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Amerika

Westerwelles neues Leben

Was macht ein Außenminister, der nicht mehr im Amt ist? Er macht anscheinend so weiter wie zuvor in seinem Amt. Er reist durch die Weltgeschichte, hält Reden und trifft die Wichtigen dieser Welt.

So wie Guido Westerwelle jetzt in den USA. Der Mann kann es nicht lassen, denkt man mitfühlend. Und es stimmt: Es ist fast alles so wie immer: Als Westerwelle im Ballsaal des feinen Washingtoner Willard InterContinental Einzug hält, da richten sich neugierige Blicke auf ihn, springen Verehrer um ihn herum, werden Blicke aufgefangen und Hände geschüttelt.

Locker und entspannt wie nie

Guido Westerwelleim Gespräch mit Gästen der Naumann-Stiftung (Foto: Zacarias Garcia)

Werben in eigener Sache: Westerwelle beim Jubiläum der Friedrich-Naumann-Stiftung

Doch etwas ist anders: Westerwelle kommt nicht mit großem Tamtam und Gefolge aus Sicherheitsbeamten und Mitarbeitern, sondern nur mit seinem Büroleiter. Aber was noch viel überraschender ist: Der Mann, der einst Außenminister, Vizekanzler und Parteivorsitzender war, wirkt so gelöst und entspannt wie nie. Irgendwie ist es wie mit seiner blonden Haartolle, die früher wie einbetoniert dem stärksten Windstoß trotzte und heute locker über der Stirn schwingt.

Westerwelle ist der Hauptredner beim Empfang der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung zu deren 50. Geburtstag. Doch fernab der Heimat sind die Stiftungsleute offensichtlich noch nicht à jour: Im einleitenden Imagefilm spricht Westerwelle noch als Außenminister vor regierungsamtlichem Bundesadler-Hintergrund.

Der "neue" Westerwelle macht Spaß

Es wirkt fast surreal, wie er da staatstragend und steif steht und von der Leinwand herunter die Bedeutung der Stiftungen im Allgemeinen und der Friedrich-Naumann-Stiftung im Besonderen lobt. Erst als "dear Guido" endlich auf die Bühne gebeten wird, als der reale, der wirkliche Westerwelle vor sein Publikum tritt, ist man wieder im Hier und Jetzt.

Und das macht beim "neuen" Westerwelle richtig Spaß. Er holt zu einer Welttour aus, von der Ukraine bis zum transatlantischen Markt, von den Freuden der bundesdeutschen Haushaltsdisziplin bis hin zum NSA-Skandal. Dort, wo Freunde verschiedener Meinung seien, könne man bei gutem Management sicherlich wieder zusammenfinden, tröstet er sein Publikum.

Seitenhieb auf Schäuble

Klaus Johannis, Oberbürgermeister von Sibiu, mit Ex-Außenminister Westerwelle (Foto: dpa)

Politisch immer noch aktiv: Westerwelle mit Klaus Johannis, Oberbürgermeister von Sibiu

Als er zur Ukraine-Krise kommt, wird Westerwelle plötzlich sehr ernst. Hier sieht er die Nagelprobe für die Freiheit und für den Zusammenhalt der Verbündeten auf beiden Seiten des Atlantiks. Mit einem kaum verholenen Seitenhieb auf Finanzminister Schäuble empört er sich über "german officials", die Russlands Präsident Putin mit Hitler verglichen hätten. Das sei nicht nur eine Beleidigung für Putin und das russische Volk, sondern "das ist zutiefst kontraproduktiv, um es diplomatisch zu sagen". Dass sich seine frühere Amtskollegin Hillary Clinton ähnlich geäußert hat, erwähnt er nicht in seiner Rede. Dafür holt er sich Schützenhilfe bei Henry Kissinger, den er, Westerwelle, zum Frühstück getroffen habe. "Kooperation statt Konfrontation" sei sein weiser Ratschlag gewesen.

Humor und gutes Englisch

Deutschland Bundestag Finanzkrise Griechenland Westerwelle und Schäuble

Spitzen gegen den früheren Koalitionspartner: Außenminister Westerwelle im Gespräch mit Finanzminister Schäuble (2010)

Westerwelle löst sich immer wieder vom Manuskript, er spricht frei - und er spricht Englisch. Er beherrscht die Sprache souverän. Wohl nicht anders als vor gut vier Jahren, als er sich hier im neuen Amt vorstellte und ihm aus Deutschland Meldungen über schlechtes Englisch und schlechte Manieren vorauseilten. Noch heute berichten Washingtoner "Thinktanker", wie angenehm sie dann vom neuen Außenminister überrascht waren. Und verweisen darauf, dass nicht er, sondern sein Nachfolger hörbar mit der englischen Sprache zu kämpfen habe.

Das hohe Lied der Haushaltsdisziplin

Westerwelle dagegen spielt mit ihr, singt grinsend das hohe Lied der Haushaltsdisziplin, für die es im Englischen mit dem hässlichen Wort der "Austerity" keine wohlklingende Entsprechung gebe. Auch "fiscal disciplin" lässt er als Übersetzung nicht gelten. Vielmehr sei Haushaltsdisziplin eine "wunderbare Melodie", womit er im gleichen Atemzug auch die deutschen Handelsüberschüsse verteidigt, die gerade von Obamas Finanzfachleuten immer wieder als wachstumsfeindlich gegeißelt werden.

In seiner Rede kommt Westerwelle auch auf die Stiftung zu sprechen, allerdings nicht so sehr auf die der FDP, sondern seine eigene, die auch seinen Namen trägt. Auch wenn er das Wort "Westerwelle Foundation" nicht in den Mund nimmt, man spürt Stolz bei ihm über dieses Projekt, mit dem er internationale Verständigung fördern will. Das hat es im Übrigen in Deutschland noch nicht gegeben, dass ein Politiker eine Stiftung gründet und sie auch noch nach sich benennt. Gemeinsam mit seinem Unternehmerfreund Ralph Dommermuth hat Westerwelle das Stiftungskapital aufgebracht und nutzt nun seine Reise quer durch die USA dazu, dafür zu werben. Ob Internationaler Währungsfonds oder Weltbank, ob Harvard oder Yale, überall öffnen sich die Türen für ihn und seine Stiftungsidee. Selbst die Bertelsmann-Stiftung, auf deren Washingtoner Jahresempfang er gemeinsam mit Firmen-Patriarchin Liz Mohn defiliert, scheint interessiert zu sein.

Zeit für Neuorientierung

Und am Ende muss man sich auch ein wenig selbst korrigieren: Dass Westerwelle jetzt durch die USA tourte, ist nicht Teil einer großen, unermüdlichen Reisetätigkeit, sondern bisher die Ausnahme in einem Leben, das nach mehr als 30 Jahren in der Öffentlichkeit um Zeit für eine Neuorientierung ringt.

Wo und in welcher Funktion man den Ex-Außenminister demnächst wiedersehen wird, das weiß er wohl selbst noch nicht so genau. In der Zwischenzeit sind Museen oder Gallerien ein sicherer Tipp. Den passionierten Kunstsammler zog es in Washington denn auch in die National Gallery. Die deutschen Expressionisten haben es ihm, dem früheren Vollblutpolitiker, dort angetan.

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