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Wikileaks

Whistleblowerin Manning kommt frei

Seit 2010 saß Chelsea Manning in Haft. Dort hätte sie laut Gerichtsurteil noch 28 Jahre bleiben sollen. Doch in seiner letzten Amtswoche verkürzte Barack Obama die Strafe. Jetzt ist die Whistleblowerin frei.

Nach sieben langen Jahren Haft haben sich am 17. Mai die Türen des Militärgefängnisses von Fort Leavenworth im US-Bundesstaat Kansas für Chelsea Manning geöffnet. In dieser Zeit wurde sie von einem Mann zu einer Frau, von Bradley zu Chelsea. Vor allem aber wurde sie von einem jungen IT-Spezialisten in Diensten der US-Armee im Irak zu einer Heldin: Für Transparenz und die Enthüllung unschöner Wahrheiten über die US-Kriege im Irak und in Afghanistan, über Abgründe der US-Diplomatie und die Haftbedingungen auf Guantanamo. Und sie wurde zur Kämpferin für Transgender-Rechte. 

Unmenschliche Haftbedingungen

Zu 35 Jahren Haft hatte ein US-Kriegsgericht Chelsea Manning im Juli 2013 verurteilt – nach einem antiquierten Spionagegesetz aus dem Jahr 1917. Noch nie zuvor war ein Whistleblower in den USA so hart bestraft worden. Manning wurde in 17 von 22 Anklagepunkten für schuldig befunden. Der "Unterstützung des Feindes" wird sie nicht überführt. Das hätte mit dem Tode bestraft werden können.

Bradley Manning Haftsrafe (Getty Images)

Chelsea Manning noch als Bradley auf dem Weg zum Militärgericht 2013

Die damals 25-Jährige Manning hatte zum Zeitpunkt der Urteilsverkündung schon eine dreijährige Untersuchungshaft hinter sich. Zum Teil unter unmenschlichen Bedingungen, wie der UN-Sonderberichterstatter für Folter, Juan Mendez, in einem Bericht 2012 festhielt: Einen Verdächtigen für 23 Stunden und 40 Minuten pro Tag in einer viereinhalb Quadratmeter großen Zelle in Einzelhaft zu halten, sei grausam und unmenschlich, hielt Mendez fest.

"Unverhältnismäßig hohe Strafe"

Jetzt kann Manning 28 Jahre vor Ablauf ihrer Strafe das Männergefängnis verlassen, in dem sie nach einer Geschlechtsumwandlung als einzige Frau einsaß. Sie war dort ständigen Schikanen ausgesetzt, hat mindestens zweimal versucht, sich das Leben zu nehmen.

Zu verdanken hat Manning ihre Freiheit einem Gnadenakt von Ex-Präsident Barack Obama in seiner letzten Woche im Amt. Unverhältnismäßig hoch sei ihre Strafe, befand Obama im Januar. Und: Die sieben Jahre bereits verbüßter Haft seien hart genug, um potenzielle künftige Geheimnisverräter abzuschrecken. In einer E-Mail an die DW erinnert Mannings Anwältin Nancy Hollander allerdings daran, dass die Regierung Obama mehr Whistleblower verfolgt hat, als jede andere Administration in der amerikanischen Geschichte.

Chelsea Manning hatte rund 700.000 geheime Akten an die Enthüllungsplattform Wikileaks weitergeleitet, auf die sie bei ihrer Arbeit als IT-Spezialist der Armee in Bagdad gestoßen war. Damit hatte Manning dem weltweit verbreiteten Hochglanzbild der Supermacht Amerika die ungeschminkte Innensicht aus den Apparaten der Macht entgegen gestellt.

Material für die Enthüllungspresse

Wikileaks wurde mit Mannings Material auf einen Schlag berühmt. Den Auftakt bildete ein Video, das Wikileaks unter dem Titel "Collateral Murder" am 5. April 2010 veröffentlichte. Das 17 Minuten lange Video war von der Bordkamera eines Apache-Kampfhubschraubers bei einem Angriff im Juli 2007 in Bagdad aufgenommen worden. 11 Zivilisten waren dabei erschossen worden, darunter zwei Journalisten der Nachrichtenagentur Reuters.

Es folgten: Die Afghanistan-Kriegstagebücher, die Irak-Kriegstagebücher, die Botschaftsdepeschen, die Guantanamo-Akten. New York Times, Guardian, Spiegel – alle großen Medien verarbeiteten die Leaks zu großen Geschichten. Auch mögliche Kriegsverbrechen wurden öffentlich.

Verräterischer Chat

Nur die Veröffentlichung des "Collateral Murder" Videos erlebte Manning in Freiheit. Schon einen Monat später wurde Chelsea Manning Ende Mai 2010 im Irak festgenommen. Adrian Lamo, ein ehemaliger Hacker, hatte den US-Behörden die entscheidenden Hinweise zur Festnahme Mannings gegeben.

Depressiv und verzweifelt wegen der Schwierigkeit, ihre Transsexualität in einem militärischen Umfeld nicht leben zu können, hatte sich Manning in mehreren Chats über einen Zeitraum von vier Tagen Lamo anvertraut – obwohl sie ihn persönlich gar nicht kannte. Lamo hat die Chat-Protokolle später an das US-Webportal Wired weiter gegeben, das sie im Oktober 2010 veröffentlichte.

Manning selbst beschreibt sich darin als "gebrochene Seele". Sie sehnt sich danach, ihr Herz auszuschütten und gibt Lamo gegenüber jede Menge persönlicher Informationen preis – inklusive der Weitergabe von vertraulichen und geheimen Regierungsinformationen "an einen weißhaarigen Australier, der anscheinend nie besonders lange in einem Land bleiben kann".

London Entscheidung über Auslieferung Julian Assanges SCREENSHOT (picture-alliance/dpa)

Wikileaks wurde mit Mannings Material auf einen Schlag bekannt

Gerechtigkeit als Antrieb

Deutlich wird auch die Motivation von Manning: Persönliche  Betroffenheit darüber, wie weit Regierungs-PR und Wahrheit am Boden auseinander klaffen, der Wunsch nach Transparenz der Regierung; der Wunsch, Kriegsverbrechen anzuprangern und Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen.

"Ich möchte, dass die Menschen die Wahrheit sehen. Denn ohne Informationen kann die Öffentlichkeit keine informierten Entscheidungen treffen," schreibt sie unter dem Namen "Bradass87"

Wenn Chelsea Manning jetzt aus dem Gefängnis kommt, wird sie vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben Gelegenheit haben, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu leben: Als Frau und frei. Ein Unterstützerkreis hat über 140.000 Dollar für sie gesammelt. Damit kann Manning einen neuen Anfang wagen.

 

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