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Gedanken zur Woche

Widerstand gegen die Despoten der Seele

Das Christkönigsfest ist nach katholischer Zeitrechnung ein junges Fest. Es stellt die hochaktuelle Frage: Wer ist der König, wer ist der Machthaber meines Herzens, meint Hildegard König von der katholischen Kirche.

Christus vor Pilatus von Mihaly Munkacsy Gemälde

Christus vor Pilatus von Mihály Munkácsi (1844-1900)

Es braucht nicht viel, um heute ein König zu sein: Eine fröhliche Männerrunde und das richtige Pils in der Hand. So legt es uns ein Werbespot nahe. Der Pils-König - vielleicht er Spaß, Macht hat er jedenfalls nicht.

Und die echten Königinnen und Könige unserer Zeit, die haben zwar Amt und Würde, aber Macht haben auch sie nicht. Die Macht ist dem Königtum im Laufe der Jahrhunderte abhandengekommen. Aber gerade um die Macht geht es in dem Disput, von dem wir am heutigen Sonntag, dem Christkönigsfest, im 18. Kapitel des Johannesevangeliums hören.

Es ist der Repräsentant der Macht, Pilatus, der die Machtfrage stellt mit den Worten: Bist du der König der Juden?... Du bist also doch ein König? (Johannes 18,33.37)
Keine Ahnung, ob sich der Wortwechsel zwischen Richter und Häftling, zwischen Richter und Jesus, damals, vor knapp 2000 Jahren so oder ähnlich abgespielt hat. Niemand von denen, die zum Zustandekommen des Johannesevangeliums beitrugen, war bei dieser Verhandlung dabei.

Karikatur jeder messianischer Hoffnung
Aber gerade die Gefolgsleute des Jesus von Nazareth, die nicht vergessen konnten, welche Erfahrungen sie mit ihm gemacht hatten, und die die Erinnerung an ihn und sein Schicksal wach hielten, die stellten sich die Machtfrage. Denn sie hatten mit einem mächtigen Messias gerechnet, mit einem, der Israel von den fremden Machthabern befreien und als König herrschen werde. Und dann haben sie einen Messias erlebt, der als Verbrecher am Kreuz endete – eine Karikatur jeder messianischen Hoffnung.

Irgendwann müssen sie damals begriffen haben, dass ihre eigenen messianischen Machtphantasien absurd waren und nicht aufgingen in den Machtspielen dieser Welt. Und sie erlebten, wie der ohnmächtige Messias in ihren Köpfen und Herzen die Herrschaft antrat und als König, nicht von dieser Welt (Jo 18,36) in ihnen zur Gegenmacht wurde gegen den totalen Machtanspruch weltlicher Machthaber.

Protest gegen totalitäre Vereinnahmung
Das Christkönigsfest, gerade mal 90 Jahre jung, entstand 1925. – Die Monarchien in Europa waren politisch gescheitert und hatten in den desaströsen Machtkämpfen des ersten Weltkrieges ihren schimpflichen Abgang gefunden. In der Folgezeit wurde der König Christus gefeiert als engagierte Antwort junger Christen auf den entstehenden Führerkult und als widerständiger Prostest gegen die totalitäre Vereinnahmung durch das NS-Regime.

Ein König, nicht von dieser Welt?
Und heute? Wer rechnet noch damit? Ist das noch zeitgemäß? Wenn ich es recht bedenke, gibt es eine Reihe moderner Errungenschaften, die mein Leben bestimmen, und deren Macht über mich den Zug zum Totalitären hat: das Geld, das meinen Alltag dominiert und eine Gier erzeugen kann, die mein Handeln lenkt; oder das Smartphone, das meine Kontakte zu anderen Menschen verändern, mich ablenken und abhängig machen kann; die Bilder von Gewalt und Hass, die sich mir von allen Seiten aufdrängen, die sich in mir einnisten und mein Denken und Fühlen besetzen wollen.

Wer oder was hat Macht über mich? Diese Frage nehme ich mit in die kommende Woche. Und ich gebe Acht, dass der König in meinem Herzen kein Despot oder Tyrann ist, sondern jene Gegenmacht, in der meine Freiheit gründet.

Prof. Dr. Hildegard König, Chemnitz

Prof. Dr. Hildegard König, Chemnitz

Zur Autorin: Prof. Dr. Hildegard König hat in Tübingen katholische Theologie und Germanistik studiert. Ein Schwerpunkt ihrer Forschung liegt im Bereich „Alte Kirchengeschichte und Patristik“. Nach einem Studienaufenthalt in Rom lehrte sie an den Universitäten Luzern, Frankfurt, Tübingen und an der RWTH Aachen. Nach einer Gastprofessur an der LMU München arbeitet sie seit 2011 als Professorin für Kirchengeschichte an der Technischen Universität Dresden. Darüber hinaus ist sie als freie Dozentin tätig.

Kirchliche Verantwortung: Dr. Silvia Becker, Katholische Hörfunkbeauftragte

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