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Kultur

"Wichtig ist, dass man geschrieben hat"

Der Schriftsteller Martin Walser ist umstritten - mal wurde er dem linken, mal dem deutschnationalen Spektrum zugeordnet. Sein jüngster erfolgreicher Roman heißt "Angstblüte". Jetzt wird er 80 - das will er feiern.

Der bekannte deutsche Schriftsteller Martin Walser

Die Bodenseeregion ist die Heimat von Martin Walser - in der er fast sein ganzes Leben lang geblieben ist.

Heimat und ihr Verlust ist das große Thema dieses Schriftstellers, der sein Leben lang in der Bodenseeregion lebt - seit Jahren in einem Haus in Überlingen unmittelbar am Wasser. Viele seiner Romanhelden stammen aus dieser Gegend und haben hier ihr "Unglücksglück" erlebt - wie Walser das nennt - und wie er es in seinem autobiographischen Werk "Der springende Brunnen" beschrieben hat. "Die strengste Auslegung dieses Wortes ist für mich, dass Heimat eine Zeit ist. Ich sage, Heimat ist das, was man nicht mehr hat", sagt Martin Walser. Heimat sei also Kindheit - und wenn man sich aus den Gegenden und den Häusern der Kindheit entfernt habe, dann existiere diese Heimat nur noch im Kopf oder in der Seele.

Der bekannte deutsche Schriftsteller wurde am 24. März 1927 in Wasserburg am Bodensee geboren. Mit provokanten Äußerungen hat er in seiner Schriftstellerlaufbahn immer wieder zu politischen Ereignissen Stellung genommen. Als einer der ersten Autoren legte Walser mit "Die Verteidigung der Kindheit" (1991) einen Roman zur Wiedervereinigung vor. Der vielgereiste Schriftsteller war zeitweise auch Gastdozent in den USA.

Schmerzen führen ihn zur Sprache

Nun will er seinen 80. Geburtstag mit seinen Lesern feiern. Während der Leipziger Buchmesse wird es am Samstag (22.3.2007 um 20 Uhr) deshalb ein großes Fest im Leipziger Schauspielhaus unter dem Titel "79 plus. Martin Walser" geben. Der Südwestrundfunk, wo Walser nach dem zweiten Weltkrieg journalistisch tätig war, hat eine ganze Reihe von Sondersendungen geplant. In seiner Heimatregion am Bodensee wird Walser mit zwei Ausstellungen und einem Theaterstück geehrt.

Walser ist ein streitbarer, auch umstrittener Autor. Sprache, so sagt er, komme allein von dem, was weh tue, was einem fehle, vom Mangel. Als er 1998 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, empörte sich die halbe Republik über seine Rede in der Frankfurter Paulskirche, in der er die Banalisierung der sogenannten deutschen Vergangenheitsbewältigung kritisierte. Viele warfen ihm damals vor, dem Thema Auschwitz nicht mit der gebotenen Betroffenheit zu begegnen. Dabei hat sich Walser schon sehr früh in den fünfziger Jahren zur deutschen Schuld bekannt. Aber seine Kritiker wollten das nicht zur Kenntnis nehmen. Walser ging es auch in dieser Debatte um die Haltung der Medien in Deutschland. An seiner Position hält er nach wie vor fest: "Es tut mir leid, ich habe sicher viel falsch gemacht, aber es sind alles Irrtümer, die gehören zu meinem Leben und es wäre lächerlich wenn ich sagen würde, ich hätte das lieber nicht gemacht", sagt er. Das sei damals notwendig gewesen. Außerdem habe es bei ihm mit dem Schreiben zu tun. "Nun muss ich auch dazu sagen, dass meine ganze politisch intellektuelle Entwicklung von meiner katholischen Kindheit bis zu meiner Ernst Bloch-Lektüre, dieses simple Ziel hatte, dass mehr Gerechtigkeit sein sollte auf der Welt." Und alles das, was ihm sprachlich ins Vokabular geraten sei, halte er für Irrtum. "Wenn ich bei meiner Sprache geblieben bin, dann war das eben notwendig." Und die Paulskirchenrede sei von A bis Z seine Sprache und deshalb gebe es für ihn nichts zu korrigieren.

Sprache - Antwort auf sein Dasein

Das Buchcover von Martin Walsers Roman Angstblüte, der 2006 erschienen ist.

"Angstblüte" ist 2006 erschienen und der jüngste, erfolgreiche Roman von Martin Walser.

"Wer nachdenkt, ist schon verloren," hieß es in Walsers erstem Roman "Ehen in Philippsburg" von 1959. Damals wurde der Autor dem linken Spektrum zugeordnet. Er protestierte gegen den Vietnam-Krieg, machte Wahlkampf für die Sozialdemokraten, entdeckte später - aber auch früher als andere - das Thema "Die Deutschen und ihre Nation". Auch das trug ihm wieder heftige Kritik ein. Man stellte die "Kassandra vom Bodensee", wie Walser bespöttelt wurde, in die rechte deutschnationale Ecke. Das literarische Element, das erzählerische Werk mit seiner komplizierten Kompositionstechnik interessierte nicht. Und doch feierte ihn die literarische Kritik als den bedeutendsten Chronisten der deutschen Nachkriegsgesellschaft und ihrer Entwicklung.

Eine Vielzahl von überaus erfolgreichen Romanen - zuletzt "Angstblüte" - kommen aus seiner Werkstatt. "Mein Dasein und mein Schreiben berühren sich nur ganz selten", schrieb er als junger Mann in sein Tagebuch. Heute, wo er die 80 erreicht hat, gilt dies immer noch: "Einfach das Bedürfnis, das eigene Dasein wirklich mit Sprache zu beantworten, mit nichts anderem als Sprache - in der Hoffnung, dass dann in dieser Antwort dieses Dasein wieder auffindbar sein würde. Aber es ist fast schon gleichgültig, was in deiner Sprache dann jeweils hörbar ist", sagt Walser. Wichtig sei, dass man geschrieben hat - die Geschriebenheit sei für ihn ein einzigartiger Sprachzustand. So handelt Walsers Werk vom Mangel, von fehlender Zugehörigkeit - und von dem Wunsch, sich nicht ständig rechtfertigen zu müssen.