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Kultur

Wie der Okzident den Orient beeinflusst

Der Orient hat seit Jahrhunderten Reisende, Forscher und Künstler aus dem Westen fasziniert. Wie islamische Länder den Okzident sahen und sich für die westliche Kultur begeisterten, zeigt eine Ausstellung in Karlsruhe.

Wandteppich (Foto: Badisches Landesmuseum Karlsruhe)

Der "Sarotti-Mohr", jene fast schon legendäre Reklamefigur aus den 50er Jahren, prangt in einer Luxusausgabe aus Porzellan in einer Vitrine des Badischen Landesmuseums Karlsruhe. Das Modell stammt von 2005, der Mohr, der damals für Schokolade warb, ist heute wieder ein Verkaufsschlager. Alte Blechschachteln werben für Zigaretten der Marke "Sultan". Eine bunte Dose verspricht Weihnachtsschokoladen-Träume wie aus 1001 Nacht. Daneben sitzt der "Rauchende Orientale", ein Figurenautomat, in dem sich eine Spieluhr verbirgt. Und das Plakat einer bayerischen Brauerei zeigt einen Beduinen auf einem Kamel, das Bierflaschen transportiert.

Spiel mit Stereotypen

Die Welt solcher Klischees hat das westliche Bild vom Orient seit vielen Jahren geprägt. Doch dann hängt da diese Kuckucksuhr - typisch deutsch, denkt man und wundert sich. Man hat ja den kleinen Lautsprecher noch nicht gesehen, der dort anstelle des Vogels im Türchen befestigt ist. Ganz nach deutschem Muster ertönt zur halben und zur vollen Stunde - der Ruf eines Muezzins. Dieses Uhrenkunstwerk von Via Lewandowsky ist eine Persiflage. Aber es deutet auf ein Kulturphänomen hin, sagt Ausstellungskuratorin Schoole Mostafawy: "Europäische Uhren gelangten schon im 17. Jahrhundert in den Orient. Kuckucksuhren sind noch heute in orientalischen Ländern verbreitet, auf Basaren in Teheran, Istanbul oder Damaskus zu kaufen, in Wohnzimmern zu finden." Das, was im Abendland vielleicht ein schöner Nomaden-Teppich, eine handbemalte Keramik ist, ist im Orient eine Schwarzwälder Uhr: ein Zeichen von Weltläufigkeit nämlich.

Orientreisender Heinrich Börges im Beduinenkostüm. (Foto: Badisches Landesmuseum Karlsruhe)

Der Orientreisende Heinrich Börges in beduinischer Kleidung

Adaption der anderen Kultur

Die Karlsruher Ausstellung spielt mit Stereotypen und sie zeigt, dass es über Jahrhunderte hinweg eine reiche, vielfältige, heute nahezu vergessene kulturelle Wechselbeziehung gab, ein Geben und Nehmen, eine Beziehung, die nicht nur von der westlichen Gier nach Rohstoffen, der Erschließung von Handelswegen und der Geringschätzung der muslimischen Bevölkerung geprägt war. "Wir wollen hier zeigen, dass der Orient nicht nur ein passiver Empfänger westlicher Kultur ist, sondern sich auch selber die fremde Kultur aneignet", sagt Kurator Jakob Möller.

Bilderverbot und Bildkunst

Als im 19. Jahrhundert im Westen die Fotografie populär wird, als Forscher und Reisende in den Orient fahren und ihre Eindrücke dort fotografisch dokumentieren, als der "Orientalismus" Mode wird, übernimmt auch die islamische Welt das neue Medium. Und setzt sich souverän über das von der orthodoxen Geistlichkeit hochgehaltene Bilderverbot hinweg. Mehr noch: Die Geistlichen finden sogar eine Begründung dafür, warum dies so sein darf, erläutert Möller: "Sie argumentieren, die Fotografie sei keine Bildkunst, sondern lediglich ein naturwissenschaftliches Verfahren, mit dem sich Licht auf einer fotografischen Platte spiegeln lasse – was ja eine genaue Beschreibung des Vorgangs ist." Auch das Fotografieren wird zu einem Zeichen von Modernität, in Bildern vom Alltag spiegelt sich neues Selbstbewusstsein und islamische Herrscher geben gerne Fotos in Auftrag, auf denen sich die eigene Kultur mit der fremden mischt. So sehen wir eine Haremsdame, auf einem Diwan ausgestreckt, gekleidet in eine traditionelle Jacke und einen kurzen gebauschten Rock, wie er an der Wende zum 20.Jahrhundert im Westen beliebt war.

Bilder aus der Ausstellung 'Das fremde Abendland' (Foto: Badisches Landesmuseum Karlsruhe)

Ein Bildnis von Mohammed?

Das Bild des Propheten?

Ein überraschendes Fundstück sind auch diese Bilder. Zeigen sie tatsächlich den Propheten Mohammed? Dieses angeblich einzige existierende Porträt soll noch heute als Andachtsbild im Iran verbreitet sein. Doch der träumerische Knabe ist ein Fellachenjunge aus Tunesien, fotografiert von den deutschen Fotografen Rudolf Franz Lehnert und Ernst Heinrich Landrock zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Karlsruher Projektleiterin Schoole Mostafawy erklärt: "Damals war das ein Gegenstück zu den Aufnahmen leicht bekleideter, liebreizender Berberinnen. Und für die Fotografen und ihre Kunden eine orientalische Impression, wie viele andere Motive auch."

'Das jüngste Gericht', Wandteppich aus der Ausstellung 'Das fremde Abendland' Copyright: Badisches Landesmuseum Karlsruhe

Wandteppich "Das jüngste Gericht"

Kulturtransfer

Kunst- und Alltagsgegenstände zeigen anschaulich, dass die islamische Kultur auch Phänomene des Okzidents adaptiert und schon seit dem 18. Jahrhundert europäische Kunst rezipiert hat. Herrscherporträts, Heiligenbilder und Wandteppiche kombinieren religiöse Motive des Islam mit westlichen, auch christlichen Details, integrieren einen modernen Stuhl oder einen Anzug tragenden Mann in traditionelle Darstellungen des Paradieses. Götterbilder aus Indien und dem Iran lehnen sich stark an die im Okzident bekannte Mariensymbolik an. Die abendländische Kunst habe als Vorbild gedient, um eine aus der eigenen Tradition heraus geschaffene Geschichte zu verbildlichen, so Schoole Mostafawy. "Islamische Künstler ließen sich anregen vom Motivschatz des Westens. Sein Stil, seine Themen werden genutzt wie ein Katalog." Der Wiener Maler Hans Zatzka malte 1914 einen "Elfenreigen", gedacht als Wandschmuck für europäische Schlafzimmer der 1920er Jahre. In der Karlsruher Ausstellung sehen wir die orientalische Adaption des Themas: Aus den europäischen Elfen wurden indische Hirtinnen, die mit dem Gott Krishna tanzen.

Alltag, Sehnsüchte, Traumata

Geträumt haben die Reisenden beider Kulturen sehr unterschiedlich. Während die Europäer von mediterranem Klima und Palmen schwärmten, malten sich muslimische Künstler ihre Träume in Form von Gebirgen, kühlen Wäldern und rauschenden Flussläufen. Manchmal auch dekoriert mit Pferden, Kühen und einem Wurzelsepp. Überraschende Einblicke bietet auch das Kapitel Alltagskultur. Wer die dort präsentierten afghanischen Teppiche aus der Entfernung sieht, bewundert schöne orientalische Ornamente. Bei näherer Betrachtung freilich entpuppen sich diese als etwas ganz anderes: Kalaschnikows, Panzer, Maschinengewehre. "Das sind Teppiche, die in Afghanistan während des Bürgerkriegs entstanden sind. Wahrscheinlich waren es Auftragsarbeiten für russische Offiziere. Sie zeigen aber auch das tägliche Erleben der Teppichknüpfer, ihren Alltag, ihre Traumata", erläutert Jakob Möller.

Das Gegenstück hängt gegenüber: ein Teppich aus Pommern an der deutschen Ostseeküste. Er zeigt Heringe und Schiffsanker - ganz im orientalisch-ornamentalen Stil. In der Region war das Teppichknüpfen bis in die 1960er Jahre hinein eine alternative Beschäftigung für arbeitslose Fischer, eine Volkskunst. Die Teppiche nennt man bis heute umgangssprachlich "Perser von der Ostsee", ihre Produktion wurde freilich inzwischen eingestellt.

Autorin: Cornelia Rabitz

Redaktion: Sabine Oelze