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Wirtschaft

"Wie der Fall der Berliner Mauer"

E-Government ist ein riesiger Markt für Software-Unternehmen. Bisher wird er von Microsoft dominiert. Der Marktführer verliert jedoch an Boden, während Linux-Dienstleister deutlich aufholen.

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Immer mehr PC-Anwender erobern das Reich der Linux-Welt

Viele Technologie-Unternehmen klagen in diesen Tagen über ein schwaches Geschäft. Eingehende Aufträge haben längst die Dimensionen verloren, die sie zu den Glanzzeiten der New-Economy-Ära hatten. Selbst Konzerne wie SAP haben sich von den Riesen-Deals im zweistelligen Millionen-Bereich langsam verabschiedet, erläutert der Analyst Mirko Maier von der Landesbank Baden-Württemberg. Er fügt hinzu: "Das Eichhörnchen nährt sich inzwischen ziemlich mühsam im IT-Bereich."

Neue Hoffnung setzen Hard- und Software-Unternehmen auf das so genannte E-Government. Denn immer mehr öffentliche Verwaltungen bauen ihre elektronischen Arbeitswege aus. In die Modernisierung müssen sie in den nächsten Jahren Milliarden-Beträge investieren. "E-Government", fasst Maier die Situation zusammen, "ist ein Riesenmarkt, und IT-Unternehmen hoffen, dass dies das darbende Geschäft in der Industrie kompensieren wird."

Dicker Fisch

Welche Aufträge auf diesem Markt an die Angel gehen können, ist derzeit in München zu beobachten. Dort beschloss der Stadtrat Ende Mai, alle seine Computer in der städtischen Verwaltung von Microsoft Windows auf das freie Betriebssystem Linux umzustellen und die Mitarbeiter neu zu schulen. 14.000 Computer und ihre Nutzer sind davon betroffen. Das ist etwa vergleichbar mit einem großen Industrie-Unternehmen.

30 Millionen Euro wird München in die Modernisierung des Computer-Netzes investieren. Auf diesen Auftrag war Microsoft, das sein neues Programm Windows XP dafür angeboten hatte, nicht unbedingt angewiesen. Rund sieben Milliarden Euro Umsatz machte der Softwaregigant allein im vergangenen Geschäftsquartal, da fällt die Ausstattung von 14.000 PC nicht so sehr ins Gewicht. Dennoch legte der Konzern großen Wert auf diesen Kunden. Denn München gilt in der Branche als prestigeträchtiges Pilot-Projekt. Sollte es die Stadt schaffen, die Unabhängigkeit vom quasi-Monopolisten Microsoft ohne technisches Desaster zu erkämpfen, könnten andere Verwaltungen weltweit folgen.

Die Linux-Welt

Der Erfinder des freien Betriebssystem Linus Thorvalds Thorwald vor der Linux Oberfläche KDE die in der deutschen SUSE Distribution enthalten ist

Der Erfinder des freien Betriebssystem Linux, Linus Thorvalds Thorwald vor der Linux Oberfläche KDE die in der deutschen SUSE Distribution enthalten ist

Das jedermann zugängliche Linux ist bei Betriebssystemen der einzige ernst zu nehmende Konkurrent von Windows. Es war Anfang der 90er von dem finnischen Studenten Linus Torvalds (Foto) entwickelt worden, der es später im Internet veröffentlichte und alle Programmierer aufforderte, es weiter zu entwickeln. Die Kernsoftware selbst kostet den Anwender wenig oder gar nichts.

Geld verdienen Unternehmen wie IBM oder die deutsche IT-Firma SuSE Linux AG aus Nürnberg mit Dienstleistungen rund um die kostenlose Linux-Software; dazu gehören zum Beispiel die Installation und die Schulung von Anwendern. Diese haben sie der Stadt München bereits angeboten, und zwar zu einem höheren Preis als Microsoft seine XP-Lösung. Entsprechend triumphierten diese Wettbewerber von Microsoft nach der Entscheidung des Münchener Stadtrats: Walter Raizner, Chef von IBM Deutschland, sagte: "Linux ist ein Stück Freiheit. Offene Standards erlauben es Unternehmen und Kommunen selbst zu entscheiden, wann und in welche Software sie investieren." Das sahen die Stadträte wohl ebenso.

Historische Entscheidung

Richard Seibt, Vorstandsvorsitzender der SuSE Linux AG, sprach sogar von einer historischen Entscheidung: "Was in der großen Weltpolitik der Fall der Berliner Mauer war, das wird dieses Votum in unserer Branche sein."

Auch andernorts verliert Microsoft an Boden. Der chinesischen Regierung ist die Dominanz des amerikanischen Software-Anbieters ein Dorn im Auge; sie will deshalb mit Hilfe von Linux einer eigenen Software-Industrie auf die Beine helfen. Peru und Mexico wollen auf dem Gesetzesweg die Vormachtstellung von Microsoft-Software brechen und Linux zu einer stärkeren Stellung auf den heimischen Märkten verhelfen. Und in Deutschland ist München nur der erste Domino-Stein in einer möglichen Kettenreaktion. Die Staatssekretärin Brigitte Zypries aus dem Bundesinnenministerium kündigte bereits voriges Jahr an: "Die Ablösung von Windows NT steht bevor und man erwartet für 2003 und 2004 eine wahre Betriebssystems-Migrationswelle.

Sollte sich der Linux-Trend ausweiten, drohen Microsoft erhebliche Umsatz-Einbußen. Dagegen könnten Linux-Unterstützer wie Novel, Sun Microsystems, IBM und SuSE neue Einnahme-Quellen anzapfen. Nach Zahlen des renommierten Marktbeobachtungs-Unternehmens TDC hat der E-Government-Markt allein in den Ländern Frankreich, Italien, England und Deutschland im Jahr 2003 ein Volumen von etwa 4,5 Milliarden Euro. Vielleicht haben einige IT-Unternehmen also bald wieder weniger Grund, über schlechte Geschäfte zu klagen.

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  • Datum 01.06.2003
  • Autorin/Autor Martin Schrader
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  • Permalink http://p.dw.com/p/3hMr
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