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Kultur

Wie Biathlon mit Boxhandschuhen

Was kommt heraus, wenn man einen körperlich extrem anspruchsvollen Sport nimmt und mit einem fürs Hirn genau so fordernden Spiel kreuzt? Die Antwort heißt Chessboxing, kommt aus Berlin - und findet immer mehr Fans.

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Beim Chessboxing geht's erst ans Brett, dann gibt's Schläge

Äußerlich ist ein Chessboxing-Match einem normalen Boxkampf ziemlich ähnlich. Die Zuschauer sind laut, der Ansager im Ring schreit letzte Anweisungen. Die Kontrahenten selbst kommen in Kapuzenmänteln, begleitet von Hiphop-Livemusik. Als sie in ihre Ecken gehen, läuft eine Frau mit einem nummerierten Schild ein paar Runden im Ring - Start frei zu Runde eins. "Let's get ready to the rumble!", brüllt der Sprecher. Die Kämpfer legen ihre Umhänge ab - und dann nimmt das Match eine unerwartete Wendung.

BdT Vitali Klitschko geht

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Ein Schachbrett wird mitten in den Ring gerollt. Und statt die Handschuhe anzuziehen und sich gegenseitig zu vertrimmen, nehmen die beiden Kämpfer je an einer Seite des Spielbretts Platz, setzen Kopfhörer auf, damit sie vom Publikum nichts mehr mitbekommen, und liefern sich heiße Schlachten mit Dame, König und Springer. Dann klingelt die Glocke und die Männer gehen in ihre Ecken zurück. Während das Brett weggeräumt wird, ziehen sie sich ihre Handschuhe an und boxen für zwei Minuten kräftig aufeinander ein.

Mehr Gemeinsames, als man denkt

Für Iepe Rubingh, einen der Chessboxing-Athleten, ist die Mischung aus Schach und Boxen nicht so unpassend, wie sie scheint. "Wenn man genau hinsieht, haben sie einiges gemeinsam. Wenn man Schach spielt, dauert ein Spiel mehrere Stunden, mann wird körperlich müde, aber auch geistig. Beim Boxen geht man auch nicht einfach in den Ring und versucht, den Gegner k.o. zu hauen. Es gibt Strategien, Taktiken. Es kann sehr analytisch werden."

Rubingh, ein 31-jähriger Künstler, findet gern ungewöhnliche Verbindungen. Als er über einen französischen Comic des jugoslawischstämmigen Autors Enki Bilal stolperte, in dem ein Mann im Fernsehen einen Chessboxing-Wettkampf ansah, war er fasziniert.

Kunst mit durchschlagendem Erfolg

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Erst war es ein Kunstprojekt - dann ein Trendsport. 2005 fanden die ersten Europameisterschaften im Chessboxing statt

Vor fast drei Jahren entschied Rubingh sich, die Idee auszuprobieren und organisierte das erste Chessboxing-Match in einem Amsterdamer Club. Eigentlich hatte er es als ein Performance-Kunstwerk geplant. "Aber als wir wirklich anfingen zu kämpfen und ich meinen Gegner fast k.o. geschlagen hätte", erzählt er, "da waren die Leute richtig aufgeregt. Keiner hat es als Performance-Kunst gesehen, alle haben bloß das Spiel genossen."

Die Regeln sind einfach. Eine Runde beginnt mit einer vierminütigen Schachpartie. Wenn die Glocke klingelt, wird das Schachbrett weggeräumt und die Gegner kommen zu einer zweiminütigen Boxrunde heraus. Danach kommt das Schachbrett wieder in den Ring, die Figuren stehen genau so wie am Ende der letzten Schachrunde. So geht es elf Runden lang, bis einer schachmatt oder k.o. geht. Gibt es nach elf Runden keinen klaren Sieger, entscheidet die Schachuhr.

Konzentration ist das A und O

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Am Franz-Mett-Gymnasium in Berlin-Mitte sitzt Andreas Dielschneider (36) über ein Schachbrett gebeugt. Zwei Abende pro Woche verbringt er mit hoffnungsvollem Chessboxing-Nachwuchs und möbelt dessen Schachfähigkeiten auf. Dielschneider war auf bestem Weg zur Chessboxing-WM, im Oktober 2005, als er am Schachbrett verlor. Tagsüber ist er Schauspieler, seit 20 Jahren spielt er Schach. Für ihn ist das Schwerste am Chessboxing, die Konzentration aufrechtzuerhalten. "Das Ziel muss sein, diszipliniert und konzentriert genug zu sein, um beim Schachspiel alles unter Kontrolle zu haben", sagt Dielschneider. "Wenn man einen schwachen Zug macht, kann man alles verlieren, was man sich vorher erkämpft hat."

Traumziel Olympia Chessboxing wird immer bekannter. In Deutschland ist Berlin das Epizentrum, aber Köln hat ebenfalls eine Abteilung (dort fanden die Halbfinal-Kämpfe der WM 2006 statt) und auch eine Gruppe in München hat Interesse. Rubingh erklärt, er bekomme ständig Anfragen aus der ganzen Welt. "Ich könnte mir vorstellen, dass am letzten Tag der Olympischen Spiele das Finale im Schwergewichts-Chessboxing stattfindet", träumt er. "Ja, warum eigentlich nicht?"

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