1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Bücher

Wie der Onkel die Familie ausspionierte

In ihrem Buch "Immer wieder Dezember" schildert Susanne Schädlich die Bespitzelungsmethoden in der DDR. Eine Rekonstruktion aus eigenen Erinnerungen, Stasi-Akten und Gesprächen, die sich liest wie ein Kriminalroman.

Buchcover: Immer wieder Dezember. Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich (Foto: Verlag Droemer/Knaur)

Dezember 2007: Im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg wird ein Toter auf einer Parkbank gefunden. Er hatte sich offenbar selbst das Leben genommen – mit einem Schuss in den Mund. Wie symbolisch diese Todesart war, stellte sich bei der Identifizierung heraus: der Tote war der Bruder des Schriftstellers Hans Joachim Schädlich. 15 Jahre zuvor war Karlheinz Schädlich als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi enttarnt worden. Für die damals in Amerika lebende Nichte Susanne war die Nachricht ein Schock und ein unglaublicher Verrat an der Familie. Sie hatte dem Onkel seit frühester Kindheit bedingungslos vertraut.

Engagierte Mitarbeit

Karlheinz Schädlich war Historiker und 1975 ins Visier der Stasi geraten. Er hatte die geplante Schleusung einer Freundin in den Westen gemeldet. Das Ministerium warb ihn an und rannte offene Türen ein, wie Susanne Schädlich herausfand. Er erfüllte bereitwillig alle Aufträge und brachte auch eigene Ideen ein. Beispielsweise bot er seine Wohnung an, um polnische Oppositionelle aufzunehmen, damit die Stasi sie abhören konnte.

Der weltgewandte, dandyhaft-elegant gekleidete Schädlich besaß Kontakte zu zahlreichen Künstlern der DDR, darunter die Liedermacherin Bettina Wegner und der Schriftsteller Klaus Schlesinger, die er schamlos ausnutzte um sie zu bespitzeln. Sein Deckname IM Schäfer findet sich in den Akten von Günter Kunert, Sarah Kirsch, Lilo und Jürgen Fuchs, ebenso wie in denen westlicher Schriftsteller, darunter auch Günter Grass.

Eine Familie wird zerschlagen

Die deutsche Schriftstellerin Susanne Schädlich (Foto: Jan Woitas/dpa)

Die Schriftstellerin Susanne Schädlich

Mitte der 1970er Jahre trafen sich zahlreiche Autoren aus Ost und West regelmäßig zu Werkstattgesprächen in der Wohnung des Schriftstellers Hans Joachim Schädlich in Ost-Berlin. Auch IM Schäfer hatte versucht, über seinen Bruder Zugang zu diesem Kreis zu erhalten, jedoch ohne Erfolg. Aber in Gesprächen erfuhr er über die Inhalte der Treffen und meldete sie weiter.

Hans Joachim Schädlichs Telefon wurde abgehört, das Haus beobachtet. Nach der Unterzeichnung des Protests gegen die Biermann-Ausbürgerung verlor der Schriftsteller seine Arbeit, seine Bücher konnten nicht mehr in der DDR erscheinen. Die Tochter Susanne war 12 Jahre alt, als sie mit ihren Eltern in den Westen übersiedelte. Doch der Arm der Stasi erreichte die Familie auch dort. Susanne Schädlich berichtet von dem schwierigen Beginn in Hamburg. Immer wieder erhalten sie ungebetenen Besuch, von dem sie über ihre Nachbarn erfahren. "Unsere Untermieterin fragte, ob wir die Wohnung an Freunde vermieteten, wenn wir nicht da sind, sie höre immer Möbelrücken und Schritte in der Wohnung", erinnert sich die Autorin. Auch dahinter steckte niemand anders als IM Schäfer, der Onkel.

Ein Wolf im Schafspelz

Karlheinz Schädlich sollte die Familie seines Bruders zur Rückkehr in die DDR bewegen. Er sollte sie "renaturieren". Dies endete damit, dass Hans Joachim Schädlich krank wurde. Er bekam Depressionen, seine Ehe zerbrach. Er kehrte zwar nicht als gebrochener, reumütiger Sozialist in die DDR zurück, wie die Stasi gehofft hatte, aber 1984 hatte IM Schäfer den Auftrag erfüllt. Der Vermerk in der Akte: "Die Familie zerschlagen. Eltern unschädlich gemacht."

Verdacht gegen den Bruder schöpfte Hans Joachim Schädlich nicht. Tochter Susanne, die vor den Schatten der Vergangenheit schließlich nach Amerika geflüchtet war, hatte selbst von hier aus engen Kontakt mit ihrem Onkel gehalten. Sie charakterisiert ihn als sympathischen, der Jugend zugewandten und verständnisvollen Mann, der die Frauen liebte.

Nach der Enttarnung reagierte Susanne Schädlich dann umso radikaler: Sie brach den Kontakt sofort ab und nahm ihn nie wieder auf. Der Onkel habe sich "die Familie gestohlen" formuliert sie in ihrem Buch. Die Nachricht von seinem gewaltsamen Tod vor zwei Jahren hatte sie zunächst kalt gelassen. Doch dann kamen doch Gefühle hoch, "weil er der Onkel war". Doch auch der Tod konnte den Verrat nicht ungeschehen machen.

Autorin: Sigrid Hoff
Redaktion: Petra Lambeck