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Wirtschaft

Wie aus Fisch Müll wird

88 Prozent der EU-Gewässer sind überfischt. 30 Prozent davon werden sich wohl nie mehr erholen. Die EU reagiert mit immer mehr Vorschriften. Dabei müsste sie nur einen Fehler bei der so genannten Quotenregel beseitigen.

Beifang bei der Shrimps-Fischerei (Foto: National Oceanic and Atmospheric Administration)

Beifang - macht bis zu 80 Prozent eines Fangs aus

Auf Seite vier der Google-Treffer-Liste steht plötzlich dieser Link: "Beifang-Wahnsinn in der EU - die Prolific wirft fast ihren ganzen…" Klingt interessant. Mal sehen. Klick. "Wir möchten Sie auf ein Video hinweisen, das den ganz normalen Beifang-Wahnsinn in der EU beleuchtet. Das Video können Sie sich hier ansehen." Klick. Ein Rauschen ist zu hören, dann taucht auf dem Bildschirm ein etwas rostiger Fischkutter in grauen Wellen auf - die "Prolific". Die Kamera zoomt auf eine Luke an der seitlichen Bordwand, knapp oberhalb der Wasserlinie. Fische gleiten aus dem Loch. Wie überflüssiges Kielwasser fallen sie ins Meer. Drei Männer kommen an Deck. Mit Seilen ziehen sie riesige Plastikwannen aus dem Schiffsbauch. Jeweils zu zweit heben sie eine Wanne nach der anderen an, stemmen sie über die Reling. Eine routinierte Kippbewegung - und kiloweise Fisch fällt in die Tiefe. Minutenlang geht das so. Dann reißt das Video ab, das Rauschen verstummt.

Im Rostocker Fischreihafen liegen drei Fischtrawler (Foto: Unbekannt)

Was im Hafen ankommt, beschönigt, was auf dem Meer passiert

Fast die Hälfte des Fischfangs landet tot im Meer

"Beifang, der ungewollt gefangen wird, ist in der Regel Müll für den Fischer", sagt Karoline Schacht, Fischereiexpertin des WWF Deutschland. Fische, die einmal im Netz waren und wieder zurückgeworfen werden, überlebten diese Prozedur in der Regel nicht. Sie sterben, weil sie gequetscht werden und innere Verletzungen haben oder weil sie zu lange auf dem Sortierband liegen und ersticken. Schacht geht davon aus, dass 40 Prozent aller Fische und Meerestiere wie Müll im Meer entsorgt werden. In der EU gibt es kein Rückwurfverbot, die gefilmten Fischer handeln also völlig legal. Und schlimmer noch: Nach geltendem EU-Recht müssen Fischer den Fisch sogar über Bord kippen, dann nämlich, wenn sie für den Fang keine Quote besitzen oder diese bereits ausgeschöpft haben oder wenn der gefangene Fisch noch zu klein ist.

Was mittlerweile zu einer gigantischen Fischvernichtung geworden ist, sollte ursprünglich den Fisch schützen. Es sei durchaus sinnvoll, dass zu kleine Fische nicht an Land gebracht werden sollten, sagt Christopher Zimmermann vom staatlichen Johann Heinrich von Thünen-Institut. Nur so sei garantiert, dass sich die Fische fortpflanzen und langfristig überleben könnten. "Das Problem ist nur: Der Fang ist nicht verboten, sonder die Anlandung ist verboten." Was ganz einfach heißt, dass die Jungfische, die eigentlich geschützt werden sollen, zwar nicht in der Fischtheke landen, aber trotzdem gefangen werden und sterben, ohne sich je fortgepflanzt zu haben und somit dem Bestand verloren gehen.

Mehrere mit Bodypainting bemalte Apnoe-Taucher tauchen in einem Stadtbad in Berlin, das zu einer Meereswelt umgestaltet wurde, gefangen in einem Netzt (Foto: DPA)

Macht schon lange auf die sinnlose Fisch-Verschwendung aufmerksam - der WWF

Beifang auf Quote anrechnen

Das haben mittlerweile auch Teile der Fischwirtschaft als Problem erkannt und schließen sich einer Forderung an, die der WWF schon lange stellt. Die Fischer sollten verpflichtet werden, alles an Land zu bringen, was sie fangen - auch den Beifang, erklärt Karoline Schacht. Der sollte dann auf die Quote des Fisches angerechnet werden, den der Fischer eigentlich fangen wollte. "Wir denken, dass dies ein Anreizsystem sein könnte, womit der Beifang schon auf See vermieden werden könnte."

Christopher Zimmermann vom Johann Heinrich Thünen-Institut wollte zusammen mit einigen Unternehmer der Fischwirtschaft beweisen, dass dieses Anreizsystem tatsächlich funktionieren kann, dass die Fischer weniger Beifang produzieren, wenn der komplette Fang auf ihre Quote angerechnet wird - und die EU im Gegenzug ihre Regelwut etwas einschränkt. Dazu wurde das Porjekt "Stopp Discard", also "Stopp den Rückwurf" ins Leben gerufen. Um es kurz zu machen: Das Projekt scheiterte, "unter anderem, weil die EU-Kommission als regelnde Behörde eine Reihe von Regeln einfach nicht aufheben konnte, so wie wir uns das vorgestellt hatten", sagt Zimmermann, der selbst allerdings nicht vom Scheitern spricht, sondern davon, dass er das Projekt "eindicken" musste.

Kabeljau liegt auf Eis in einer Transportkiste (Foto: AP)

Ziel Sortenreinheit - nicht nur in der Fischtheke, sondern schon auf See

"Stopp Discard" geht in Runde zwei

Wie dem auch sei, jetzt jedenfalls wird der Versuch neu aufgelegt. Auf acht Schiffen lässt Zimmermann gerade Kamerasysteme installieren, die selbst den letzten Schiffswinkel noch abfilmen können. Nächstes Jahr werden diese Schiffe rausfahren, um in der Ostsee Dorsch zu fangen. Noch einmal will Zimmermann versuchen, das durchzusetzen, was bei Stopp Discard nicht möglich war - den Fischern wieder "so viel Freiheit wie möglich zurückzugeben", die ihnen die EU im Laufe der Zeit genommen hat. Die Fischer, die am Projekt teilnehmen, sollen selbst entscheiden dürfen, welche Netze sie verwenden, sie sollen rausfahren dürfen, wann sie wollen - alles unter der Bedingung, dass sie den kompletten Fang - also auch den Beifang - auf ihre Quote anrechnen.

Bis zu 30 Prozent Beifang gibt es beim Ostsee-Kabeljau. Eine Menge Lagerraum würde da blockiert, wenn die Fischer alles mitbringen müssen. Das kostet, vor allem, wenn die Flotte mehrere Tage auf hoher See ist. Aber wenn Zimmermann recht behält, dann wird man auf den Filmen der installierten Videokameras sehen können, dass immer weniger Beifang im Lagerraum liegt - nicht weil er wieder über Bord gekippt wurde, sondern weil sich die Fischer ewas haben einfallen lassen, damit der Beifang erst gar nicht im Netz landet.

Autor: Jutta Wasserrab
Redaktion: Henrik Böhme