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COP23

Wie der Kampf gegen den Klimawandel den Terror bremst

Terrorismus und Klimawandel gelten gemeinhin als die beiden größten Bedrohungen unserer Zeit. Wie eng die beiden zusammenhängen, wird dabei leicht übersehen.

Der Terrorismus hat seine hässliche Fratze im Laufe der Zeit immer wieder gezeigt. Doch die Gefahr, die gegenwärtig von ihm ausgeht, wirft einen längeren Schatten denn je. Der sogenannte Islamische Staat (IS) und die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram haben systematisch gemordet, vergewaltigt, verfolgt und entführt und so nicht nur die Politik herausgefordert, sondern auch Chaos jenseits der Länder verursacht, in denen ihre Ideologien entstanden sind.

Zum Teil ist das den Terroristen dank eines der drängendsten Probleme unserer Zeit gelungen - dem Klimawandel.

"Wenn sich das Klima ändert, verändern sich auch die Bedingungen, unter denen Gruppen wie der IS oder Boko Haram arbeiten", sagt Lukas Rüttinger der DW. Der Experte für Friedens- und Sicherheitsthemen bei der Berliner Denkfabrik "adelphi" betont, dass der Klimawandel "keine Terroristen, Rebellen oder Kriminellen macht." Aber er trage dazu bei, dass Gesellschaften instabil werden und Terroristen mehr Zulauf bekommen. Unsichere Nahrungsmittelversorgung oder versiegende Ressourcen sorgten dafür, dass Menschen in Konflikte um rare Güter geraten.

Blick auf den Chad-See (Getty Images/AFP/S. K. Kambou)

Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Austrocknen des Tschadsees und dem Erstarken von Boko Haram.


Insbesondere der IS habe das ausgenutzt. Als Waffe in seinem Krieg und auch als Mittel, um neue Kämpfer aus den ländlichen Gemeinden zu rekrutieren, in denen Ernteausfälle und Viehsterben zur Tagesordnung gehören. "Solche Gruppen versprechen eine neue Lebensgrundlage, bieten wirtschaftliche Anreize und können in einigen Fällen tatsächlich auf reale soziale, politische und wirtschaftliche Missstände reagieren", sagt Rüttinger.

Verwüstung ist gleich Verzweiflung

Yahaya Ahmed, Gründer der nigerianischen Development Association for Renewable Energies (DARE) zieht eine Verbindung zwischen dem fortschreitenden Austrocknen des Tschadsees und dem Erstarken von Boko Haram. "Die kamen als eine Art Heilsbringer für die Bevölkerung", sagt er.

Knapp 80 Prozent der Menschen, die im Tschadbecken leben -  es dehnt sich über Gebiete des Tschad, Kameruns, Nigers und Nordost-Nigerias aus - brauchen den See zum Überleben. Sie betreiben mit seinem Wasser Landwirtschaft oder fischen in ihm. Aber je weiter der See schrumpft, desto mehr Land verödet in der Region.

"Wir haben herausgefunden, dass etwa 10 Kilometer von der nigerianischen Grenze entfernt, 200 Dörfer wegen der Wüstenbildung einfach verschwunden sind", sagt Ahmed. "Die Menschen müssen wegziehen. Aber weil es kein Umsiedlungsprogramm gibt, ist das sehr schwierig. Das frustriert die Menschen. Viele von ihnen werden dazu gedrängt, sich zu bewaffnen, weil es für sie das Einzige zu sein scheint, dass sie tun können.”

Komplexe Lösungen für komplexe Probleme

Skeptiker halten es für gefährlich, solche Verbindungen herzustellen. Sie argumentieren, dass so die Aufmerksamkeit von der tatsächlichen Bedrohung durch Terroranschläge abgelenkt wird. Es geht aber nicht anders, erwidert Lukas Rüttinger. Um Wege zu finden, gegen Gruppen wie Boko Haram und den IS vorzugehen, sei es wichtig, themenübergreifend Probleme und Lösungen anzusprechen.

Menschen stehen an einer Wasserausgabe an (Getty Images/AFP/D. Souleiman)

Um gegen Gruppen wie Boko Haram und den IS vorzugehen, müssen Probleme und Lösungen themenübergreifend angegangen werden, sagen Experten.


"Es reicht nicht, wenn Außenpolitiker ihr Ding durchziehen, wenn die Sicherheitspolitik in eingefahrenen Bahnen stecken bleibt und parallel humanitäre Organisationen operieren und irgendwann von irgendwo Geldmittel auftauchen", sagt er. "Wenn wir solche komplexen Probleme unorganisiert angehen, werden wir sie nicht lösen können."

Ganz praktisch heißt das, dass man sich anschauen müsste, wie Klimawandel, Bevölkerungswachstum und Urbanisierung mit dem Erhalt der Lebensgrundlage zusammenhängen. Rüttinger vertritt die Auffassung, dass durch solch eine All-Inclusive-Strategie die Faktoren nicht mehr ignoriert werden können, die zu Konfliktsituationen führen. Das würde es einfacher machen, Wege zu finden, um "eine nachhaltige, klimabewusste  Lebenssituation zu schaffen, die damit auch Frieden schafft."

Erfolg auf lokaler Ebene

Ahmed kann von solchen Erfahrungen aus erster Hand berichten. Teil seiner Arbeit ist es, der Landbevölkerung die Vorzüge von nachhaltigen Kochstellen nahezubringen. Dadurch wird die weit verbreitete Abholzung verhindert, die selbst einen großen Anteil an der Verödung der Böden hat. "Der örtliche Polizeichef brachte uns mal vier Jungs, die er schon 17 Mal verhaftet hatte", sagt er. "Er glaubte nicht mehr daran, dass es ihre Probleme lösen würde, wenn er sie nochmal ins Gefängnis steckt. Also fragte er uns, ob wir sie nicht unterrichten könnten.”

Ein "bisschen skeptisch" sei er schon gewesen, räumt der DARE-Gründer ein. Trotzdem stimmte er dem Vorschlag zu und erlebte, wie er sagt, eine 180-Grad Wende: "Der schlimmste von ihnen" sei heute einer seiner besten Lehrer. "Er hätte auch ganz einfach bei Boko Haram landen können", sagt Ahmed. Wie ihn gäbe es viele Kinder und Jugendliche, die auf den Straßen abhingen, betteln oder stehlen würden, um zu überleben.

Gemüsebäuerin in Mali (Imago)

Kleine Ideen können große Probleme lösen - Solaranlagen können Strom liefern und Lebensmittel haltbarer machen - beides sorgt für Einkommen und verhindert Extremismus.


Intelligente Investitionen

Obwohl es eine lokale Erfolgsgeschichte ist, belegt sie doch,  dass eine längerfristige, weniger isolierte Sicht auf die Dinge lohnt. Laut Rüttinger sollten Fonds finanziert werden, die sich mit Anpassung befassen und friedensstiftend wirken. Dann wäre ein ähnlicher Erfolg auch in größerem Stil möglich. "Gäbe es das Geld, wäre da auch ein starker Anreiz für Entwicklungsorganisationen, integrierte Programme zu entwickeln.”

Ahmed ist sicher, dass man mit intelligenten Investitionen Nigerias Kinder und Jugendliche davor schützen könnte, Terrorgruppen in die Hände zu fallen, die "sie unter Drogen setzen, ihnen einen Sprengstoffgürtel umbinden und in die nächste Kirche oder den nächsten belebten Markt schicken."

In einem Land, in dem nicht einmal die Hälfte der Menschen einen Stromanschluss, aber alle den ganzen Tag Sonne haben, liegen Lösungen doch auf der Hand, sagt er. Über Solarzellen kann man Strom erzeugen. Wenn man die überschüssige Energie über kleine Netzwerke ins Stromnetz einspeist, bringt das Einnahmen. Und die Sonne könnte mittels Solartrockner verderbliche Produkte haltbar machen.

"Es gibt nicht einen Haushalt im Land, der nicht jeden Tag Tomaten verwendet. Aber während der Ernte werden tonnenweise Früchte weggeworfen, die nicht verarbeitet werden können. Das ist erschreckend." Getrocknet sind Tomaten und andere Früchte dagegen länger haltbar. Sie können besser verkauft werden und für höhere Einkommen sorgen. Und wären so wiederum ein Schutz vor den Geldversprechen gewalttätiger Gruppen.

"Ich sehe das als eine sehr einfache Lösung", sagt Ahmed. Sorgt man dann noch für Ausbildung und Perspektiven, dann haben die Terroristen bald niemanden mehr, den sie rekrutieren können. "Ich gehe davon aus, dass Boko Haram innerhalb von sechs Monaten gestoppt werden kann."

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