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Kultur

Wettrennen um die verborgenen Schätze der Arktis

Während Umweltschützer die rasante Schmelze des Nordpols und ihre befürchteten Folgen beklagen, warten Russland, Kanada, die USA, Dänemark und Norwegen genau auf diesen Augenblick.

Schmelzender Eisberg am Nordpol, (Quelle: AP)

Das Abschmelzen des Eises beschleunigt sich

Noch liegen die vermuteten Schätze verborgen unter dem ewigen Eis, doch je mehr die Eisdecke abtaut, desto näher rückt die Möglichkeit, diese Schätze zu bergen. Russische Forscher wähnen zehn Milliarden Tonnen Öl und Gas im so genannten Lomonossow-Rücken, einem unterseeischen Gebirgszug, der sich zwischen Grönland und Ostsibirien erstreckt und ziemlich genau unter dem Nordpol verläuft.

Hermann Rudolf Kudrass, Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, (Quelle: Archivbild)

Hermann Rudolf Kudrass

US-Wissenschaftler gehen sogar davon aus, dass ein Viertel aller weltweiten Erdöl- und Erdgasreserven unter dem arktischen Eis liegt. Doch Hermann Rudolf Kudrass von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover zufolge ist es fraglich ob größere Vorkommen von Bodenschätzen außerhalb der 200-Seemeilen-Grenze von Russland, Kanada und den USA zu erwarten sind.

Alle wollen den arktischen Meeresboden

Den fünf Nordpol-Anrainern geht es genau um die Gebiete jenseits der 200 Seemeilen vor ihren Küsten. Nach dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen dürfen sie schon heute innerhalb der 200 Seemeilen forschen, fischen und Bodenschätze fördern. Russland versuchte nun einen Teil dieser Ansprüche über die 200 Seemeilen hinaus auszudehnen als im vergangenen Sommer ein Duma-Abgeordneter mit einem Forschungs-U-Boot unter den Nordpol tauchte und dort eine russische Titan-Flagge in den Boden rammte. Von Rechtswegen war diese Aktion jedoch irrelevant, meint Seerechtler Alexander Proelß von der Universität in Kiel: "Da sämtliche Meeresgebiete völkerrechtlich erfasst und geregelt sind, kann heute kein Staat gewisse Meeresgebiete okkupieren, indem er dort seine Flagge hisst."

Russisches Forschungs-U-Boot unter dem Nordpol im Sommer 2007, (Quelle: dpa)

Russland ist beim Wettrennen um den arktischen Meeresboden mit dabei

Nur wer nachweisen kann, dass jenseits der 200 Seemeilen die Gesteinsformationen auf dem Meeresgrund Teil seines Festlandsockels sind, darf dort den Meeresboden ausbeuten. Allen voran Russland, aber auch Kanada und Dänemark wollen deshalb zeigen, dass der sogenannte Lomonossow-Rücken die natürliche Verlängerung ihres Festlandsockels ist. Einen wirksamen Nachweis könnten allerdings nur Bohrungen bringen, welche in der Arktis extrem teuer seien, sagt Kudrass.

Eine teure und risikoreiche Angelegenheit

Die einzigen vier Bohrungen die bisher auf dem Lomonossow-Rücken im Rahmen des IODP, eines internationalen marinen Bohrprogramms, durchgeführt wurden, haben zwölf Millionen Euro gekostet. Auf Gestein ist man allerdings nicht gestoßen, sondern nur auf Sediment, denn die Bohrungen gingen nicht tiefer als 400 Meter. Der Nachweis, dass der Lomonossow-Rücken eine Verbindung zu einem oder zu mehreren Nordpol-Anrainern hat, steht demnach noch aus. Doch selbst wenn einem Anrainer der Nachweis gelingen würde und tatsächlich Öl und Gas vorhanden wären, bliebe noch immer die Frage offen, ob sich die Förderung auch lohnt.

"Die Wassertiefen sind in der Regel um die 4000 Meter tief, das ist immer noch technisches Neuland", sagt Kudrass ' Kollege Christian Reichert. Reichert zufolge müssten die Endverbraucherpreise schon sehr, sehr hoch sein, dass es sich lohnt, dort zu investieren. "Sollte es je dazu kommen, dass unter dem Nordpol Öl und Gas gefördert wird, seien auf jeden Fall strenge Umweltauflagen erforderlich", sagt Kudrass' Kollege Christian Reichert. Ölunfälle in kalter Meeresumwelt könnten langfristig gravierende Auswirkungen haben, da das Öl sich in den unzähligen Poren der Eisdecke einnisten könne. Außerdem fehlen in der Kälte viele der Mikroorganismen, die das Öl zersetzen helfen.

Verhandlungen scheinen unumgehbar

Seerechtler Alexander Proelß von der Universität in Kiel, (Quelle: Archivbild)

Seerechtler Alexander Proelß von der Universität in Kiel

Die Entscheidung, wer den arktischen Meeresboden ausbeuten darf, wird letztlich die Festlandsockel-Grenzkommission der UN treffen. Ihr müssen die Anrainer bis spätestens 2014 ihre Forschungsergebnisse vorlegen. Russland hat 2001 schon den ersten Antrag gestellt, allerdings reichten der Kommission die vorgelegten Beweise nicht aus. Insgesamt werde uns das Buhlen um die Arktis noch Jahrzehnte beschäftigen, sagt Seerechtler Proelß. Und dabei werden die Anrainerstaaten wohl nicht an Verhandlungen vorbei kommen, meint Proelß, da die Festlandsockel-Grenzkommission keine Kompetenz hat darüber zu entscheiden, was im Falle der Überlappung der Festlandsockel geschieht.

Viele Experten und einige Medien malen bereits Szenarien aus dem Kalten Krieg an die Wand. Proelß kann sich das allerdings nicht vorstellen, weil die Abgrenzung der Interessenssphären durch die Festlandsockel-Grenzkommission, durch die Pflicht zur Zusammenarbeit der Anrainerstaaten und durch die bestehende Zusammenarbeit in vorhandenen Organen wie dem Arktischen Rat kanalisiert wird.

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