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Kultur

Wettbewerb im Sinkflug

Amerikanische Tristesse und eine düstere Rachegeschichte aus Osteuropa standen am Mittwoch im Mittelpunkt der Berlinale. Jochen Kürten sorgt sich inzwischen um das Niveau des Wettbewerbs.

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Jochen Kürten am siebten Tag

Ein überaus beliebtes Spiel der lieben Kollegen hier auf der Berlinale ist das Punkteverteilen. Gleich mehrere Zeitungen vergeben Plus- und Minuspunkte für die konkurrierenden Filme des Wettbewerbs. Drei Punkte heißt zum Beispiel "Meisterwerk", zwei leere Kreise bedeuten "Niete". Eine Zeitung hat als unterste Kategorie ein wenig geschmacklos eine kleine Bombe als Zeichen für einen schlechten Film eingeführt. Diese Tabellen, an denen in jeder Zeitung ein halbes Dutzend Kritiker beteiligt sind, wachsen dann von Tag zu Tag stetig an, so dass man am Ende die Favoriten für die Goldenen und Silbernen Bären erkennen müsste.

Der morgendliche Blick auf die Listen sollte also ein aussagekräftiges Stimmungsbarometer für die Qualität des Wettbewerbs sein. Wer nun aber denkt, man könne sich schnell einen Überblick verschaffen, der irrt gewaltig! Nicht nur die Journalisten neigen zu sehr unterschiedlichen Meinungen, auch die einzelnen Zeitungen unterscheiden sich stark. Ein Film, der etwa bei dem einen Blatt viele Punkte gesammelt hat, ist bei einem anderen schon wieder ein Reinfall. Des einen Liebling ist des anderen Flop!

Düstere Rachegeschichte

Szene aus dem Film Katalin Varga

Szene aus dem Film "Katalin Varga"

Ich bin gespannt, wie die Punkteverteilung der Kritiker am Donnerstag aussehen wird. Zunächst bekamen wir am Mittwoch einen in düsteren Bildern schwelgenden Film zu sehen, eine rumänisch-britisch-ungarische Co-Produktion. "Katalin Varga" ist das Debüt des Briten Peter Strickland und erzählt vom Schicksal einer Frau, die vor Jahren vergewaltigt wurde und die sich nun auf den Weg macht, um an ihren Peinigern Rache zu nehmen. Der Film besticht vor allem durch das Heraufbeschwören einer düster-unheilvollen Stimmung.

Szene aus dem Film Katalin Varga

Filmszene "Katalin Varga"

"Katalin Varga"spielt in den Karpaten.Immer wieder gelingen Stickland und seinem Kameramann eindrucksvolle Aufnahmen. Nebelverhangene, tiefgrüne Wald- und Hügellandschaften, eine geheimnisvolle Natur, unterbrochen von nur wenigen, ärmlichen Gehöften und ein paar versprengten Schafherden prägen die Szenerie. Die düstere Rachegeschichte überzeugt allerdings mehr durch diese Atmosphäre, weniger durch die Schlagkraft ihrer Geschichte.

Tristesse in Amerika

Szene aus dem Film Happy Tears

Film "Happy Tears"

Düster in einem ganz anderen Sinne war der amerikanische Wettbewerbsbeitrag, der im Anschluss lief: "Happy Tears". Obwohl mit Superstar Demi Moore besetzt, gleicht der Film eher einem Independent-Movie als einem glänzenden Hollywood-Produkt. Demi Moore spielt hier eine von zwei Schwestern, die den an Demenz erkrankten Vater aufsuchen und sich nun Gedanken machen, wie es weitergehen soll: Pflegeheim oder die Sache selbst in die Hand nehmen? Zur Verunsicherung der beiden grundverschiedenen Frauen trägt auch die Tatsache bei, dass der Vater mit einer völlig heruntergekommenen Prostituierten zusammenlebt.

Szene aus dem Film Happy Tears

Die "Happy Tears"-Schwestern

"Happy Tears" kann sich nicht so recht entscheiden zwischen Sozialdrama und Satire, zwischen ernsthafter Auseinandersetzung mit seinem traurigen Thema und einer grell bunten Gegenwartshumoreske. Immer wieder bricht Regisseur Mitchell Lichtenstein die Filmhandlung mit überzeichneten Tagträumen der einen Schwester auf. Und auch die von Ellen Barkin gespielte Prostituierte scheint in ihrer schrillen Überspitzung eher einer Comedyserie als einem Spielfilm entsprungen zu sein.

Wettbewerb im Sinkflug

Nach dem guten Start und den ersten Tagen mit vielen sehenswerten, zum Teil auch kontrovers diskutierten Filmen, macht sich nun bei mir eher Langeweile breit. Der Wettbewerb der Berlinale scheint nun doch in das auch aus den letzten Jahren so gefürchtete Mittelmaß abzugleiten. Wenn die letzten Filme am Donnerstag und Freitag keine positiven Überraschungen mehr bieten sollten, dann kann der Goldene Bär eigentlich nur an einen der Filme der ersten Tage verliehen werden.

Aber auch darauf würde ich keine Wette eingehen. Ebenso wie die Punktrichter bei den schreibenden Journalistenkollegen wird auch die Jury – wie stets in der Vergangenheit – für so manche Überraschung gut sein. Unmöglich vorauszusagen, wie die Bären-Jury entscheidet, die ja aus so unterschiedlichen Charakteren wie dem britischen Star Tilda Swinton, dem deutschen Provokateur und Regisseur Christoph Schlingensief und einer amerikanischen Köchin besteht. Spannend zumindest bleibt´s bis zum Samstag abend.

Fazit: 177 Minuten Film am Mittwoch: eine düstere Rachegeschichte aus Rumänien und eine verunglückte Sozialsatire aus den USA. Kein besonders aufregender Wettbewerbstag. Es kann nur besser werden.