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Presse

„Westliche Medien müssen Pakistan unter Druck setzen“

In ihrer Heimat wurde sie verfolgt, mit dem Tode bedroht und musste fliehen: die Journalistin Meera Jamal. Nun lebt sie in Deutschland und arbeitet seit kurzem bei der Deutschen Welle in Bonn. Nina Haase sprach mit ihr.

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„Hier kann ich richtig durchatmen“: Meera Jamal

Frau Jamal, ab welchem Zeitpunkt war Ihnen klar, dass Sie Pakistan verlassen müssen?

Im August 2008 wurde ich auf dem Weg zur Arbeit von vier Männern angehalten, eine Gruppe radikaler Islamisten, die der Meinung war, dass meine Artikel Frauen aufhetzten und dass sie dem Islam widersprächen. Sie drohten mir und sagten, ich müsse sterben, wenn ich so weiterschreiben würde wie bisher. Ich hatte zwar auch schon früher Morddrohungen erhalten, aber das waren immer Briefe oder Anrufe gewesen. Niemals hatte mich jemand persönlich bedroht. Meine Familie war tief besorgt, und in diesem Moment wurde mir erst richtig klar, wie gefährlich die Situation für mich geworden war. Da wusste ich, dass ich keine andere Wahl mehr hatte, als Pakistan zu verlassen.

Welche Artikel waren der Stein des Anstoßes?

Ein Artikel über die Koranschulen in Pakistan, die Madressas, bespielsweise. Darin ging es um die Debatte, ob es Koranschulen überhaupt geben sollte und ob Eltern ihre Kinder in Institutionen schicken sollten, in denen diese so wenige Anreize bekommen, wo Wissen eine untergeordnete Rolle spielt und es nur einen begrenzten Lehrplan gibt. Ein anderer Artikel handelte vom Selbstbestimmungsrecht der Frauen. In Pakistan wird eine Debatte darüber geführt, ob Frauen das Recht haben, sich scheiden zu lassen. Ich bin da ziemlich ins Detail gegangen und habe alle Gesetze aufgelistet, die es gibt. Außerdem habe ich über den Einfluss der Taliban geschrieben, auch damit habe ich mir Ärger eingehandelt.

Ihre Zeitung „Dawn“ hat am Internationalen Tag der Frau ein Porträt über eine Prostituierte veröffentlicht, das Sie verfasst hatten. Auch da gab es Ärger?

Die Frau war 56 und seit langer Zeit in diesem Metier tätig. Sie hatte zwei Kinder, die keine Ahnung hatten, was ihre Mutter tat. Sie verdiente ihr Geld so gut sie konnte, um ihre Kinder durchzubringen und ihnen eine Ausbildung ermöglichen zu können. Das ist das größte Opfer, das eine Frau bringen kann, fand ich und schrieb darüber. Der verantwortliche Redakteur hatte erst Angst, den Artikel zu veröffentlichen, hat es dann aber doch getan, wenngleich auf keinem prominenten Platz in der Zeitung. Er hatte Angst vor den Reaktionen.

Woher haben Sie den Mut genommen, über solch kontroverse Themen zu berichten?

Es geht darum, wie man eine Geschichte formuliert, welche Worte man benutzt. Dazu braucht man einen gewissen Riecher. Ich habe Literatur studiert und interessiere mich generell für das soziale System und für das Verhalten von Menschen. Ich denke, man muss erstens fest an sich glauben und zweitens den Rückhalt der Familie haben. Ich bin in einer atheistischen Familie groß geworden. Das heißt, dass wir stets das abgelehnt haben, was die Leute um uns herum gelebt haben. In Pakistan mussten wir immer behaupten, wir seien Muslime. Das war in den Papieren meiner Eltern so eingetragen und auch in meinen. Öffentlich kann ich nicht sagen, dass ich Atheistin bin, aber ich praktiziere die Religion nicht. Das wussten in meinem Büro alle – auch das hat mir Ärger eingebracht. Aber ich habe immer das getan, woran ich glaube.

Welchen Problemen sehen sich Medienschaffende in Pakistan ausgesetzt?

In den pakistanischen Medien gibt es überall Beschränkungen und Zensur. Manche Themen werden einfach in Live-Sendungen oder in den Zeitungen nicht angesprochen. Die Zensur ist sehr effektiv. Die Regierung hat ihre eigenen Methoden, die Dinge zu regeln. Man kriegt steuerliche Probleme, die Anzahl der Printmedien wird verringert, Programme werden vom Sender genommen, ganze Sender werden abgeschaltet. Das passiert auch unter der demokratischen Regierung, die wir momentan haben. Die haben eine Reihe von Sendern abgeschaltet. Freie pakistanische Journalisten werden von Geheimdiensten drangsaliert und bedroht. Autoren, die über islamische Themen schreiben, werden streng von islamischen Gruppen beobachtet und auch bedroht.

Welche Aufgabe haben in diesem Zusammenhang westliche Medien?

Westliche Medien sollten mehr Korrespondenten nach Pakistan schicken. Auch für diese ist es zwar nicht ganz ungefährlich. Man denke nur an den Fall Daniel Pearl (US-Journalist, der 2002 in Pakistan entführt und ermordet wurde; Anm. d. Red.). Aber die Situation wird sich nur bessern, wenn westliche Medien das Geschehen in Pakistan genauer im Auge behalten. Sie sollten sich nicht auf die Taliban beschränken, sondern eher beleuchten, warum es die Taliban überhaupt zu dieser Macht gebracht haben. Die weit verbreitete Armut und die soziale Situation im Allgemeinen führen zu einer Atmosphäre der Frustration und Wut. Wenn westliche Medien über solche Themen berichten, setzt das die Regierung unter Druck. Es muss viel geändert werden.

Können Sie jetzt, da Sie für den deutschen Auslandsrundfunk arbeiten, dazu beitragen?

In der Urdu-Redaktion habe ich in der Tat ein Forum, wo ich über Dinge schreiben kann, die die Bevölkerung von Pakistan beschäftigen und angehen. Ich möchte zeigen, wie es in Pakistan wirklich zugeht, unter welchen schlimmen Bedingungen die Menschen leben und wie sie ständig leiden.

Haben Sie jemals überlegt, einen anderen Beruf als Journalistin zu ergreifen?

Wenn ich nicht schreiben kann, fehlt mir das wie die Luft zum Atmen. Beim Schreiben kann ich kreativ und konstruktiv sein. Nein, ich könnte keinen anderen Beruf als den der Journalistin ausüben.

Redaktion: Berthold Stevens

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