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Afrika

Westafrika: Die Furcht vor Boko Haram wächst

Eine Militäroffensive soll Boko Haram in den vergangenen Monaten in Nigeria geschwächt haben. Nun mehren sich Anschläge in Kamerun, Niger und im Tschad. Die Terrorgruppe weicht in die Nachbarländer aus.

Nigeria - Soldaten an der Grenze zu Niger

Nigrische Soldaten im Norden Nigerias

Am vergangenen Freitag soll eine Minderjährige in Kamerun versucht haben, sich vor einer Moschee in die Luft zu sprengen. Im Tschad sollen sich am Wochenende zwei Mädchen in die Luft gesprengt haben, mehrere Todesopfer seien zu beklagen. Solche und ähnliche Meldungen hören die Bewohner in der Region rund um den Tschadsee - wo Niger, der

Tschad

und Kamerun an Nigeria grenzen, zurzeit beinahe täglich. Dazu kommt: Die Medien berichten nicht über alle Anschläge. Denn im Tschad erschwert eine neue Anti-Terror-Gesetzgebung die Berichterstattung über den islamistischen Extremismus. Die Probleme würden schlicht verschwiegen, so Beobachter.

Niger: das verwundbarste Land der Region

Über 150.000 Menschen flohen in den vergangenen Jahren vor Boko Haram aus Nigeria in den Südosten des Nachbarlandes Niger. "Und auch viele Nigrer sind auf der Flucht", sagt Klaas van Walraven, Niger-Experte am Zentrum für Afrikanische Studien im niederländischen Leiden. "Die Flüchtlinge sind das größte humanitäre Problem, und auch die Wirtschaft im Südosten des Landes ist schwer unter Druck."

Auch dort - in der ärmsten Region des ärmsten Landes der Erde - hat sich Boko Haram inzwischen festgesetzt. Die Grenzstädte und -dörfer um Diffa und Bosso entlang des Grenzflusses Koumadougou werden immer wieder Schauplätze von Attentaten. "Das liegt vor allem daran, dass nigerianische und tschadische Truppen Offensiven auf Stellungen von Boko Haram in Nigeria gestartet haben und viele Boko-Haram-Kämpfer deshalb auf die Nachbarländer - in diesem Fall nach Niger - ausgewichen sind", sagt van Walraven.

Niger sei mit dem Kampf gegen die Terroristen überfordert. "Die nigrischen Streitkräfte sind sehr schwach", so van Walraven. "Niger ist ein riesiges Land, das geographisch größte in der Region, und gerade dieses abgelegene südliche Gebiet, an der Grenze zu Nigeria ist militärisch schwer kontrollierbar."

Flucht über den Tschadsee (Foto: dpa)

Mit solchen Booten sind viele Menschen über den Tschadsee vor Boko Haram geflohen

Boko Haram rekrutiert in ganz Westafrika

Auch Andreas Mehler, Professor für Entwicklungspolitik an der Universität Freiburg, vermutet, dass die Offensive gegen Boko Haram in Nigeria der Grund dafür ist, dass die Gewalt in Nigerias Nachbarländern ansteigt. Allerdings kämen nicht alle Attentäter aus Nigeria, sagt er. In der ganzen Region, zum Beispiel in manchen Gebieten in Nord-Kamerun, fänden die Dschihadisten einen fruchtbaren Nährboden für ihre Ideologie. Soziale Probleme wie Armut und andere soziologische Faktoren erleichterten die Rekrutierung von neuen Selbstmordattentätern, so Mehler.

"Vor wenigen Jahren noch wurde immer wieder behauptet, wir werden nie so etwas haben wie einen afrikanischen Terrorismus. Niemand würde sich da selbst in die Luft sprengen. Das würde nicht zu afrikanischer Kultur passen", sagt der Westafrika-Experte Mehler. Doch das habe sich stark verändert, wie die jüngsten Fälle zeigten. "Die Frage ist: Wieviel davon ist Zwang oder Gehirnwäsche und wieviel ist religiöse Überzeugung? Inzwischen muss man davon ausgehen, dass eine radikal-muslimische Variante in dieser Region durchaus Zulauf hat", so Mehler. Misstrauen gegenüber den Nachbarn, aber auch den Mitmenschen aus dem eigenen Land sind die Folge.

Wie effektiv ist die Zusammenarbeit?

Nach der Wahl von Muhammadu Buhari zu Nigerias neuem Präsidenten im Mai beschlossen die Länder, beim Kampf gegen Boko Haram enger zusammenzuarbeiten. Nigeria,

Kamerun

und der Tschad sollten eine gemeinsame Eingreiftruppe aus insgesamt 8.700 Mann bilden. Sechs Monate später ist diese internationale Zusammenarbeit aber kaum sichtbar. Viele Beobachter erkennen zwar Erfolge der nigerianischen Armee im Kampf gegen Boko Haram an. Doch grenzüberschreitend werde nur selten gehandelt, sagt Mehler von der Universität Freiburg. "Dabei ist eine internationale Strategie notwendiger denn je."

Kamerun Soldaten Anti Boko Haram (Foto: dpa)

Soldaten aus Kamerun patrouillieren an der Grenze zu Nigeria

Der Tschad sei als einziges Land der Region "einigermaßen bereit, auch international zu agieren", räumt Mehler ein. Die tschadische Armee sei regelmäßig in Nigeria oder Kamerun in Aktion getreten. Das sei dort aber nicht immer gut angekommen: „Die Regierungen haben Angst vor Souveränitätsverlust. Und wenn jemand über Grenzen hinweg verfolgt wird, ist das ein erster Akt, der Souveränität in Frage stellt. Das ist für die jeweiligen Regierungen ein sehr schwieriges Thema.“

Sani Kuka Sheka, Sprecher der nigerianischen Streitkräfte, äußert sich optimistischer: Die Zusammenarbeit zwischen Nigeria und seinen Nachbarländern im Kampf gegen den Terrorismus in der Region sei eng und sehr erfolgreich, sagt er im DW-Interview. Es handele sich um eine völlig neue Militärpartnerschaft, die auf Ebene der Vereinten Nationen abgesegnet sei und alle Länder des Tschad-Beckens umfasse. "Jedes Land trägt Verantwortung dafür, dass Boko-Haram-Kämpfer keinerlei Bewegungsfreiheit genießen - in keinem dieser Länder.“

Geschlossene Schulen und Panik in der Bevölkerung

Klaas van Walraven von der Universität Leiden hält dagegen: Das große Gebiet sei militärisch kaum zu kontrollieren. Er befürchtet, dass Boko Haram in den nächsten Jahren seinen Einfluss von Nigeria auf die gesamte Region weiter ausweitet, vor allem auf das schwächste Land Niger. Dort leidet die Bevölkerung schon jetzt stark: "Die

Schulen

in der Region Diffa mussten wegen der unsicheren Lage nach einer Reihe von Angriffen durch die Extremisten bereits schließen. Es fehlen Lehrer, die Bevölkerung ist in Panik", so von Walraven. Viele

Kinder,

die mit ihren Eltern vor dem Terror geflohen sind, seien in Flüchtlingslagern, in denen es gar keine Schulen gebe.

Die Extremisten von Boko Haram kämpfen für die Errichtung eines islamischen Staates im mehrheitlich muslimischen Nordosten Nigerias. Mindestens 17.000 Menschen wurden in dem Konflikt bisher getötet, mehr als 2,5 Mio. wurden durch die Gewalt in die Flucht getrieben.

Mitarbeit: Al-Amin Suleiman Muhammad

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