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Kultur

Wie der graue Himmel über Berlin - Der verhüllte Reichstag

In Scharen eilen die Schaulustigen zum Reichstag. Dabei geht es aber nicht um Politik, sondern um einen kurzen Augenblick Kunst. Viel diskutiert, weltweit bewundert: Die Reichstagsverhüllung des Aktionskünstlers Christo.

Mehrere tausend Menschen besuchen am 25.06.1995 das verhüllte Reichstagsgebäude in Berlin. Verpackungskünstler Christo und sein Team stellten am 24. Juni 1995 nach neuntägiger Arbeit die Verhüllungsaktion des Parlaments fertig.

Anziehend: Fünf Millionen Besucher bestaunen den verhüllten Reichstag

Am Morgen des 23. Juni 1995 kommen über 500.000 Menschen, um an einem der spektakulärsten Momente deutscher Parlamentsgeschichte teilzunehmen, der Verhüllung des Berliner Reichstags. Das Happening zieht die Besucher in seinen Bann. Sie wandern um das Kunstwerk, betrachten den Stoff, die Konturen, die Falten - und sind fasziniert. Über 100.000 Quadratmeter silberfarbenes Tuch umgeben das mächtige Parlamentsgebäude. Gehalten wird alles von acht Kilometer leuchtend blauem Seil, damit die riesige Stoffmenge ästhetisch reizvoll drapiert werden kann. Das feste Polypropylen-Gewerbe sorgt dafür, dass der Bau darunter nur noch schemenhaft an seinem Profil erkennbar ist. Wie ein Wasserfall ergießt sich der Stoff vom Dach des Reichstages und ruft einen "spielerischen, dynamischen Eindruck hervor", so der verantwortliche Aktionskünstler Christo Javacheff.

Arbeiter befestigen den silberfarbenen Stoff auf dem Dach des Reichstags in Berlin, mit dem das Gebäude verhüllt werden soll.

Schwindelfrei: Bergsteiger und Fassadenkletterer im Einsatz für die Kunst

Neben 200 ausgebildeten Arbeitskräften sind weitere 450 Helfer mit der Reichstagsverhüllung beschäftigt, darunter professionelle Fassadenkletterer und Bergsteiger. Denn die Verhüllungsarbeit soll von Menschen durchgeführt werden, nicht von Kränen oder anderen Maschinen. Die Wahl des silberfarbenen Gewebes begründet Christo, der in Bulgarien geboren ist und in New York lebt, mit dem grauen Himmel über Berlin. Die hohe Reflexionsfähigkeit des Materials lässt auch an Regentagen das Licht erstrahlen und den Reichstagsklotz luzide erscheinen.

Polarisieren, statt zu einen?

1994 haben die Abgeordneten des deutschen Bundestages eine kontroverse Debatte über das Projekt geführt. Einwände gegen den verhüllten Reichstag gibt es zuhauf: Die Würde des Parlamentes werde verletzt, das viele Geld wäre besser und sinnvoller in soziale Einrichtungen investiert. Ein "Symbol deutscher Geschichte" nähme Schaden, so jedenfalls tönt der Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im deutschen Bundestag Wolfgang Schäuble, die Verhüllung des Reichstages würde "polarisieren statt zu einen". Am Ende, in namentlicher Abstimmung und über alle Fraktionszwänge hinweg, gelingt es Christo, die Mehrheit der Abgeordneten, zum Teil in persönlichen Gesprächen, für seine Pläne zu gewinnen, darunter auch die amtierende Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth.

Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (vorn) gratuliert dem Verpackungskünstler Christo (rechts), nachdem sich die Abgeordneten des Deutschen Bundestages in Bonn am 25.02.2994 mit überraschend großer Mehrheit für die Verhüllung des Reichstags in Berlin durch den Künstler entschieden hatte.

Erleichtert: Rita Süssmuth (Mitte) gratuliert Christo zur erfolgreichen Abstimmung

Seit dem Kalten Krieg habe er sich mit dem Reichstag und seiner Geschichte beschäftig, so Christo. 1894 wird das Bauwerk nach den Plänen des Frankfurter Architekten Paul Wallot fertig gestellt. Während der Kaiserzeit bleibt den Reichstagsabgeordneten vor allem die Rolle des politischen Statisten. Nach dem Ende der Weimarer Republik nutzen die Nationalsozialisten den Reichstagsbrand von 1933 zur Verfolgung politischer Gegner. In der alten Bundesrepublik ist der Reichstag parlamentarisch weitgehend funktionslos. Erst mit der Wiedervereinigung 1990 rückt er aus dem Abseits als Tagungsort des künftigen Bundestags wieder ins Zentrum der politischen Macht. "Den Reichstag in dieser Übergangsphase zu verhüllen, war eine aufregende Sache. Wir konnten diesen Wandel sichtbar machen."

Kunst mit begrenztem Haltbarkeitsdatum

Menschen versammeln sich um den verhüllten Reichstag, der vor dem leicht orangefarbenen Himmel aussieht wie gemalt.

Monumental: Der Reichstag wird für ein paar Wochen zum imposanten Kunstwerk

Wie alle Christo-Projekte ist auch der verhüllte Reichstag zeitlich begrenzt und nur 14 Tage zu sehen. Das Berliner Sommermärchen von 1995 bleibt für die fünf Millionen Besucher aus aller Welt ein unwiederholbares Kunsterlebnis – ein Erlebnis, das die "Vergänglichkeit der Dinge gegenüber einer sich ständig wiederholenden Welt" zeigen soll, so Christo.

Am Ende ist es Christo tatsächlich gelungen, die massige Herrschaftsarchitektur des Berliner Reichstags in ein Sinnbild der Anmut und Freude zu verwandeln. Vor allem aber haben zum ersten Mal in der Geschichte des deutschen Bundestages die Abgeordneten über Kunst debattiert. Insofern werden Gegner wie Befürworter des Projektes gleichermaßen zu einem Bestandteil des Kunstwerks.

Autor: Michael Marek

Redaktion: Ramon Garcia-Ziemsen

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