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Kultur

Werkstatt für neue Landschaften

Künstliche Seen, schwimmende Häuser, ein Lagunendorf: Die Internationale Bauausstellung in der Lausitz zeigt, wie einer früheren Industrieregion die Verwandlung zur Kultur- und Freizeitlandschaft gelingen kann.

Collage mit Bildern aus der Lausitz

Die Lausitz: von der Braunkohle geschunden, für die Touristen neu erfunden

Schon immer haben Internationale Bauausstellungen ("IBA") auf brennende Fragen der Zeit reagiert. Die Interbau 1957 half etwa, den Wiederaufbau West-Berlins zu organisieren. Berühmte Architekten aus aller Welt entwarfen damals mustergültige Häuser. Und vor zehn Jahren beispielsweise präsentierte die IBA Emscherpark ein grünes und sauberes Ruhrgebiet.

Nun trifft die Internationale Bauausstellung im Fürst-Pückler-Land, einer Region in der ostdeutschen Lausitz, erneut den Zeitgeist. Doch diesmal geht es nicht um Architektur, sondern um die Rekultivierung einer ganzen Industrieregion. Die Lausitz soll ihr Schmuddel-Image verlieren: Dort, wo der Kohletagebau großflächige Brachen hinterlassen hatte, entsteht eine attraktive Seenlandschaft. Im Info- und Ausstellungszentrum Großräschen wird jetzt eine vorläufige Bilanz gezogen.

Ilse-See mit Seebrück Geliefert von: Janine Mahler

Ilse-See mit Seebrück

Kapriziöser Fürst als Namensgeber

Im 19. Jahrhundert galt Fürst Pückler-Muskau als Exzentriker, wie wir sie sonst nur aus England kennen. Er fuhr, von einem Hirschen gezogen, mit dem Schlitten über Berlins Prachtstraße "Unter den Linden" und gilt als Erfinder einer Eisspezialität, die auch seinen Namen trägt. Sein Grab ist eine grasbewachsene Erdpyramide in einem Park bei Cottbus, der zu den schönsten englischen Landschaftsgärten in Deutschland zählt. Und so ist es ein wenig kurios, dass ausgerechnet dieser Fürst zum Namensvetter für eine Internationale Bauhausstellung wurde, die aus einer zerschundenen Mondlandschaft eine grünes Paradies mit hohem Freizeitwert machen will.

Die Lausitz ist traditionell ein Bergbaurevier, dazu gab es Glas- und Textilindustrie. Nach der Wende wurde die Braunkohleförderung im Tagebau weitgehend eingestellt. Der Verlust wiegt schwer und nagt am Selbstbewusstsein der Bewohner. Eine Arbeitslosenquote um die 20 Prozent ist in der Region keine Seltenheit. Viele Menschen verlassen ihre Heimat, um an anderen Orten Arbeit zu finden. Als Werkstatt für neue Landschaften will die IBA Fürst-Pückler-Land nun neue Wege gehen, um den notwendigen Strukturwandel zu unterstützen. Ihr Herzstück ist die Seestadt Großräschen. Auf die Idee, rund um das leergebaggerte Areal eine Seestadt mit Hotels, Strand und Hafen zu bauen, reagierten viele Bewohner zunächst mit Spott und Hohn. Hotel, Strand und Hafen gibt es nun, doch der See lässt noch auf sich warten: Erst im Jahr 2015 wird das enorme Tagebauloch geflutet sein.

Schwimmendes Ferienhaus Partwitzer See Geliefert von: Janine Mahler

Schwimmendes Ferienhaus auf dem Partwitzer See

Stillgelegter Riesenbagger

Ein stillgelegtes Monster mit dem schlichten Namen "F60" ist inzwischen zur Besucher-Attraktion geworden: Eine riesige Abraumförderbrücke, die ein wenig aussieht, als wäre der Pariser Eiffelturm umgekippt. Die F60 war nur kurzzeitig in Betrieb, und manche Bewohner sind ganz froh darüber. Schließlich hätte das schwere Gerät ganze Dörfer weggebaggert. Nun gehört es zum Bergbaumuseum: ein besiegter Drachen, der nicht mehr gefährlich schnauft. Doch mit dem stillgelegten Drachen sind auch die Arbeitsplätze verschwunden. Es bleiben also ambivalente Gefühle, angesichts der dramatischen Veränderungen, die seit der Wende in der Lausitz stattgefunden haben.

Der IBA ist es gelungen, mit der F60 das einstige Flaggschiff des Kohlereviers als Industriedenkmal zu erhalten. Schon seit 2002 können Besucher auf die 80 Meter hohe Förderbrücke gehen. Rolf Kuhn, Geschäftsführer der IBA Fürst-Pückler-Land, gerät immer noch ins Schwärmen, wenn er von der F60 erzählt: "Es gibt diesen wunderschönen, schwebenden Weg. Die Besucher können in die Konstruktion des Kolosses schauen, die Ingenieurskunst bestaunen und gleichzeitig in eine Landschaft schauen, der man ansieht, dass sie Wunden hat, der man aber auch ansieht, dass sie sich fast täglich verändert".

Mit solchen Projekten will Rolf Kuhn der Lausitz ein neues Gesicht und ein neues Image geben, der Bevölkerung neue Hoffnung vermitteln. Das gilt nicht nur für die F60, auch die imposanten Bio-Türme der Kokerei Lauchhammer, die schwimmenden Häuser, unzählige Seen, die mit schiffbaren Kanälen vernetzt worden sind, und eine ganze Lagunenstadt dienen diesem anspruchsvollen Ziel.

Ehemalige Abraumhalte Geliert von: Janine Mahler

Bizarre Landschaftsformationen - geschaffen vom Braunkohletagebau

Mit Kultur gegen die Depression

Zum Konzept der IBA gehören die Erinnerung an das industrielle Erbe und der mutige Blick in die Zukunft. Genaugenommen ist die Präsentation nur eine Zwischenbilanz. Nach Ende der Internationalen Bauausstellung werden örtliche Fördervereine die Projekte übernehmen und weiterentwickeln. Doch zunächst wird gefeiert. 600.000 Euro gibt es für das Open-Air-Festival, das im Sommer für Aufbruchsstimmung sorgen soll. Der Schweizer Theatermacher Jürg Montalta wird an sieben verschiedenen Orten mit den Bewohnern "Paradies 2" inszenieren, um Wehmut, Depression und Verstopfung aus den Lausitzer Köpfen zu kriegen. Aus einem Ort des Abbruchs ist ein Ort des Aufbaus geworden. IBA-Geschäftsführer Rolf Kuhn, der vor einem guten Jahrzehnt vom berühmten Dessauer Bauhaus in die problembeladene Lausitz kam, ist sichtlich stolz auf die geleistete Arbeit im Fürst-Pückler-Land: "In der Lausitz wurde keine Hoffnung begraben", so seine Diagnose, "vielmehr sind Symbole einer neuen Hoffnung entstanden".

Mutiger Blick in die Zukunft

In Großräschen zeigt die Region ihr optimistisches Gesicht. Die IBA Fürst-Pückler-Land hilft den Menschen vor Ort, eine neue, zeitgemäße Identität zu finden und putzt sich heraus für hoffentlich viele Besucher aus Deutschland und der Welt, die hier im Süden Brandenburgs vielfältige Anregungen finden, wie Strukturprobleme nachhaltig gelöst werden können.

Als Fürst Pückler seinen Landschaftspark in Muskau plante, warb er bei den Bewohnern um Unterstützung. Er hatte sie vor eine harte Entscheidung gestellt: Entweder sie unterstützen ihn oder er werde mit seinem Projekt weiterziehen. Als Gegenleistung versprach er Lohn und Brot. Die Bürger gingen damals einen mutigen Weg, und das Projekt wurde zu einer Erfolgsgeschichte. Heute steht der Muskauer Park auf der UNESCO-Welterbeliste. Ein Drittel des Parks liegt heute in Deutschland, zwei Drittel auf polnischem Staatsgebiet. Fürst Pückler wäre das sicher egal, Hauptsache er beflügelt mit seinen Ideen eine ganze Region, die sich in postindustrieller Zeit neu erfinden muss.

Autor: Adolf Stock
Redaktion: Aya Bach

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