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Kultur

Westi 24 und N24 - ein Vergleich

Seit zwei Monaten sendet der staatliche russische Informationskanal "Westi 24" - Zeit für eine Bestandsaufnahme. Wir verfolgen eine Stunde das Programm von "Westi 24" und des deutschen Nachrichtensenders "N24".

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Nachrichten-West und Nachrichten-Ost

"Es ist 16 Uhr, der Informationskanal 'Westi 24' setzt seine Arbeit fort." Ein Nachrichtenstudio, eine Sprecherin: "In Izmir hat die türkische Polizei einen Mann festgenommen, der eine weitere Serie von Bombenanschlägen geplant hatte." Vor irgendwelchen Bergen bei Antalya steht der russische Generalkonsul: "Ich versichere Ihnen, dass alle in Sicherheit sind, abgesehen von dem Vorfall gestern natürlich, der hier passierte. Deshalb gibt es für unsere Touristen hier keine Gefahr." Schnitt, ein Korrespondent auf dem Flughafen Moskau-Scheremetewo befragt heimkehrende Russen: Offenbar ist keiner von ihnen aus Angst vor weiteren Anschlägen in der Türkei heimgekehrt.

Zur gleichen Zeit beim deutschen Privatsender "N24". Auch hier werden Türkei-Touristen am Flughafen interviewt - deutsche Touristen. Ist die Nationalität der einzige Unterschied zum Programm der Moskauer Kollegen?

Stilunterschiede

Anders ist auch die Aufmachung. "N24" fängt Emotionen der Zuschauer mit einer Telefonumfrage ein, fragt die deutschen Touristen nach ihrer Stimmung. Die russischen Touristen zeigen keine Emotionen. Und "Westi 24" bemüht sich auch nicht darum: Der Kanal fragt nach Gründen, nicht nach Gefühlen, lässt den Generalkonsul erörtern. Die Zuschauer sollen schon am Stil merken: Hier werden nur die Fakten vermittelt.

Eine Stilfrage also? Keineswegs allein, denn inhaltliche Unterschiede wiegen vor allem in der Berichterstattung über Innenpolitisches schwerer. Drei russische Parteien haben beschlossen, sich zur "Union des Vertrauens" zusammenzuschließen. Ausführlich spricht auf der Pressekonferenz der Vorsitzende einer der Parteien Sergej Mironov. Darauf reagieren die Konkurrenten von der Kommunistischen Partei. Im nächsten Beitrag folgt "Edinaja Rossija", die "Partei der Macht". Was zunächst nach ausgewogener Berichterstattung und Gelegenheit zur Äußerung auch für die Opposition aussieht, erfordert einen zweiten Blick. Denn erstens wurde die Parteifusion vom Kreml initiiert, und zweitens spricht Kommunisten-Chef Gennadij Ziuganow in seiner angeblichen Stellungnahme zu einem ganz anderen Thema, wird die letzten Sekunden stumm gestellt. Merkwürdig.

Cool und ausgewogen

In Sachen Ausgewogenheit der Politik-Nachrichten haben die Kollegen von "N24" die Nase vorn - wenn es denn einmal um Politik geht. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die wöchentliche Kabinettssitzung um einen Tag vorverlegt, verkündet eine Korrespondentin: "Sie startet damit die Herbstoffensive der Regierung … Da meldet sich natürlich auch die Opposition zu Wort." O-Töne von der Pressekonferenz und den Grünen flimmern über den Bildschirm, dann eine Einschätzung der Moderatorin. Das Reformtempo sei ja im Moment nicht gerade hoch: "Könnte da jetzt vielleicht ein bisschen mehr Drive reinkommen?"

Sie rollt das "rrr" amerikanisch, das klingt cool. Und darum geht es in den "N24"-Nachrichten: Drogen, Verbrechen, Katastrophen - eine Razzia gegen Anabolika-Schmuggler, ein Entführungsfall in Österreich hautnah, Hurrikan Ernesto organisiert seine Kräfte, um die amerikanische Küste zu bedrohen.

Schwerpunkt Asien

16.18 Uhr, die Schlagzeilen der Wirtschaft von "Westi 24": "Gazprom" und die deutsche "E.on Ruhrgas" haben einen Liefervertrag für Erdgas verlängert; auf dem Aktienmarkt steigen die Werte von "Gazprom" und der "Sberbank"; "Lukoil" vergrößert seine Präsenz auf den osteuropäischen Markt. Sonst berichtet "Westi 24" viel aus Asien, meist im Stile aufgepeppter offizieller Verlautbarungen, wie zum Auftritt des Vize-Chefs der russischen Regierung Dmitrij Medwedew auf einer chinesischen Buchmesse oder zu einer Pressekonferenz vom Treffen indischer und russischer Geschäftsfrauen. Im Studio-Hintergrund schwingen Ölpumpen auf und ab.

Die Wirtschaft bei "N24" liefert dagegen Info-Ressourcen für den aktiven Ich-Unternehmer. Das Konsumklima auf Fünf-Jahres-Hoch, Bayer steigert seinen Gewinn. Ein "Experte" wird interviewt: "Meine Empfehlung ist ganz klar: kaufen."

Im Anschluss das Magazin "Welt der Technik": "Nichts fährt tiefer in die Magengrube als der Anblick eines startbereiten Lamborghini." Wir schalten rüber zu den russischen Regionalnachrichten. Die laufen bei "Westi 24" immer kurz vor jeder halben und vollen Stunde und sind von unterschiedlicher Qualität. 16.25 Uhr, Beispiel Sankt Petersburg: Vertreter der Regionalregierung verkünden ihre Lösung für den Mangel an Kindergartenplätzen. Die Rolle der Korrespondentin beschränkt sich aufs Nachplappern: "Nötig sind drei Dinge … Und das alles wird 4000 neue Kindergartenplätze bringen, eine erhebliche Erleichterung der Situation."

Handzahme Interviews

16.50 Uhr, das Gegenbeispiel einer Reportage aus Tscheljabinsk: Die Administration hat die Auflösung von Geschäften in einem denkmalgeschützten Gebäude in der Stadtmitte angekündigt, weil die Betreiber das Gebäude nicht in Stand hielten. Die Reporterin besucht eines der bedrohten Geschäfte, spricht mit der Betreiberin. Diese beschwert sich: Sie hätte doch alle Steuern bezahlt, und überhaupt, für das Gebäude sei die Verwaltung zuständig. Die Reporterin deckt auf: In Wirklichkeit sucht die Staatliche Universität Raum für neue Hörsäle, "und das Denkmal aus dem 19. Jahrhundert in der Stadtmitte zieht die Aufmerksamkeit auf sich." Vertreter der Uni und der Stadt kommen zu Wort, Fazit: "Eine Lösung, die alle zufrieden stellt, ist bislang nicht in Sicht."

Zehn Minuten früher, das stündliche Kurz-Interview bei "Westi 24". Die Moderatorin ist handzahm, stellt einem Veteranen der "Speznas", einer militärischen Sonderkampftruppe, höflich Fragen: "Warum ist heute der Feiertag der Speznas?" Ach so, Putin hat ihn eingeführt. "Ich habe gehört, dass früher die Kämpfer der "Speznas" sehr gut ausgebildet waren, wie sieht es heute aus? … Die Besten der Besten? … Von welchem Alter an nehmen Sie die jungen Leute mit in Lager? Ich wollte fragen, wie viele Jahre es dauert, bis die Kinderchen zu Kampftruppen herangewachsen sind?"

Verwischung von Fakten und Werbung

Abhängigkeiten nicht politischer, sondern wirtschaftlicher Art offenbaren sich bei Interviews auf "N24". Ob Weinkenner oder Kriminologe, jeder der "Experten" darf noch schnell ein neues Buch vorstellen, auf eine Sendung hinweisen, ein Firmenlogo in die Kamera halten. Ein klarer Fall von verschwommenen Grenzen zwischen redaktionellen Inhalten und Werbebotschaften ist das "N24"-Firmenporträt. Es läuft im Reklameblock, doch der Untertitel "Firmenporträt" und die Machart suggerieren: Wir zeigen eine Reportage. Ein neues Wunder-Gesund-Getränk wird präsentiert, sogar in der Lufthansa-Mensa trinkt man es, und die Kunden strahlen.

Zum Schluss das Wetter, bei "N24" präsentiert von einer Billigfluglinie. Die Sonnenfee zeigt trübe Aussichten: "Hier haben wir unsere Webcams. Der Hamburger Hafen ist unter Regenwolken nur schwer zu erkennen. Pulli und Regenjacke werden Sie hier brauchen." Ganz nüchtern ist dagegen "Westi 24": Vor einem golfplatzgrünen Hintergrund arbeiten sich Städtenamen, Temperaturen und schlichte Wolken-Symbole von Reykjavik und London gen Osten vor. Der russische Geschäftsmann soll eben beides brauchen, das Wetter in Europa, die richtige Meinung über Russland und Wirtschaftsnachrichten aus Fernost. Eine Überleitung, und die Nachrichtenmühle dreht sich von neuem: "Es ist 17 Uhr, der Informationskanal 'Westi 24' setzt seine Arbeit fort."

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