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Deutschlandtour

Wie das Bier den Geschmack zurückbekam

Noch um die Jahrtausendwende schien Berlins vielfältige Bierkultur so gut wie ausgestorben. Doch nun feiern lokale Brauereien ein Comeback. Reporter Jefferson Chase ist richtig auf den Geschmack gekommen.

Rollberg Brauerei: Glas Rollberg-Bier, Berlin 2010; Copyright: Jo Fischer

Rollberg Brauerei

Berlin ist bekannt als Anlaufstelle für alle, die Bier gern in rauen Mengen zu sich nehmen. Qualitativ konnte der Berliner Gerstensaft allerdings weniger überzeugen.

Das ist merkwürdig – gibt es doch in Berlin keine Sperrzeit für Bars, und Bier gehört hier so sehr zum Alltag wie Sauerstoff und grenzenloser Sarkasmus gegenüber allem, von der Politik bis zum Wetter. Man könnte fast den Eindruck bekommen, die Berliner seien zu zynisch, um sich um ihr eigenes Bier zu sorgen.

Genau das hat sich jedoch geändert. In fast jedem Bezirk gibt es wieder ein Brauhaus; das "Hops and Barley" in Friedrichshain und das "Brauhaus am Südstern" in Kreuzberg sind zwei nennenswerte Beispiele. Vor knapp zwei Jahren schuf sich auch eine kleine Brauerei namens "Rollberg" ihre eigene Nische – allen Widrigkeiten und dem Einfluss etablierter Getränkemarken zum Trotz. Inzwischen wird Rollbergbier in 44 Lokalitäten der Stadt ausgeschenkt.

Von der Nische zum anerkannten Bier

Um der Sache auf den Grund zu gehen, mache ich mich auf den Weg zu der Straße, nach der die Brauerei benannt ist. Vor einem monumentalen Gebäude aus den Zeiten der Industrialisierung – genauer gesagt von 1872 – mache ich Halt. Ich bin spät dran.

"Ach, das macht doch nichts", sagt Nils Heins, als ich mich entschuldige. "Um ehrlich zu sein: Ich hatte ganz vergessen, dass wir verabredet sind." Mit Journalisten zu sprechen, gehört eigentlich auch nicht zu seinem Job. Nils hält eine Kleinbrauerei am Leben und das macht er absolut professionell.

Als Urberliner spricht Nils Heins mit dem für die Stadt typischen, leicht vulgären Dialekt. Dass er einer der beiden Gesellschafter ist, verrät bereits Einiges über Rollbergs eigenen Stil, der das Motto tragen könnte: "Wir machen alles so, wie wir es wollen."

Mit seinem Berliner Landsmann und Braumeister Wilko Bereit gründete Nils 2009 die Firma. Dass die beiden Unternehmer Einheimische sind, erwies sich als große Hilfe, um bei Barbesitzern einen Fuß in die Tür zu bekommen. Denn die stehen normalerweise unter dem Druck, nur Produkte der großen Hersteller zu zapfen.

Ein ganz eigenes Aroma

Rollberg Brauerei: Rollberg-Braumeister Wilko Bereit bei der Arbeit, Berlin 2010; Copyright: Jo Fischer

Braumeister Wilko Bereit ist der Mann mit dem Malz.

Das Bier, das Rollberg herstellt und verkauft, wird weder filtriert noch pasteurisiert. "Wir haben mit Bedauern gesehen, dass alle Berliner Brauereien ein- und demselben Konzern gehören und die Biersorten alle gleich schmecken", sagt Nils, während ich mich durch die verschiedenen Zapfgetränke teste. "Lustigerweise sind wir inzwischen selbst die zweitgrößte Vertriebsbrauerei der Stadt." Das liegt zu einem Teil auch daran, dass es davon nur zwei gibt; die anderen Brauhäuser brauen hauptsächlich für ihre eigenen Gaststätten.

Anders als etwa amerikanische Mikrobrauereien versucht sich Rollberg nicht am Stil und Geschmack von belgischen oder britischen Biersorten. Ihr exotischstes Angebot ist ein bernsteinfarbenes Rotbier, das farblich an das Altbier aus dem Westen Deutschlands erinnert. Außerdem braut Rollberg ein klares, erfrischendes Lager und ein Weizenbier mit ganz eigenem Aroma. Das entsteht, wenn eben nicht alle Dinge herausgefiltert werden, die dem Bier seinen Geschmack geben.

Speziell für den Frühling gibt es das Maibock mit knapp sieben Prozent Alkohol und einem leichten Hauch von Beerenaromen. Die schmeckt man zumindest bis die paar zusätzlichen Umdrehungen etwa zehn Minuten später reinknallen. Ich frage mich, was eine so schöne Brauerei wie Rollberg in dieser Gegend zu suchen hat.

Keine einarmigen Banditen

Rollberg Brauerei: Rollberg-Braumeister Wilko Bereit bei der Arbeit, Berlin 2010; Copyright: Jo Fischer

Berlins Bierszene hat einen neuen Star.

Die Rollbergstraße liegt im Bezirk Neukölln und während der letzten zwei Jahrzehnte war die Straße bestens bekannt für gelegentliche, gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen türkischen und arabischen Straßengangs.

Das Gebäude, in dem Wilko Bereit sein Lager braut, gehörte früher zur riesigen Kindl-Brauerei. Als die 2005 zumachte, erzählt Nils, standen 800 Menschen plötzlich ohne Job da – ein weiterer Schlag für die Gegend in schwierigen Zeiten.

"Ich wohne seit 1987 in Neukölln und in 90er Jahren haben mich die Leute dafür bemitleidet", sagt Nils. "Ich habe damals schon gesagt, dass das hier eines Tages das angesagteste Viertel der Stadt sein würde. Aber sie haben nur den Kopf geschüttelt und gemeint, ich hätte eine Macke."

Am Ende hat Nils doch recht behalten. Neukölln ist heute eines der sich am schnellsten gentrifizierenden Viertel von Berlin, auch wenn das Rollberg diesem Image nur teilweise entspricht. Um zu vermeiden, dass sich ihr Unternehmen in einen Yuppie-Treff verwandelt, gehen Nils und Wilko nicht wie ein gewöhnliches Brauhaus vor. Trotzdem hat das Rollberg einen Verkostungsraum und einen Innenhof, die an Wochenenden geöffnet sind.

Old school ist in

Während ich meinen Geschmackstest beende, kommen Passanten vorbei, die meisten aus der Nachbarschaft, und genehmigen sich ein Kaltgetränk. Nils kennt fast jeden persönlich.

Genau das war früher die Bedeutung von Brauereien in Berlin. Zu ihren Hochzeiten gab es ungefähr einhundert von ihnen in der Stadt; viele mit großen Räumen, in denen sich bis zu 4000 Menschen versammeln konnten, um über das Wetter und die Politik zu klagen – und sich dabei prächtig zu amüsieren.

Nils hofft, dass er diese Tradition wiederbeleben kann. Auch deshalb bleibt er konsequent: er beliefert keine Bars, die Daddelautomaten haben. Leute abzuzocken gehöre nicht zu seiner Geschäftsmethode. Sein Stil ist eher old school. Doch immer mehr Menschen in Berlin – egal ob Einheimische oder Neuankömmlinge – scheinen genau das zu suchen.

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