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Europa

Westerwelle: "Juwel im europäischen Schatz"

Die Freundschaft zwischen Deutschen und Franzosen sei für ihn nicht nur Staatsräson, sondern auch seine eigene Lebensgeschichte, sagt Außenminister Guido Westerwelle im DW-Interview.

Deutsche Welle: Herr Außenminister, 50 Jahre Élysée-Vertrag, 50 Jahre deutsch-französische Aussöhnung. Was bedeutet das für unser Land?

Guido Westerwelle: Es bedeutet zunächst einmal, dass wir in der deutsch-französischen Freundschaft ein wirkliches Juwel haben in unserem europäischen Schatz. Aber natürlich auch einen wirklichen Standpfeiler für uns als Nationen. Wenn man alleine daran denkt, dass es ungefähr 2000 Partnerschaften zwischen Städten in Deutschland und Frankreich gibt, zeigt das auch die Breite. Außerdem: ein deutsch-französischer Fernsehkanal, Soldaten, die zusammenarbeiten. Was vor 50 Jahren begonnen wurde, hat eine wirklich großartige Entwicklung genommen.

War denn die deutsch-französische Aussöhnung zwischen dem französischen Präsidenten Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer die Basis für diese unglaubliche Friedens-Erfolgsgeschichte auf diesem Kontinent?

Es war die Initialzündung - die zur Basis für die Freundschaft der Völker geworden ist. Ich selber habe das Deutsch-Französische Jugendwerk im Rheinland in meiner Jugend erlebt. Hier wurden wirklich atemberaubende Erfolgsgeschichten geschrieben: Wie wir als junge Menschen inspiriert wurden, Brieffreundschaften einzugehen oder auch unsere Länder gegenseitig zu besuchen.

Guido Westerwelle im Interview der Deutschen Welle (Foto: DW)

Außenminister Guido Westerwelle (li.) im DW-Gespräch

Haben Sie noch Ressentiments erlebt in der damaligen Zeit?

Ja, ich habe das noch erlebt. Aber ich würde es weniger Ressentiments nennen, sondern einfach Trauer oder Bestürzung über das, was Deutschland Frankreich angetan hat im Zweiten Weltkrieg. Ich habe das erlebt, als ich in der Bretagne mit Freunden zum Zelten unterwegs war. Wir wollten etwas einkaufen in einem ganz kleinen Geschäft, und eine ältere Dame wollte uns nicht bedienen. Sie ging in den hinteren Raum, und wir hörten sie weinen. Dann kam ihre Tochter nach vorne und sagte: "Jungs, das hat mit euch nichts zu tun, das liegt daran, dass der Mann meiner Mutter, mein Vater, von den Deutschen im Weltkrieg getötet worden ist." Noch in den 1970er-Jahren ist mir das passiert. Glücklicherweise prägt das heute nicht mehr die Beziehungen unserer Völker. Heute schauen Frankreich und Deutschland vor allen Dingen nach vorne.

Schauen wir vorher noch mal zurück. Wer auf diese 50 Jahre schaut, hat auch viele Paare deutsch-französischer Kooperation vor Augen. Natürlich Charles de Gaulle/Konrad Adenauer, Helmut Schmidt/Valéry Giscard d'Estaing, Helmut Kohl/François Mitterrand und auch Gerhard Schröder/Jacques Chirac. Das Erstaunliche ist: Anscheinend haben sich besonders gut die Politiker verstanden, die über Parteigrenzen hinweg agiert haben. Ist das auch ein Teil des Erfolgs dieser Partnerschaft?

Ich glaube, dass es dafür kein Gesetz gibt, und auch keine Gesetzmäßigkeit. Das hängt immer von Persönlichkeiten ab. Ich merke das ja selber, jetzt in der Zusammenarbeit mit anderen Außenministern in Europa. Da geht es nicht um Parteien oder Parteipolitik. Da geht es eher darum, wie man sich versteht. Wir hatten Glück, dass die Verantwortungsträger in Frankreich und in Deutschland in der Nachkriegsgeschichte zueinander immer - manchmal nach anfänglichen Schwierigkeiten - einen sehr engen, persönlichen Draht gefunden haben. Und genauso wird es jetzt auch wieder sein.

Frankreichs Außenminister Laurent Fabius bei einer Pressekonferenz in Paris mit Deutschlands Außenminister Guido Westerwelle (Foto:Michel Euler/AP/dapd)

Pomp in Paris: Frankreichs Außenminister Laurent Fabius (re.) bei einer Pressekonferenz mit Westerwelle

Also auch bei Angela Merkel und François Hollande. Gehen Sie davon aus, nach den ersten Reibereien, dass die beiden auch ein Traumpaar der deutsch-französischen Politik werden?

Ich halte das für gut möglich. Wir werden uns alle Mühe geben, dass das auch gelingt. Mit Alain Juppé - dem Amtsvorgänger von Außenminister Laurent Fabius von der anderen Parteifarbe - hatte ich zu Beginn auch meine Diskussionen. Dann ist es ein wirklich exzellentes Arbeitsverhältnis geworden. Mit Laurent Fabius haben wir eine sehr enge Zusammenarbeit. Wenn ich mich in Europa und der Welt umsehe, dann, glaube ich, gibt es kaum ein politisches Paar, das sich so eng austauscht wie Frankreich und Deutschland.

Deutschland und Frankreich sind immer der Motor europäischer Fortschritte gewesen, das galt für die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) der sechs, für die Europäische Gemeinschaft (EG) der neun und zwölf, dann für die Europäische Union der 15 bis 27 Mitglieder, demnächst 28. Ist der deutsch-französische Motor unerlässlich für europäische Fortschritte in der Einigung?

Frankreich und Deutschland sind wirklich für jeden Integrationsschritt in Europa eine conditio sine qua non, also eine unverzichtbare Vorbedingung. Wenn sich Deutschland und Frankreich nicht einig sind, wird es mit dem europäischen Prozess nichts werden. Trotzdem ist es wichtig, weil wir nicht mehr in Westeuropa, sondern in Europa leben, dass wir auch unsere anderen Partner und Nachbarn eng einbeziehen. Ich werbe sehr dafür, dass in diese enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich auch immer mehr Polen miteinbezogen wird, unser großer östlicher Nachbar.

Außenminister Guido Westerwelle (FPD, l) läuft am Montag (04.06.2012) neben dem französischen Außenminister Laurent Fabius (Foto: Sebastian Kahnert dpa/lbn)

Guido Westerwelle (li.) beim vertraulichen Spaziergang mit seinem Amtskollegen Laurent Fabius

Sie sind ja Rheinländer, manche sagen sogar: bekennender Rheinländer. Hat damals in Ihrer Jugend die französische Kultur - zum Beispiel der Film, das Chanson, die Literatur von Sartre bis Camus - eine Rolle gespielt oder hat das keinen Einfluss auf Sie gehabt?

Das hat eine große Rolle gespielt. Mich hat ein Autor namens André Gide immer aus vielen Gründen sehr interessiert. Ich habe aber vor allen Dingen in Frankreich gleichaltrige Freunde gehabt, in dem kleinen Ort Etampes, südlich von Paris. Dort habe ich auch mal ein Weihnachtsfest verbracht und mit meinem schrecklichen Französisch versucht, mich bei einem solchen Fest durchzuhangeln. Das ist eine Erinnerung, die man ein Leben lang nicht vergisst.

Auch dass es in Frankreich viel traditionsbewusster und traditioneller zugeht als in Deutschland?

Zum Beispiel ist das etwas, was mir in Erinnerung geblieben ist.

Auch, dass man mit den Großeltern ganz anders umgeht, als man das in Deutschland gewohnt ist?

Bei uns war das auch so und von großem Interesse, weil ich ja - neudeutsch würde man sagen - in einer Patchwork-Familie groß geworden bin. Da hat man immer genau hingeschaut, dass das wenigstens an anderen Stellen nicht ausriss. Aber ich habe das in Frankreich schon erlebt, wo man ja schon Tage vorher angefangen hat, auch kulinarisch, ein Fest wie Weihnachten vorzubereiten. Das ist unvergesslich. Auch mit welcher Liebe man uns deutschen Jugendlichen begegnet ist. Jedenfalls in dieser Familie hat man uns immer davor bewahrt, in zu jungen Jahren gleich mit der ganzen Wucht der Geschichte konfrontiert zu werden. Stattdessen hat man sich einfach darüber gefreut, dass ich mit der Tochter und dem Sohn gut zurecht kam und wir viel unternommen haben. Das hat mich persönlich sehr geprägt. Deswegen ist für mich die deutsch-französische Freundschaft nicht nur eine Angelegenheit als Außenminister oder als Politiker, für mich ist das weit mehr als Staatsräson. Für mich ist das ein gelebtes Kapitel meiner eigenen Lebensgeschichte und ich glaube, wir wären ärmer (ohne sie).

Trotzdem kommen Sie um eine Schlussfrage nicht herum: französisches oder italienisches Essen?

Ach das hört sich jetzt spießig an, aber wenn wir selber kochen, kochen wir sehr gerne sehr gut bürgerlich, ehrlich gesagt sehr deutsch.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Alexander Kudascheff.

Guido Westerwelle (51) ist seit 2009 deutscher Außenminister. Der in Bonn aufgewachsene liberale Politiker war von 2001 bis 2011 Vorsitzender der FDP. Der studierte Jurist gehört seit 1996 dem Bundestag an. Die Unterzeichnung des Freundschaftsvertrages zwischen Deutschland und Frankreich am 22. Januar 1963 jährt sich zum fünfzigsten Mal und wird in Berlin mit einer gemeinsamen Sitzung der Parlamente gefeiert.

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