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Welt

Wie die EU gegen den Koka-Anbau kämpft

Der GTZ-Mitarbeiter Johann Krug hilft Gemeinden in den tropischen Yungas bei der Suche nach Alternativen zum Kokastrauch. Er erklärt, warum der Bau von Straßen und Schulen hilft, den Koka-Anbau zurückzudrängen.

Johann Krug im Koka-Anbaugebiet Los Yungas

Johann Krug im Koka-Anbaugebiet "Los Yungas"

DW-WORLD.DE: Über viele Jahre hat die US-Regierung die Regeln im Kampf gegen den Koka-Anbau in Bolivien bestimmt. Die Devise hieß: Es wird hart durchgegriffen und Hilfe gibt es nur, wenn die Kokafelder vernichtet werden. Inwiefern unterscheidet sich das Konzept der EU im Anti-Drogenkampf davon?

Johann Krug: Im Gegensatz zur nordamerikanischen Kooperation ist die europäische Hilfe nicht konditioniert. Das heißt: Projekte werden unterstützt, ohne dass die Forderung erhoben wird, dass dafür Kokafelder vernichtet werden müssen. Ein Schwerpunkt der EU ist die lokale Wirtschaftsförderung. Dazu gehört der Anbau alternativer Produkte wie Mangos, Ananas, Gemüse oder die Zucht von Schweinen, Bienen und so weiter. Das ist aber nicht alles. Ebenso soll die Zivilgesellschaft gestärkt werden, über bessere Bildungsarbeit, einen besseren Zugang zu Gesundheitsdiensten und bessere Infrastruktur. Dadurch soll die Abhängigkeit vom Koka-Anbau vermindert werden und die Leute sollen merken: Es gibt auch andere Einkommensquellen.

Warum sollten die Bauern denn weniger Koka anbauen, nur weil sie bessere Straßen haben?

Nehmen sie zum Beispiel die Yungas. Das ist eine landschaftlich spektakuläre Region. Sie ist sehr gebirgig, die Täler sind tief eingeschnitten. Die Straßenverhältnisse sind schwierig. Das erschwert die Vermarktung von landwirtschaftlichen Produkten, die verderblich sind, wie Früchte oder Blumen. Solche Waren müssen schnell auf den Markt von La Paz oder, wenn es für den Export ist, schnell zum Flughafen. In der Regenzeit kommt es immer wieder zu Bergrutschen, Flüsse reißen Brücken weg. Dann sind die Straßen blockiert. Was machen sie dann mit ihrer verderblichen Ware? Das ist ein Problem.

Welche Vorteile bietet die Kokapflanze?

Das Blatt wird geerntet, getrocknet und in große Ballen gepresst. Das kann dann gelagert werden, wochenlang. Außerdem wiegen Kokablätter nicht viel und sind daher leicht zu transportieren. Und pro Jahr kann bis zu vier Mal geerntet werden, so haben die Bauern in relativ kurzen Abständen ein recht sicheres Einkommen.

Ist der Kokaanbau nicht viel rentabler als Alternativprodukte?

Wir gehen davon aus, dass die Unterschiede gar nicht so groß sind. Die Investitionen für ein Kokafeld hier in den Yungas sind groß. Es kostet etwa 4000 bis 5000 Dollar, um hier an den steilen Hängen ein ein Hektar großes Kokafeld anzulegen. Das erfordert außerdem viel Handarbeit, der Kokastrauch braucht viel Pflege. Es gibt interessante Alternativen wie Kaffee oder Mangos.

Für die Menschen hier ist Koka ist nicht nur eine Nutzpflanze. Koka ist heilig. Gibt es Vorbehalte gegenüber alternativen Produkten?

Sobald jemand eine Alternative sieht, nimmt er sie gerne an. Der Koka-Anbau ist eben recht mühselig, außerdem verursacht er schwere Umweltprobleme. Wir haben es hier mit Monokulturen zu tun, nach 12 Jahren ist der Boden ausgelaugt. Dann müssen die Felder aufgegeben werden, es kommt zur Erosion. Außerdem führt das dazu, dass die Menschen immer mehr Wald abholzen. Wir haben in den Yungas schon heute ein akutes Trinkwasserproblem. Nein, es gibt durchaus andere Einkommensquellen. Es geht ja nicht nur darum, alternative Feldfrüchte zu finden. Der Tourismus hat hier sicher das größte Potenzial.

Lässt sich absehen, ob das "sanfte" Konzept der EU greift?

Nehmen Sie zum Beispiel das Chapare-Gebiet, das zweitgrößte Koka-Anbaugebiet in Bolivien. Dort hat die EU acht Millionen Euro in Gesundheit, Erziehung und Infrastruktur investiert. In den vergangenen drei Jahren hat es keine größeren Konflikte mehr gegeben, die durch die Kokaproduktion ausgelöst wurden. Das europäische Konzept hat dazu beigetragen, die sozialen Konflikte zu vermindern. Wir haben das Vertrauen der Bauern gewonnen. Das US-Konzept dagegen hat zu schweren Auseinandersetzungen geführt, weil man eben Hilfe nur dann geleistet hat, wenn die Kokafelder vernichtet wurden.

Sind Sie mir Ihren Vorstellungen auch schon mit den US-Kollegen aneinandergeraten?

Nein, überhaupt nicht. Es gibt keine Konflikte mit der nordamerikanischen Kooperation. Wir stehen im permanenten Kontakt. Hochinteressant ist, dass die Kollegen hier vor Ort von USAID unseren Ansatz für gut und richtig halten. Sie bekommen jedoch die Vorgaben aus ihrer Zentrale, die sie nicht beeinflussen können.

Evo Morales hat das Motto ausgegeben: Koka ja, Kokain nein. Wie steht die EU zur Legalisierung von Koka?

Dazu gibt es eigentlich keine offizielle Politik. Man beobachtet die Situation. Aber es gibt durchaus gewisse Sympathien, wie es sicher auch heftige Ablehnung gibt. Ich denke Morales hat Recht, wenn er sagt, man müsse zwischen der Kokapflanze und Kokain differenzieren. Kokaprodukte wie Tee, Shampoo, Zahnpasta mit Kokaextrakten sind für die Drogenherstellung ja auch gar nicht zu gebrauchen.

Johann Krug von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) arbeitet als internationaler Berater für den Nationalen Fonds für alternative Entwicklung (FONADAL) in Bolivien. FONADAL unterstützt die Gemeinden vor allem bei Infrastrukturprojekten wie dem Bau von Schulen, Krankenhäusern, Straßen und hilft bei der Suche nach Alternativen zum Koka-Anbau. Insgesamt hat die EU den Fonds mit 13 Millionen Euro finanziert.

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