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Afrika

"West-zentralafrikanische Militärkraft schaffen"

Angesichts der Radikalisierung der kämpfenden Gruppen in Mali warnt die Politologin Julia Leininger vor einem militärischen Eingreifen der EU und erklärt, wie eine kluge Politik des Westens stattdessen aussehen könnte.

Dr. Julia Leininger, Afrika-Koordinatorin der in der Abteilung Governance, Staatlichkeit und Sicherheit am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE).

Dr. Julia Leininger

DW: Frau Leininger, die malische Regierung hat den Norden des Landes seit geraumer Zeit nicht mehr unter Kontrolle. Wo liegen aus Ihrer Sicht die Gründe für diesen Machtverlust?

Vermummter Kämpfer einer islamistischen Gruppe mit Gewehr in Mali (Foto: GettyImages)

Offenbar haben die Kämpfer großen Zustrom von Islamisten

Julia Leininger: Zwei unterschiedliche Entwicklungen haben dabei zusammengespielt. Zunächst sind die Tuareg im Norden des Landes seit den 60er Jahren für die Unabhängigkeit ihrer Region - Azawad - eingetreten, ein Gebiet größer als Frankreich, das rund zwei Drittel des malischen Territoriums umfasst. In diesem Rahmen kam es in den 60er und dann wieder in den 90er Jahren zu zwei Kriegen gegen den malischen Staat, die 2006 wieder aufflammten. Die Tuareg verfolgen einerseits politische, andererseits aber auch kriminelle Interessen. Dabei spielt der Umstand eine Rolle, dass die Sahara seit jeher ein rechtsfreier Raum ist. Die alten arabischen Handelsrouten durch die Sahara werden auch für Schmuggel genutzt. Teilen der Tuaregs gehrt es darum, diese Schmuggelwege zu erhalten.

Die andere Entwicklung dürfte dann die religiöse sein.

Nur teilweise. Wir haben es mit ganz unterschiedlichen Gruppierungen zu tun: Die erste ist "Al Qaida du Maghreb islamique". Sie entstand 2007 als Nachfolgeorganisation der algerischen Salafisten. Nachdem sie aus Algerien vertrieben wurden, haben sich deren Kämpfer im rechtsfreien Raum der Sahara niedergelassen. In letzter Zeit haben sie sich immer weiter radikalisiert. Einzelnen Mitgliedern werden Verbindungen zur internationalen Al Qaida sowie nach Pakistan nachgesagt. Die Gruppe hat eine extreme religiöse Agenda. So macht sie sich etwa für die Einführung eines radikalen Scharia-Gesetzes stark. Zugleich aber verfolgt die Gruppe offenbar auch finanzielle Interessen. So machen sie ein Millionengeschäft mit der Entführung von Geiseln. Man schätzt, dass sie dadurch seit 2008 einen Gewinn von rund 50 Millionen Euro gemacht haben. Die Mitglieder dieser Gruppe sind vorrangig Ausländer - vor allem Algerier und Mauretanier -, die nun zunehmend auch Malier rekrutieren.

Neben internationalen Islamistengruppen stehen aber auch solche, die ihren Aktionsradius vornehmlich auf Mali selbst beschränken.

Ja. Es handelt sich vor allem um zwei Gruppierungen: den "Mouvement pour l´unicité et le jihad en Afrique de l´Ouest" (Mujao) und die "Ansar Dine". Die Mujao ist die jüngere, zudem auch undurchsichtigere Organisation. Zu ihrer Führungsschicht gehören auch religiös motivierte Tuaregs. Vor allem verfolgt die Gruppe aber auch ökonomische Interessen. Die Religion ist für sie ein Instrument, um ihre Ziele durchzusetzen. Ähnliches gilt grundsätzlich auch für die "Ansar Dine". Allerdings ist sie in geringem Maß religiös ausgerichtet.

Aus welchen Gründen kam es gerade in Mali zu dieser Entwicklung - und nicht etwa, um ein Beispiel zu benennen, im benachbarten Tschad?

Malis Staat ist schwach, die Grenzen im Norden kaum gesichert. Dies ist auch durch die erfolglose Militärreform nach 1996 bedingt. Die hat hauptsächlich zu einer Schwächung des malischen Militärs geführt. Zudem haben sich die kriminellen Kräfte mit Teilen der Staatskräfteim Norden des Landes verbündet. Zollbeamte, Militärs und Polizisten profitieren vom Schmuggel und erhalten Zahlungen, wenn sie die Routen für Tabak-, Drogen- und Autoschmuggel frei halten.

Wie sehen Sie die Gefahr, dass Mali zu einem neuen Sammelbecken islamistischer Terroristen werden könnte?

Derzeit kursieren Gerüchte, denen zufolge "Al Qaida du Maghreb islamique" und "Ansar Dine" derzeit großen Zustrom von jungen Männern aus dem Sudan, aus Pakistan, Algerien und anderen Staaten erhalten. Allein in den letzten Wochen sollen es einige Hundert gewesen sein. Trifft das zu, dann wird sich die Bewegung stark internationalisieren. Würde die EU die Niederschlagung dieser Kräfte in militärischer oder anderer Form unterstützen, kann man Vergeltungsschläge in Europa nicht ausschließen.

Wie sähe demgegenüber denn eine kluge Politik des Westens aus?

Die sollte sich - und tut das ja auch schon - auf regionale Kräfte stützen, etwa auf die "Community Of West African States" (ECOWAS). Allerdings sind die hinter ihnen stehenden Staaten militärisch zu schwach aufgestellt oder zu einer Intervention nicht bereit. Käme der Westen aber mit Algerien und vor allem dem Tschad konstruktiver ins Gespräch, könnte man eine west-zentralafrikanische Militärkraft aufbauen. Beide Staaten haben Erfahrungen mit Kämpfen in dieser Art von Territorium.

Angenommen, die Bundeswehr würden sich an diesen Einsätzen beteiligen: Wie könnte sie das auf angemessene Art tun?

Es wäre gut, wenn sich Deutschland in Mali durch Beratung und materielle Unterstützung engagierte. Fraglich hingegen wäre der direkte Einsatz von Truppen. Denn käme es so weit, wäre die Lage bereits derart eskaliert, dass auch externe Kräfte sie nur noch bedingt lösen können. Umso besser wäre es, wenn Deutschland seine bisherige Arbeit fortsetzen und sich etwa für eine verstärkte Ausbildung in der Region bemühen würde. So gibt es etwa in Niger die EUCap-Sahel, eine Ausbildungsmission der EU. Die könnte man weiter ausbauen, um dort malische und andere Militärs zu trainieren. Ausbildung, Beratung und logistische Unterstützung: Das wäre ein Deutschland angemessenes Engagement.

Dr. Julia Leininger ist Politikwissenschaftlerin und forscht am "Deutschen Institut für Entwicklungspolitik" über die Transformation politischer Systeme in Subsahara-Afrika

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