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Welt

Wettrennen um die Gunst der Libyer

Machthaber Gaddafi ist gestürzt, in Libyen regiert der Übergangsrat. Und die Industriestaaten buhlen um ihre Chance beim Wiederaufbau. Ein Kommentar von Daniel Scheschkewitz

Themenbild Kommentar Grafik Symbolbild

Sarkozy, Cameron, Erdoğan - die Liste der ausländischen Staats- und Regierungschefs, die in diesen Tagen auf Gratulationstour in Tripolis eintreffen, wird lang und länger. Es ist ein Wettrennen um die Gunst des gerade befreiten libyschen Volkes ausgebrochen. Eines Volkes, dessen Land wegen seiner üppigen Ölvorkommen zu den reichsten Nordafrikas zählt und dessen Triumph im Kampf gegen den Unterdrücker Gaddafi für Furore bei seinen arabischen Nachbarn sorgt.

In früheren Zeiten kamen die Europäer als Kolonialherren oder um dem Diktator Gaddafi in seinem Beduinenzelt die Aufwartung zu machen - eine aus heutiger Sicht wenig schmeichelhafte Anbiederung. Nun können sich Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und der britische Premier David Cameron im sonnigen Lichte der Befreier präsentieren. Dieser Triumph sei ihnen gegönnt.

Im Zeichen des Triumphs

DW-Redakteur Daniel Scheschkewitz

DW-Redakteur Daniel Scheschkewitz

Frankreich und Großbritannien haben die Hauptlast des Nato-Einsatzes getragen. Ohne sie wäre der Sieg der libyschen Rebellen gegen Gaddafi kaum möglich gewesen. Sie hielten ihren Einsatz beharrlich aufrecht, auch in den schweren Monaten, in denen der Machtkampf hin- und hertobte und es alles andere als sicher schien, dass die Rebellen über Gaddafis Söldnerheer militärisch triumphieren würden.

Sarkozy hatte als erster den Übergangsrat diplomatisch anerkannt und sich früh für den Militäreinsatz stark gemacht. Frankreich versorgte die Rebellen zeitweise aus der Luft mit Waffen. Großbritannien trug die andere Hauptlast des Nato-Einsatzes in Gaddafis Wüstenreich und sein Premierminister Cameron darf sich jetzt ebenfalls als Sieger fühlen.

Der Franzose und der Brite haben den Platz der Märtyrer in der Rebellenhochburg Bengasi besucht. Die Bilder davon werden Sarkozys Wahlkampf schmücken, und auch dem innenpolitisch gerade heftig in Bedrängnis geratenen Cameron dürfte die Reise zuhause gut tun, denn die Briten haben den Freiheitskampf der Libyer mit viel Sympathie verfolgt. Lukrative Ölförderkontrakte könnten sich - ganz nebenbei - zu einer willkommenen Kriegsdividende für den kostenintensiven Lufteinsatz in der libyschen Wüste entwickeln. Willkommen auch, weil der Ölkonzern British Petroleum gerade in Russland ausgebootet worden ist. So kommt eines gewinnbringend zum anderen.

Zukünftige Gewinne locken

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan ist auch gerade in Nordafrika unterwegs, um das osmanische Profil als aufstrebende Regionalmacht zu schärfen. Auch er will bei der großen Freiheitsparty in Tripolis nicht fehlen.

Und Deutschland? Auch wir müssen helfen bei der Demokratie-Entwicklung, der Rechtsstaatlichkeit und bei der Ausbildung der jungen Menschen. Bei Infrastrukturmaßnahmen und bei multilateralen Maßnahmen, die den gesamten nordafrikanischen und arabischen Raum grenzüberschreitend im Blick haben. Ob man Deutschland seine begründete Enthaltung im Weltsicherheitsrat übel nehmen wird, muss die Zukunft weisen. Sicher werden deutsche Firmen bei den zu erwartenden Investitionsaufträgen nicht an erster Stelle stehen, aber auch nicht an letzter. Dazu ist deutsches Know-how auch in der arabischen Welt viel zu gefragt.

Hilfe beim Staatsaufbau

Deutschland hat die libyschen Rebellen im Übrigen ja auf jede erdenkliche nicht-militärische Weise unterstützt. Auch das dürfte im Übergangsrat registriert worden sein und sollte eigentlich verhindern, dass die neuen Machthaber Libyens einen üblen Nachgeschmack im Munde behalten. Die besonderen Erfahrungen Deutschlands mit dem Übergang von Diktatur zu Rechtsstaatlichkeit müssten, wenn nicht heute, dann spätestens morgen, auch bei der Umgestaltung des Staates in Libyen willkommen sein. Und wenn alle Europäer gemeinsam Libyen zu einem erfolgreichen Neubeginn verhelfen wollen, wird Deutschland sicher nicht im Wege stehen.

Autor: Daniel Scheschkewitz
Redaktion: Beate Hinrichs