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Kunst

Wie das Auto Künstler inspirierte

Die Futuristen bewunderten es, die Pop Art demontierte es, die Fluxus-Bewegung setzte es in Brand: Das Auto hält in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhundert bis heute Künstler aller Gattungen in Bewegung.

"Hinter dem Steuer", schreibt der Medientheoretiker Marshall McLuhan im Jahr 1964, "verwandeln wir uns in Übermenschen". Die Darstellung des Tempos, von technischer Perfektion, Kraft, Gewalt und Geräusch faszinieren schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Künstler. Das Auto wird für sie zum Symbol einer neuen Weltanschauung, eines neuen Menschen.

Im Geschwindigkeitsrausch: Autorennen

Ohne das Autorennen ist der Siegeszug des Automobils in den Künsten aber gar nicht denkbar. Ob die legendären Wettfahrten "Nizza-Salon-Nizza" im Jahr 1901 oder "Paris-Madrid" im Jahr 1903 - die Jagd um die Renntrophäe löst den Jagdsport zu Pferde mehr und mehr ab. Mit den publikumswirksamen Autorennen ist der Kult der Geschwindigkeit geboren.

Im Jahre 1909 schließt sich in Italien eine Gruppe fanatischer Anhänger dieses neuen dynamischen Lebensgefühls zusammen: die Futuristen. Ihr Anführer heißt: Filippo Tommaso Marinetti. Auch für ihn ist das Auto das Symbol der Modernität.

"Das Auto ist schöner als die Nike von Samothrake"

Koplose Skulptur der Siegesgöttin von Samothrake (picture-alliance/AP Photo/R. de la Mauviniere)

Die Nike von Samothrake im Louvre

Im vierten Punkt des Gründungsmanifests der Futuristen rühmt er voller Begeisterung die Schönheit der Geschwindigkeit: "Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen, ein aufheulendes Auto, das Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake."

Nieder mit der alten Zeit

Mensch und Maschine gehören für die Avantgarde zu Beginn des Jahrhunderts untrennbar zusammen. Dynamik, Lärm und Gewalt gilt es bildnerisch festzuhalten. Marinetti und seine Freunde streben nach einem großen bewegenden Lebensgefühl des Aufbruchs: Nieder mit der alten Zeit, lautet ihre Devise. Das Auto wird für sie zum Projektionsort, zum Symbol der geballten Kraft, die für den Aufbruch steht.

Auch den Architekten Le Corbusier treibt das Autofieber um. Ihm geht es um Perfektion. Architektur soll zu einer Maschine werden, zu einer Wohnmaschine. In seinem Buch: "Vers une architecture", aus dem Jahr 1923, fasst Le Corbusier alle wesentlichen Momente für die Auto-Begeisterung der Avantgarde zusammen. Er vergleicht das Automobil mit dem klassisch-vollendeten Parthenon in Athen. Parthenon und Auto werden "nebeneinander vorgeführt, damit man versteht, dass es sich um zwei Ausleseprodukte auf zwei verschiedenen Gebieten handelt, das eine vollendet, das andere auf der Bahn des Fortschritts."

Das Auto als Motiv in der Malerei

Francis Picabia am Steuer (picture-alliance/Everett Collection)

Francis Picabia - hier am Steuer - liebte Autos

In der Malerei avanciert das Auto zu einem der wichtigsten Bildmotive. Man Ray, George Grosz, Max Ernst - sie alle zeigen die Welt der Technik in ihren Gemälden. Zahnräder, Reifen, geometrische Kreise übersetzen bildnerisch die Idee von Fortbewegung. Mit dem Expressionismus wird die Großstadt zu einem wichtigen Sujet - und darin ist das Auto nicht wegzudenken.

Der Kubismus entdeckt die vierte Dimension. Die Bilder bekommen einen eigenen Rhythmus. Was zeitlich nacheinander passiert, wird im Bild simultan gezeigt, Geschwindigkeit in Einzelteile zerlegt.

Die Begeisterung für das Auto ist auch zwischen den beiden Weltkriegen ungebrochen. Ein Maler wie Francis Picabia sammelt Autos, wie er schöne Mädchen sammelt.

Pop Art demontiert das Auto

Erst die Pop Art holt die Wunschmaschine Auto von ihrem Sockel. Das Zeitalter der Massenkultur, der Massenproduktion macht es zum Konsumfetisch schlechthin.

Andy Warhols Fotoserie Car Crash (Imago)

Brutal: Andy Warhols Fotoserie "Car Crash"

Andy Warhols berühmte "Car Crash"-Serie entsteht in den 1960er Jahren: Unfallbilder, in denen Verkehrsopfer leblos vor zerbeulten Autos liegen. Warhol vergrößert Fotos aus der Tagespresse und taucht sie für seine Siebdrucke in Farbe. Seine Autobilder spielen auf die Abgründe der Zivilisation und die Sensationslust der Medien an.

Der Amerikaner Allan Kaprow zündet vor den Augen der Öffentlichkeit einen amerikanischen Straßenkreuzer an. Kilometerlange Staus, Lärm und Abgase. Der Siegeszug des Autos wird zur Realität des rasenden Stillstands.

Die Fluxus-Künstler der 1960er/70er Jahre deformieren, verbrennen oder zerquetschen das Auto in ihren Happenings und Aktionen. Der Leverkusener Wolf Vostell holt 1960 das magische Objekt Auto in die Kunst.

Fluxus-Künstler Vostell: Beton-Opel als Kunstwerk

Vostell will mit seinen Decollage-Skulpturen die Betrachter zu einer kritischen Haltung gegenüber ihrer Umwelt erziehen.

Im Jahre 1963 lässt er einen Zug mit 130 km/h auf einen Mercedes rasen. Die Zuschauer können den Zusammenstoß hautnah miterleben.

1969 gießt er seinen Opel Kapitän bei laufendem Autoradio in Köln in Beton ein. Vostells "Ruhender Verkehr" steht mehrere Monate lang in der Rheinmetropole zwischen Autos auf dem Parkplatz der Galerie Intermedia. Ein Sammler kaufte den Betonklotz für 30.000 Mark und vermachte ihn später der Stadt. Heute steht er auf dem Kölner Ring.

Denkmal der Mobilität

Die Idee, das Automobil als Objekt der Kunst zum Träger von Kunst zu machen, stammt aus Bayern, von den Bayerischen Motorenwerken.

Der amerikanische Bildhauer Alexander Calder ist der erste, der für BMW 1975 ein sogenanntes Art Car gestaltet. Frank Stella, Roy Lichtenstein und Andy Warhol folgen.

Bunt bemalter BMW (BMW AG)

BMW Art Car von Ken Done aus dem Jahr 1989

Keines der Modelle geht je in Serie, alle bleiben Unikat, von Künstlerhand signiert. Manche der Künstler wie David Hockney lassen sich als Entlohnung einen BMW schenken, andere machen einen ironischen Kommentar. Andy Warhol forderter nur eine dreiwöchige Fahrt mit einem BMW durch Oberbayern.

Heute ist das Auto in der Kunst sowohl Symbol für Individualität, als auch Sinnbild klaustrophobischer Zivilisationsängste.

In dem Video "Ever is over all" der Schweizer Videokünstlerin Pipilotti Rist läuft eine junge Frau die Straße entlang und schlägt mit einem Blumenstrauß in der Hand die Scheiben parkender Autos ein.

Vandalismus ist auch das Thema der britischen Künstlerin Sarah Lucas. Für ihre Installation "Car Park" im Museum Ludwig hat sie ein Auto mit eingeschlagenen Scheiben und geöffneten Türen in den Museumsraum gestellt. Eine Szenerie wie nach einem Überfall.

Aufgeblähter orangefarbener Porsche (picture-alliance ZUMAPRESS/C. Faga)

"Fat car": Aufgeblähter Porsche von Erwin Wurm

Der Österreicher Erwin Wurm stellt deformierte Porsches im Duisburger Lehmbruck-Museum aus und kritisiert damit auch den Kult um das Statusobjekt Auto.

Das Auto in der Kunst hat eine lange Geschichte. Angesichts von Klimaerwärmung und Feinstaubbelastung waren die Künstler ihrer Zeit voraus. Ihre Kritik ist aktueller denn je.

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