1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Alltagsdeutsch – Podcast

Wie benehme ich mich richtig daneben

Im menschlichen Umgang ist Benehmen das "A" und "O". Aber welches Benehmen ist richtig, welches falsch? Vieles, was früher galt, ist heute überholt. Bestimmte Umgangsformen und Stile haben aber überdauert.

Sprecher:

In jedem Land gibt es gewisse Regeln der Verständigung und des täglichen Umgangs oder um es mit einem modernen und verbreiteten Fremdwort zu sagen Regeln der Kommunikation. Diese Kommunikationsregeln sind nur sehr selten in Schulbüchern zu finden. Dennoch kennen die meisten Menschen sie und befolgen sie auch. Oder sie befolgen sie nicht. Das ist dann schlechtes Benehmen. Unsere Reporterin hat sich diesmal auf den Weg gemacht, um auf der Straße und im Gespräch mit Fachleuten Beispiele für verschiedene Umgangsformen herauszufinden.

Sprecherin:

Die meisten Verständigungsregeln sind so selbstverständlich, dass sie ganz unbewusst angewendet werden. Jeder Mensch verfügt über eine Reihe solcher Sprachformeln und Gesten, die den Alltag reibungslos gestalten. Ein Beispiel für eine solche Situation ist die Begrüßung entfernter Verwandter.

O-Ton:

"Guten Tag Herr Berger. Wie geht's? / Solala. Und selbst? / Na, es muss, ne. Und zuhause? Alles in Ordnung? / Ach doch. / Ja, dann tschüss."

Sprecher:

Wenige Worte mit noch weniger Inhalt sind gefallen. Und doch sind sie notwendig, um nicht als unfreundlich oder gar ignorant zu gelten. Die Frage "Wie geht's?" ist bei den meisten Begrüßungen keine tatsächliche Frage, sondern nur eine gefällige Geste. Als bloß stilistischer Anhang der Begrüßung "Guten Tag" sagen viele Menschen "Wie geht's?" im Vorbeigehen oder rufen es gar einem Bekannten auf dem Fahrrad zu. Irritiert wäre deshalb sicher auch mancher, wenn sein Gegenüber tatsächlich von seinem Befinden berichten würde. Die Antwort "Solala" ist daher genau so vage und nichtssagend wie die Frage. Und der Rest der kurzen Unterhaltung läuft ebenso formelhaft ab. Natürlich kann man diese Beobachtung nicht so weit verallgemeinern, dass jedes "Wie geht's?" als bloße Sprachfloskel entlarvt wird. Aber wer tatsächlich etwas vom Anderen erfahren möchte, setzt meistens eine etwas konkretere Frage hinzu.

Sprecherin:

Zur Kommunikation gehört natürlich der wichtige Bereich der guten Sitten und des so genannten guten Benehmens. Das hat wieder Konjunktur – so hat es jedenfalls den Anschein. Benimmbücher sind erschienen und Seminare werden angeboten, die aufklären über das, was man über gutes Benehmen wissen sollte. Woher das Interesse am alten Benimm kommt, wollte ich von Dr. Heinz Commer wissen, selbst Autor mehrerer Ratgeber zu Stilfragen und gutem Benehmen.

Dr. Heinz Commer:

"Benimmkurse haben aus verschiedenen Gründen große Konjunktur. Erstens, eh, die Zeiten haben sich gegenüber der 68er-Bewegung, die sehr lässig war, geändert. Es ist eine Art Gegenbewegung bei einigen, nicht bei allen. Zweitens, die Arbeitsmarktlage zwingt dazu, dieses gute Benehmen zu zeigen, beispielsweise bei der Bewertung von Bewerbern wird der Outfit und das äußere Erscheinungsbild nach dem Leisten und Zeugnissen als Nummer Zwei gewertet. Und drittens, das ist außerordentlich entscheidend, dass wir eine Gesellschaft haben, die international tätig ist und es gibt eben Völker, es gibt Geschäftsleute beispielsweise aus Japan, die darauf dringen, mit der Krawatte empfangen zu werden und ein hohes Gericht in Nordrhein-Westfalen hat gesagt, dass der Arbeitgeber das auch fordern kann, dass man einen Anzug trägt und eine Krawatte, wenn man im Außendienst tätig ist."

Sprecher:

Das äußere Erscheinungsbild ist bei Bewerbungen wichtig und deshalb achten die Bewerber auf ein gutes Outfit. Outfit ist ein lässiger und in den verschiedensten Kreisen üblicher Ausdruck für die Art, sich zu kleiden. Der Benimm ist übrigens auch ein eher umgangssprachlicher Ausdruck als knappe Formel für das gute Benehmen. Und weil so viele Menschen auf diese Form des guten Benehmens achten, hat es im Augenblick Konjunktur. Konjunktur haben kann eine Redensart, ein Produkt oder auch eine Person – eben alles, was im Augenblick bei vielen beliebt ist.

Sprecherin:

Was für ein Bewerbungsgespräch gilt, kann nicht auf jede Situation des Alltags übertragen werden. Die Form ist also durchaus variabel. Und natürlich besteht der gute Ton nicht nur aus Schlips und Kragen.

Dr. Heinz Commer:

"Gute Sitten heute sind nicht mehr so abstrakt und formell wie früher. Sie sind dafür da, dass man erstens Einfühlungsvermögen in den Nachbar, in den Kollegen zeigt, zweitens Rücksichtsnahme zeigt und drittens Stil. Zum Outfit: Unmöglich ist es beispielsweise in der Werbe- und Modebranche steif jeden Tag mit der Krawatte rumzulaufen. Falsch ist es auf der anderen Seite, wenn man als Bankkaufmann oder Bankkauffrau einfach nur im Pullover rumläuft."

Sprecherin:

Wichtiger noch als eine bestimmte Kleidung und ein förmliches Auftreten ist für Dr. Heinz Commer Stil. Der ist nicht etwa festgelegt, sondern bedeutet eine gewisse Stimmigkeit der einzelnen Elemente. Dabei betont er auch, dass nur durch einen bestimmten Stil große Persönlichkeiten überzeugend wirken.

Dr. Heinz Commer:

"Stil ist nach meiner Definition, ist die möglichst weitgehende Übereinstimmung zwischen äußerem Erscheinungsbild und inneren Verhalten. Stil ist also etwas, was variabel ist und die Frage stellt sich, kann man die allgemeinen Stilregeln durchbrechen. Meine Antwort ist klar 'Ja'. Denn jedes Individuum sollte seinen eigenen Stil entwickeln."

Sprecher:

Nicht nur förmliche Kleidung ist bei einem bestimmten Teil der Jugend wieder stark gefragt. Tanzschulen erfreuen sich reger Nachfrage. Und auch gewisse Gesten, die sich in den letzten Jahren abgeschliffen hatten, werden von manchen restauriert: jemandem in den Mantel zu helfen oder die Tür aufzuhalten.

Sprecherin:

Meine nächste Gesprächspartnerin, die ich nach ihren Vorstellungen von gutem Benehmen frage, steht dieser Wiederbelebung alter Umgangsformen sehr skeptisch gegenüber. Uta Faßbender aus Leverkusen:

Uta Faßbender (Lehrerin):

"Den rüden Umgangsformen untereinander, die man manchmal beobachten kann, läuft das sicher entgegen, positiv entgegen, aber ich frage mich eben auch, ob es das ist, was wir an neuen Orientierungen und Werten brauchen, oder ob es nicht eher etwas ist, was auf das Befinden des Anderen Rücksicht nimmt, dass man sich da auf den Anderen einstellt, ob das nicht eigentlich höflicher und ja fürsorglicher ist, als wenn man jemandem in den Mantel hilft oder die Tür aufhält, es sei denn, ich sehe, es ist jemand, dem es schwer fällt, den Mantelärmel zu finden oder die Tür aufzumachen, weil er bepackt ist. Aber, dass jemandem, der jung und unversehrt ist, unbedingt machen zu müssen, das halte ich nicht für das Ziel. Das In-den-Mantel-helfen alleine, wenn man es nur macht, weil es sich so gehört, oder weil man es so tut, oder weil man damit guten Eindruck macht, dann wär' mir das zu wenig."

Sprecherin:

Uta Faßbender betrachtet das gute Benehmen weniger von der förmlichen Seite. Ihr geht es vor allem darum, Kinder zur Kooperation zu erziehen.

Uta Faßbender:

"Also, gutes Benehmen klingt etwas altmodisch, aber auf gutes Benehmen legen wir heute in der Schule heute sehr, sehr großen Wert. Genau soviel Wert glaub' ich wie auf die unterrichtlichen Inhalte, wobei wir unter gutem Benehmen nicht mehr den Knicks und den Diener verstehen oder das den Mund-halten-solange-man-nicht-gefragt-ist, sondern das soziale Miteinander. Also das, was die Kinder zu Mitmenschen untereinander macht."

Sprecher:

Die Erziehung zum friedlichen Miteinander ist heute in der Schule genauso wichtig wie das Lernen von Schreiben, Lesen oder Rechnen. Weil Kinder heute wesentlich weniger autoritär erzogen werden als früher, aber nicht alle Eltern sich ausreichend um sie kümmern können oder wollen, fällt die Vermittlung von gutem Benehmen meist der Schule zu. Dieses Benehmen liegt jedoch nicht mehr – wie Uta Faßbender sagt – in Knicks und Diener. Der Knicks als die weibliche und der Diener als die männliche Form der Verbeugung vor einer Respektperson ist altmodisch und überholt. Er galt vor allem dazu, Rangordnungen sichtbar zu machen.

Sprecherin:

Weil die Frage nach dem guten Benehmen schon für manche Erwachsene schwierig zu beantworten ist, frage ich die Kinder der ersten und zweiten Klasse der Leverkusener Grundschule nach ihrer Vorstellung von schlechtem Benehmen.

O-Töne:

"Wenn man zum Beispiel einen ärgert, einem weh tun oder so. Und was kaputt machen. Das ist 'nen schlechtes Benehmen. / Oder wenn einer zu einem sagt, zum Ausländer 'Scheiß Ausländer'. Das ist auch blöde. / Also ich hab' schon mal, schon mal mit dem Alexander geprügelt und ne Milchflasche runtergeworfen. Dann hat die Mutter gesagt, also, die hat gesagt, also, das ist kein gutes Benehmen, also, reißt euch nächstes Mal so 'nen bisschen besser zusammen."

Sprecher:

Die Kinder haben eine durchaus klare Vorstellung von schlechtem Benehmen, nämlich Gewalt, Zerstörung und Beleidigung. Weil der kleine Junge zuletzt bei einer Rangelei mit seinem Bruder eine Milchflasche zerbrach, schimpfte seine Mutter, sie sollten sich das nächste Mal zusammenreißen. Sie sollten sich also beherrschen, damit nicht wieder etwas zu Bruch geht. Die Wendung sich zusammenreißen kann in einem anderen Zusammenhang auch als Aufforderung gebraucht werden, durchzuhalten und seine Schwäche zu überwinden.

Sprecherin:

Meine nächste Anlaufstelle in Sachen Verständigungsregeln ist der Rhetorik-Professor Dr. Siegwart Berthold. Als besondere Spezialität bietet er den positiven Umgang mit Beleidigungen an.

Dr. Siegwart Berthold:

"Also angenommen, man wird beleidigt, also ich denke da an Schimpfwörter wie meinetwegen Idiot oder auch ein Vorwurf wie 'Nie kümmerst du dich um das, was du eigentlich tun solltest'. Da könnte man dann beschlossen haben, friedfertig zu reagieren oder etwas anderes vorhat oder sich gerade jetzt nicht streiten will oder meint, die Sache lohnt sich nicht, dann gibt es doch einige sprachliche Möglichkeiten, die sich lohnen im Repertoire zu haben. Also man kann zum Beispiel so eine Beleidigung einfach überhören und das Gespräch weiterführen als wäre da nichts in dem Sinne gesagt worden. Man kann es auch ausdrücklich offen lassen. Man kann also sagen: 'Der sagt Idiot'. Da kann man sagen: 'Ja, kann sein'. Man kann sogar zustimmen. Man kann sagen: 'Ja, sicher bin ich 'nen Idiot'. Man kann natürlich auch sagen: 'Ja, und wie bringt uns das weiter?'. Man kann sogar ironisch um Entschuldigung bitten. Oder man kann auch sagen: 'Ja schön, beleidigen wir uns vielleicht hilft es'."

Sprecherin:

Die Suche nach den verschiedenen Umgangsformen fördert manchen Abgrund ans Licht. Das liegt aber auch daran, dass schlechtes Benehmen mehr auffällt als gutes, negative Kommunikationsregeln mehr ins Gewicht fallen als positive. Nun ja, eines ist sicher: ob Verständigungsfloskel oder ausgefallene Gesprächsführung: In unserem Alltag ist noch viel Interessantes und Exotisches zu entdecken.

Fragen zum Text

Die Redewendung aus Schlips und Kragen bestehen bedeutet:

1. jemand ist korrekt gekleidet.

2. jemand trägt nur Hemden mit Krawatten.

3. Hemden werden nur mit Krawatten verkauft.

Ein Knicks ist …

1. eine Straßenbiegung.

2. eine besondere Form der Verbeugung.

3. ein schlechter Benimmstil.

Mitarbeiter der Werbe- und Modebranche tragen in der Regel …

1. Anzug und Krawatte.

2. lässige Kleidung.

3. die neueste Designermode.

Arbeitsauftrag

Beschreiben Sie schriftlich, was für Sie persönlich zum guten Benehmen gehört und was in Ihren Augen schlechtes Benehmen ist. Begründen Sie Ihre Ansicht.

Autor: Günther Birkenstock

Redaktion: Beatrice Warken

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema

Downloads