfachen und effektiven Weg gewählt, dieses Motto umzusetzen. Links neben Ratkowskis Bild hängt das expressionistische "Stilleben mit grüner Katze" von Hans Böttcher und rechts das "Stilleben mit Pfeife" von Rudolf Ausleger im Stil des französischen Kubismus. "Es sind drei sehr unterschiedliche Vertreter einer Bildgattung", sagt Ausstellungskurator und Leiter der Sammlung Bildende Kunst Heinz Stahlhut, "mit denen wir darstellen, wie breit das Spektrum der Kunst in Berlin vor der Machtübernahme der Nazis war."

Auch die drei Landschaftsdarstellungen an der Wand gegenüber demonstrieren die Intention gut. Gleichzeitig wollen die Ausstellungsmacher verdeutlichen, wie wenig von der kunstfeindlichen Hetze ästhetisch bedingt war. "Es findet sich praktisch immer ein rassistischer oder politischer Hintergrund", urteilt Stahlhut. Bestürzenderweise, so stellt der Kurator fest, hätten die Nazis nachhaltigen Erfolg mit ihrer Kampagne gehabt: "Vielen der Verfemten ist es entweder nur schwer, oder gar nicht gelungen, ihre Künstlerkarriere nach 1945 wieder aufzunehmen."

Vergiftetes Klima

Besonders ein Werk des sonst eher als spöttischer Dichter bekannten Joachim Ringelnatz erscheint im Kontext der Ausstellung als ein Bild von dräuender Vorahnung: "Herbstgang" von 1929. Zwei Menschen schleichen sich durch eine apokalyptische Landschaft davon, weg von einer undeutlichen, gekreuzigten Gestalt. Auch Ringelnatz wurde von den Nazis verfemt: Nach 1933 durfte er nicht mehr auftreten, seine Bücher wurden verbrannt. Er starb im November 1934 an Tuberkulose in Berlin.

Der Umgang mit Ringelnatz ist nur ein Beispiel für das vergiftete Klima in der deutschen Kunstwelt der 30er Jahre. In einem zentralen Gang der Ausstellungsräume im ersten Stock liegen in Vitrinen Dokumente aus Künstlerarchiven aus. Darunter ist auch Wolfgang Willrichs "Säuberung des Kunsttempels" - ein Buch, das die Grundlagen für die Aktion "Entartete Kunst" schuf. Daneben liegt aufgeschlagen ein Taschenkalender der Dadaistin Hannah Höch. Sie hat darin Gedanken zu einem Besuch der diffamierenden Ausstellung "Entartete Kunst" im Jahr 1937 notiert. "Alle öffentlichen Sammlungen sind hier vertreten", schreibt sie und fährt verwundert fort: "Nach all der öffentlichen Hetze ist erstaunlich, wie sich das Publikum diszipliniert benimmt."

"Entartete Kunst"

Außerdem sind Teile des Schriftwechsels des Galeristen Ferdinand Möller mit dem völkisch eingestellten Direktor des Düsseldorfer Folkwang-Museums, Klaus Graf von Baudissin, zu sehen. Galerist Möller wurde in der Zeitschrift "Der SA-Mann" als Händler "von einer dünnen, dekadenten und freimaurerisch zersetzten Oberschicht getragenen Verfallskunst" geschmäht. Im Kontrast dazu stand Baudissin, für den nur ein glühender Nationalsozialist wirklich Künstler sein konnte. Folglich, auch das dokumentiert die Ausstellung, trieb Baudissin den Ausverkauf moderner, "entarteter" Kunst an Museen des Deutschen Reiches voran. Das Beispiel zeigt: Die Nazis machten Kasse, aber die Sammlungen bluteten aus. Nach Kriegsende dauerte es lange, bis die Lücken in den Beständen wieder einigermaßen geschlossen werden konnten.

Und schließlich von Heiner Kiesel (bin mit der Verwendung durch die DW einverstanden) Modell des Einsteinturms von Erich Mendelssohn Bilder für die Berichterstattung über eine Ausstellung in der Berlinischen Galerie. Die Kunstablichtungen sind der DW für die Berichterstattung über die Ausstellung überlassen worden. Kunst in Berlin 1933 - 1938 Verfemt. Verfolgt. Verboten

Das Modell des Einsteinturms von Erich Mendelssohn

Nach ihrer Gründung, betont Kurator Stahlhut, sei es eines der zentralen Anliegen der Berlinischen Galerie gewesen, den ausgegrenzten Künstlern wieder einen angemessenen Raum zu geben. Und so wird der Beitrag des Hauses zum Themenjahr 2013 gewissermaßen zum Heimspiel. Um den zentralen Gang herum fächert sich die Ausstellung "Kunst in Berlin 1880-1980" auf. Dort hängen auch sonst Werke von Otto Dix, Hannah Höch, Franz Nussbaum. Jetzt sind knapp ein Dutzend Werke mit orangefarbenen Punkten gekennzeichnet und durch erläuternde Texte in den Kontext der Schau über die "zerstörte Vielfalt" eingeordnet.

Einschnitt in alle Bereiche der Kunst

Die Ausstellung "Verfemt. Verfolgt. Verboten" öffnet sich jenseits der Malerei auch der Fotografie und Architektur in Berlin vor der Nazizeit. Abzüge der Modefotografin Else Ernestine Neuländer-Simon, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Yva, vermitteln etwas von der Beschwingtheit der 20er Jahre in der Reichshauptstadt. Ein Modell des Architekten Erich Mendelssohn, das den Potsdamer Einsteinturm zeigt, verweist auf die zukunftsweisende Architektur, die in Berlin entwickelt wurde. Mendelssohn konnte emigrieren, Yva starb im Vernichtungslager Sobibor. Kleine Täfelchen neben den Ausstellungsstücken geben über das Schicksal der Kunstschaffenden und ihrer Sammler Auskunft. Die Informationen sind allerdings recht knapp - wünschenswert wäre vielleicht noch eine Darstellung in einem begleitenden Heft gewesen.

Das Themenjahr "Zerstörte Vielfalt" und die angeschlossene Sammlungspräsentation in der Berlinischen Galerie blicken 80 Jahre zurück in die Vergangenheit. Über 500 Ausstellungen und Veranstaltungen in der Hauptstadt zeigen, was verloren gegangen ist - manches davon unwiderbringlich. Die Betrachtung der Werke in der Berlinischen Galerie ist dazu angetan, den Besucher nachdenklich nach draußen zu entlassen. Dort erwartet ihn ein Berlin, das sich längst erholt hat von der Zäsur im Jahr 1933 und erneut zu einem Zentrum künstlerischer und multikultureller Vielfalt geworden ist. "Verfemt. Verfolgt. Verboten" macht deutlich wie wertvoll uns das sein muss.

Die Ausstellung "Kunst in Berlin 1933-1938. Verfemt. Verfolgt. Verboten" in der Berlinischen Galerie ist ein Beitrag zum Themenjahr 2013 "Zerstörte Vielfalt" und läuft noch bis zum 12.08.2013.

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