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Deutschland

Wettmafia im Visier der Sportminister

Manipulierte Fußballspiele, Doping, Rassismus - im kommerzialisierten Sport tummeln sich viele Kriminelle. Die Weltsportministerkonferenz in Berlin sagte nun der Wettmafia den Kampf an.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist zurzeit ganz schön sportlich. Am Samstag saß sie auf der Ehrentribüne des Londoner Wembley-Stadions und bestaunte das deutsche Fußballwunder beim Champions League-Finale zwischen Bayern München und Borussia Dortmund (2:1). Nun begrüßte sie die Teilnehmer der fünften Weltsportministerkonferenz (Mineps) in Berlin. Gäste aus rund 100 Ländern beleuchten drei Tage lang die vielfältigen Chancen und Risiken des Sports in all seinen Facetten. Dabei gibt es - wie im sportlichen Duell - Gewinner und Verlierer. Wobei mancher Sieg und manche Niederlage durch Manipulation zustande kommt.

Der gastgebende deutsche Innenminister Hans-Peter Friedrich sorgt sich mehr denn je um die "Magie" des Sports, die darin bestehe, "dass das Ergebnis offen ist". Doch immer häufiger steht das Ergebnis schon vor dem Anpfiff zum Beispiel eines Fußballspiels fest, weil es zwischen Schiedsrichtern, Spielern und Wettanbietern abgesprochen ist. Damit lässt sich in Form von Wetten sehr viel Geld verdienen. Neben Doping ist die Manipulation von Wettkämpfen die größte Gefahr für den Sport. "Das sogenannte Match Fixing ist ein florierendes Geschäft der internationalen Organisierten Kriminalität geworden", sagte Friedrich in Berlin.

Der Minister verwies auf Erkenntnisse der europäischen Polizei-Behörde (Europol). Mehrere hundert verdächtige Fußballspiele hätten die Fahnder in den vergangenen Jahren registriert. Die Tatverdächtigen sollen aus 15 Ländern stammen. "Hinzu kommen weitere hunderte verdächtige Spiele in Afrika, Asien, Nord-, Süd- und Mittelamerika." Wie lukrativ und deshalb besonders manipulationsanfällig der Wettmarkt ist, verdeutlichte Friedrich am Beispiel des Champions League-Endspiels 2012. Mit der Partie Chelsea London - Bayern München (4:3 im Elfmeterschießen) hätten die Wettbüros einen Umsatz von rund einer Milliarde Euro erzielt.

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Interview mit Sylvia Schenk von Transparency International

Von der Weltsportministerkonferenz versprechen sich Friedrich und seine Kollegen aus aller Welt Impulse im Kampf gegen die global aktive Wettmafia. Bundeskanzlerin Merkel mahnte eine "internationale Strategie" im Kampf gegen Doping und Korruption an. Manipulationen fügten dem Sport großen Schaden zu, "und es unterhöhlt die Werte, für die der Sport steht", sagte die deutsche Regierungschefin.

Merkel und Friedrich sprachen auf der Berliner Konferenz aber auch über die positiven Potenziale des Sports. In Deutschland spiele der Sport bei der Integration von Migranten eine "ganz zentrale Rolle", sagte die Kanzlerin. In vielen Vereinen und Mannschaften würden Menschen mit und ohne ausländische Wurzeln gemeinsam trainieren. "Wettkampf und das alltägliche Miteinander verlangen und lehren gleichermaßen kulturelles Verständnis und Weltoffenheit."

Sport verkauft sich immer gut - im doppelten Sinne des Wortes

Merkels Kabinettskollege Friedrich ist schon von Amts wegen ein Sportfan, denn sein Ressort ist für die Sportförderung zuständig. Weit über 200 Millionen Euro investiert die Bundesregierung jährlich in erfolgversprechende Athleten und Mannschaften. Von ihrem finanziellen Engagement erhofft sich die Politik Titel und Medaillen bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen. Dass in den Reihen der staatlich unterstützten Sportler auch unehrliche Sieger sein können, dieser Gefahr ist sich Friedrich natürlich bewusst. Geld gegen Leistung - das steuerfinanzierte Förderprinzip funktioniert nach den gleichen Regeln wie die Privatwirtschaft. Sport verkauft sich immer gut, und das im doppelten Sinne des Wortes.

Fortschritte erhoffen sich die Teilnehmer der Weltsportkonferenz auch bei der Integration von behinderten Menschen. Zur Einstimmung auf dieses Thema wurde in Berlin der Film "Gold - Du kannst mehr als Du denkst" gezeigt. Er handelt von den Lebensgeschichten und sportlichen Leistungen dreier Spitzenathleten mit Behinderung. Über ein Jahr hat das Filmteam um Michael Hammon die querschnittsgelähmte deutsche Schwimmerin Kirsten Bruhn, den blinden kenianischen Marathonläufer Henry Wanyoike und den australischen Rennrollstuhlfahrer Kurt Fearnley auf ihrem Weg zu den Paralympischen Spielen London 2012 begleitet.

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Teilhabe durch Sport

Bundesinnenminister Friedrich schwärmte auf der Konferenz von seinen Erlebnissen in der britischen Hauptstadt. Rund 4200 Athleten aus 166 Ländern haben an den Paralympics teilgenommen, mehr als je zuvor. Doch von den Zahlen dürfe man sich nicht blenden lassen, sagte Friedrich. Denn was für den Spitzensport gelte, sei im Breitensport keine Selbstverständlichkeit. "Noch längst nicht alle Menschen in der Welt können den Sport und die Chancen, die er bietet, für sich nutzen", bedauerte Friedrich. Weitere Anstrengungen seien von Nöten.

Auch in den Medien fristet der Behindertensport eine Nischenexistenz. Die Scheinwerfer der TV-Sender werden, wenn überhaupt, nur alle vier Jahre anlässlich der Paralympics eingeschaltet. Nur die Quote zählt, und weil das so ist, muss die olympische Kernsportart Ringen damit rechnen, 2020 aus dem Programm der Sommerspiele gestrichen zu werden. "Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben", sagte der deutsche Innenminister auf der Berliner Konferenz.

"Sport im Fernsehen ist gut, sich selber bewegen besser"

Die Generaldirektorin der UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO), Irina Bokova (im Artikelbild neben Merkel und Friedrich), würde sich bestimmt auch freuen, wenn Ringen eine olympische Zukunft hätte. Denn in Bokovas Heimatland Bulgarien ist Ringen Volkssport. Als Mitveranstalterin der Weltsportministerkonferenz hielt die UNESCO-Generalsekretärin ein flammendes Plädoyer für den Sport - den aktiven wohlgemerkt. Als Spektakel sei Sport allgegenwärtig: im Fernsehen, in der Öffentlichkeit, als Computerspiel.

Der echte Sport aber finde auf der Straße und in den Schulen statt. Für die TV-Sender bleibe er unsichtbar, Sponsoren würden ihn vernachlässigen, und die Politik behandle ihn oft wie ein Stiefkind, empörte sich die Generaldirektorin. Es werde Zeit, dass sich die Politik den Herausforderungen des modernen Sports stelle, forderte Bokova. "Das beginnt mit einer simplen Botschaft: Sport im Fernsehen ist gut, sich selber bewegen ist besser!"

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