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Fokus Osteuropa

"Wichtig für die Zivilgesellschaft in Russland"

Zum siebten Mal hat die Deutsche Welle die internationalen Awards "The BOBs" verliehen. Auch eine russische Online-Community wurde ausgezeichnet. Der Blogger Aleksandr Pljuschtschew schildert die Trends in Russland.

Aleksandr Pljuschtschew mit Kopfhörern vor einem Mikrofon

Aleksandr Pljuschtschew, Jurymitglied von "The BOBs"

DW-WORLD.DE: Herr Pjuschtschew, beim diesjährigen Finale von "The BOBs" waren erstmals mehr Communities als persönliche Blogs vertreten. Belegt das einen neuen Trend?

Aleksandr Pljuschtschew: Ja, definitiv. Der Aufbau der Zivilgesellschaft, von deren Notwendigkeit so lange geredet wurde, hat endlich begonnen, auch dank des Internets. Gleichzeitig möchte ich betonen: Wenn sich im Land keine Voraussetzungen für eine Zivilgesellschaft herausgebildet hätten, dann hätte auch keine neue Technologie geholfen. Das Wichtigste ist, dass es heute aktive, furchtlose Menschen gibt, die Beispiel dafür sind, wie man für seine Rechte kämpfen muss.

Welche Veränderungen waren im Laufe des letzten Jahres in russischen Blogs zu beobachten?

Screenshot der Webpage Rospil

Deutsche Welle zeichnet "Rospil" aus

Mir scheint, dass die alten Autoritäten, die weiterhin wohlverdienten Respekt genießen, in den Hintergrund treten. Es gibt neue, hervorragende Persönlichkeiten, die ihr Publikum nicht belehren, wie man zu leben hat, sondern als einigende Kraft dienen. Sie sind persönlich ein Beispiel dafür, was man erreichen kann. Versuche der Staatsmacht, hinter den Kulissen regierungstreue Websites und Communities zu schaffen, haben zum Gegenteil geführt. Als Reaktion auf diesen Druck sind aus dem Umfeld von Bloggern intelligente, interessante Personen hervorgegangen. Das hat die Situation wieder ausgeglichen.

In der Kategorie "Best Use of Technology for Social Good" hat sich die Jury für die russische Webseite "Rospil" (http://rospil.info) entschieden. Ziel der Community ist es, Korruption in Behörden aufzuspüren. Wie wichtig ist diese Auszeichnung für die russische Internet-Gemeinde?

Ich kann nicht für die ganze Internet-Community sprechen, sie ist sehr vielfältig. Für die Zivilgesellschaft ist dieser Sieg aber sehr wichtig. "Rospil" genießt im Lande selbst bereits breite Unterstützung. Beweis dafür ist die Größe der Community, aber auch die Bereitschaft der User, Geld für die gemeinsame Sache zu spenden. Und wenn das Projekt eine internationale Auszeichnung erhält, dann wird klar, dass dieser Ansatz zur Bekämpfung der Korruption etwas Neues und Interessantes bringt, so dass dies auch in anderen Ländern angewandt werden könnte.

Zum besten Blog in russischer Sprache kürte die absolute Mehrheit der User das Tagebuch von Aleksej Nawalnyj. Womit hat er eine so breite Unterstützung verdient?

Portrait von Aleksej Nawalnyj (Foto: dpa)

Blogger Aleksej Nawalnyj in Russland beliebt

Nawalnyj ist eine sehr auffallende Person. Bei uns in Russland hat es schon lange keine interessanten und hervorragenden Politiker mehr gegeben. Im Land wird seit vielen Jahren eine Politik der verbrannten Erde verfolgt. Alles dreht sich um zwei Männer, genauer gesagt um einen. Und um sie herum gibt es nur verbrannte Erde. Seit langem gab es in der Politik nichts Neues, mehr noch, von Politik kann keine Rede sein. Daher sehnt sich die Gesellschaft nach einem brillanten Politiker, der sich sowohl von den Vertretern der Staatsmacht, als auch von denen der marginalen Opposition grundlegend unterscheidet. Die Öffentlichkeit ist auch der Opposition ziemlich müde - mit allem Respekt vor Leuten wie Milow, Nemzow und Ryschkow. Nawalnyj ist jung, sieht gut aus, ist intelligent, und was für die russische Politik wichtig ist, er ist großgewachsen. Er hat sich noch nie kompromittiert. Alle Versuche, ihm etwas "anzuhängen", sind gescheitert, weil sich immer wieder herausstellte, dass die Vorwürfe entweder gefälscht waren oder es sich um Kleinigkeiten gehandelt hatte. Es ist jemand, der a priori den Respekt vieler Menschen genießt.


Rospil bedeutet auf Deutsch etwa: "das Zersägen der russischen Steuergelder". Ziel der Online-Community ist es, Behörden und Beamte aufzuspüren, die die Vergabe staatlicher Aufträge für persönliche Bereicherung missbrauchen. Internet-Nutzer können dazu auffällig teure oder auffällig kurzfristige öffentliche Ausschreibungen melden. Diese werden dann von Experten aus der Community geprüft. Das Interview führte Tatiana Petrenko / Markian Ostaptschuk
Redaktion: Bernd Johann

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